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M.Winnemuth: Um es kurz zu machen: Selbstwirksamkeit: Da geht noch was

Man kann an der Welt verzweifeln. Oder man versucht zu helfen. Damit das klappt, muss man allerdings zunächst: sich selbst helfen. Selbstwirksamkeit heißt das Zauberwort.

Selbstwirksamkeit: Da geht bei uns allen noch etwas mehr

Selbstwirksamkeit funktioniert auch in der Gemeinschaft: Es gibt genug zu tun.

Es ist die Zeit der großen Rückblicke, eine Tradition, die in diesem Jahr noch weniger Spaß macht als sonst. Denn alles, was mir zu 2018 einfällt, existiert schon so viel länger als ein Jahr und wird uns voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre umtreiben.

Nichts davon macht gute Laune: Trump und kein Ende, Brexit und kein Ende, Dieselskandal, Erdogan, Syrien, Jemen – das ist inzwischen alles schon so lange unerträglich, dass man jede Hoffnung auf Ausweg und Rettung begraben hat. Es ist wie eine chinesische Wasserfolter: steter Tropfen, komplett ausgehöhlter Stein.

Kettensägenmassaker

Da ist keine Erlösung in Sicht, das wird einfach immer genau so weitergehen, so fühlt es sich wenigstens an. Vielleicht liegt es an meiner tief sitzenden Ungeduld, die mit abnehmender Lebenszeit eher noch wächst, aber die ohnmächtige Erfahrung, dass die vernünftigsten Köpfe und einflussreichsten Menschen der Welt die seit Langem klar erkannten und alle klar betreffenden Probleme wie den Klimawandel nicht in den Griff kriegen, geht mir an die Nieren und auf die Nerven und auch sonst überall dorthin, wo es wehtut, ebenso wie die Tatsache, dass die Mächtigen vor aller Augen mit den unverschämtesten Lügen und grausamsten Kettensägenmassakern davonkommen, ohne auch nur ansatzweise zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Jetzt alle so richtig gut gelaunt? Dachte ich mir. Tschuldigung.

Ach so, das Abkacken der sogenannten Mannschaft hatte ich vergessen, das war ja auch 2018. Noch mal Tschuldigung.

Mein 2018 war super, danke der Nachfrage. Ich habe nämlich etwas getan, worauf ich nicht stolz bin: Ich bin einfach abgehauen. Anfang des Jahres hatte ich derart genug von der Welt, siehe oben, dass ich dachte: Nichts wie weg. Ich suche mir ein Sanatorium, ich muss genesen, um wieder zurechnungsfähig zu werden.

Also bin ich für ein Jahr in meinen Garten gezogen. Oder vielmehr in das, was erst noch mein Garten werden sollte. Raus aus der Stadt, raus aufs Land. Raus aus dem Dreck, rein in einen anderen Dreck, einen besseren. Ich habe gegraben und mich vergraben. Ich habe gehackt, gesät, gepflanzt, gejätet, gelegentlich um mich gehauen. Ich habe Kartoffeln und Tomaten gezogen, Wildobststräucher gesetzt, die Radieschen von oben betrachtet. Ich habe geackert wie nie und mich nur um dieses kleine Stückchen Erde gekümmert, statt an dem Rest der Welt zu verzweifeln. Jetzt habe ich wieder Boden unter den Füßen, und zwar welchen, den ich persönlich dorthin geschaufelt habe.

Die Psychologen nennen es, glaube ich, Selbstwirksamkeit: das Gefühl, sein Leben selbst in der Hand zu haben. Die Zuversicht, dass man die Dinge aus eigener Kraft bewältigt. Die Tragödie der Moderne ist, dass einem dieses Gefühl immer mehr abhandenkommt. Dass man trotz aller Freiheiten immer weniger machen kann und immer mehr mitmachen muss.

Selbstwirksamkeit funktioniert auch in gemeinsam

Dagegen hilft ein Garten. Bei mir jedenfalls, vielleicht funktioniert es nicht bei jedem. Wieso bin ich aber nicht stolz darauf? Weil ich glaube, dass der Rückzug auf die eigene Scholle diese Welt nicht rettet. Dazu muss man leider wieder zurück in die Zivilisation oder das, was von ihr übrig geblieben ist.

Auch da gilt es, was zu beackern, und genau das habe ich vor im nächsten Jahr. Meine Felder sind bestellt: Ich will mich zur Ersthelferin ausbilden lassen. Ich werde für fünf Jahre Schöffin. Selbstwirksamkeit funktioniert auch in der Gemeinschaft: Es gibt genug zu tun, und in meinem Garten ist die Kraft dafür gewachsen. Es ist wie bei einer Flugkatastrophe: Man muss sich selbst zuerst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen helfen kann.

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Kindesunterhalt für volljähriges Kind ohne Zielstrebigkeit
Mein Kind ist 19 Jahre alt und lebt im Haushalt der Mutter. Es hat im Juli 2017 seine Schule nach der 10. Klasse dann mit Hauptschulabschluss verlassen. Danach wollte es auf einer Berfsfachschule Einzelhandel seinen Realschulabschluss nachholen (2 Jahre). Es besuchte die Schule im ersten Halbjahr nicht wirklich regelmäßig und im zweiten Halbjahr dann so gut wie gar nicht mehr. (zum Ende hin, ist es gar nicht mehr zur Schule gegangen) Das notwendige zweite Jahr ging es dann gar nicht mehr an. Stattdessen hat es sich für ein freiwilliges Soziales Jahr beworben und geht hier mehr oder weniger regelmäßig hin. Nun möchte es das FSJ abbrechen und wieder seinen Realschulabschluss nachholen. Dies soll in Vollzeit an der Volkshochschule geschehen. Zwischendurch ist immer wieder die Rede von verschiedenen Ausbildungen. Ein wirkliches Konzept, oder Interesse ist aber auch hier nicht erkennbar. Mal kommt es mit dem Berufswunsch Tierarzthelfer/In, mal mit Immobilienkaufmann/-Frau, oder Ähnlichem. Informationen über freie Stellen, oder Inhalte des Berufs und der Ausbildung können nicht genannt werden. Bei laufenden Bewerbungen am Ball zu bleiben liegt ihm auch nicht wirklich. Hab die Bewerbung ja hingeschickt, damit soll es dann auch gut sein. Langsam drängt sich mir der Verdacht auf, es sucht sich den bequemsten Weg heraus und verlässt sich auf meine nicht unerheblichen Unterhaltszahlungen. Frei nach dem Motto: Was soll ich mich kümmern, Väterchen muss ja zahlen, solange ich Schule oder Ausbildung mache. Um meinem Kind Anreize zu geben, endlich Zielstrebigkeit zu entwickeln, habe ich schon über die Kürzung bzw. Einstellung des Unterhals nachgedacht. Wie verhält sich das rechtlich, bzw. was kann ich tun?