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Memoiren: Bekenntnisse eines Süchtigen

Das Buch ist langatmig und doch Bestseller. Denn Bill Clinton verkörpert noch immer die Sehnsucht nach dem anderen Amerika.

Richard Lange ist ein einfacher, grauhaariger Mann, der vor 48 Jahren aus Cuxhaven nach Amerika auswanderte. Clinton nennt ihn "meinen Freund". In "Lange's Little Store" an der Country Road/Ecke King Street hier in Chappaqua trank Clinton Diet Coke und naschte vom gegrillten Hühnchen und der Leberwurst, wenn er mal wieder eine Pause machte beim Schreiben seiner Memoiren. Hier war er ganz der Alte, der seine Finger nicht lassen konnte von den Versuchungen des Lebens. Und wenn einer der Kunden wissen wollte, wie Bill Clinton die Welt sah, erklärte Bill Clinton ihm die Welt und schien so erfüllt, wie einer nur sein kann, der als Lieblingshobby "Leute treffen" angibt.

Für Richard Lange ist Clinton "ein ganz normaler Amerikaner" geblieben. Und wie zum Beweis fügt er in seinem norddeutsch gefärbten Brooklyner Akzent hinzu: "Er macht jetzt die Low-Carb-Diät und isst kein Brot und keine Pasta mehr. Er hat schon 35 Pfund abgenommen." So sieht man Clinton in Chappaqua, einer kleinen Stadt nördlich von New York - als netten Kerl von nebenan.

Manchmal kam der neue Mitbürger auch vorbei, wenn er seine Memoiren vor Wut nicht weiterschreiben konnte, wenn er beim Ritt durch sein Leben mal wieder in den Abgründen angekommen war. Damals, Ende der fünfziger Jahre, als Bills alkoholkranker Stiefvater die Mutter schwer verprügelte und mit der Pistole auf sie schoss. Oder 1998, als ihn Kenneth Starr vor laufender Kamera befragte, wie Oralsex mit Monica Lewinsky im Detail ablief. Da waren Langes Delikatessen eine gute Abwechslung, und in der hintersten Ecke lief im Fernsehen den ganzen Tag Sport.

Amerika wartete auf das Buch

Es wurde Herbst, und die Memoiren waren nicht fertig. Es wurde Februar, und Clinton begann endlich richtig zu schreiben, bis nachts um halb vier. Es wurde April, und er sagte: "Ich schlafe kaum. Ich bringe mich noch um dabei." Es wurde Juni, und Amerika wartete auf das Buch.

Es ist Mittwoch, der 16. Juni, ein lauer Abend am Washington Square in New York City. Vor dem Arts Center, entlang eines langen roten Teppichs, kämpfen mehr als hundert Fotografen um die besten Plätze. Bill Clinton wird zur Premiere des Dokumentarfilms "The Hunting of the President" erwartet, der sich mit seinen Feinden beschäftigt.

Zwei Tage zuvor hat George W. Bush ihn im Weißen Haus bei der Enthüllung seines Porträts als einen Präsidenten "voller Kraft" und "Mitgefühl" gepriesen. Clintons Verlag meldet, dass die Memoiren in einer Rekordauflage von 1,5 Millionen erscheinen und die des Papstes locker schlagen werden. Und noch am Abend sickern die ersten Details des so geheim gehaltenen Buches durch: Clinton beschreibt seine dunkle, bisher unbekannte Seite.

Clinton musste nach dem Lewinsky-Skandal auf dem Sofa schlafen. Clintons Frau Hillary erwog die Trennung. Clintons Tochter Chelsea sprach nicht mehr mit ihm. Nur sein Hund Buddy stand ihm noch bei. Das sind die Schlagzeilen. Für Clintons Kampf gegen al Qaeda oder den Kosovo-Krieg interessiert sich keiner.

Der Film porträtiert Clinton dann so, wie er sich selber gern sieht: als Opfer einer rechten Kabale aus dubiosen Anwälten, vorbestraften Betrügern, christlichen Fundamentalisten und publicitygeilen Schlampen. Und als Frauenheld.

Seine ehemalige Stabschefin Betsey Wright verrät: "Es ist furchtbar, wenn ein Präsident Groupies hat. Die Frauen sind nur so über ihn hergefallen. Es hat mich verrückt gemacht." Das Premierenpublikum muss an dieser Stelle etwas lachen. Uma Thurman klatscht begeistert, und Salman Rushdie, der neben seiner Frau, einer langbeinigen Schönheit, sitzt, blickt grinsend zu ihr hinüber. Sie sind sich einig. Sie haben hier nichts gegen Frauenhelden.

Nach dem Film betritt Clinton plötzlich die Bühne. Er trägt einen dunklen Anzug und eine lachsfarbene Krawatte und lächelt gerade so viel, dass man ihn ins Herz schließen muss, aber nicht so viel, dass man ihn für selbstverliebt halten könnte. Clinton kündigt an, dass er nur ein paar Worte sagen will, und redet dann los, als wäre er vier Monate in einem kleinen weißen Schuppen ohne Bananen-Erdnussbutter-Sandwiches, Diät-Cola und Frauen eingesperrt gewesen.

Er nennt den Namen Lewinsky nicht

Er sagt, dass die Rechten nach dem Fall der Berliner Mauer einen neuen Feind brauchten, und dieser Feind war er. Er sagt, er dürfe noch nicht über sein Buch reden, aber dann redet er über sein Buch und erwähnt auch "dieses Ding 1998". Er nennt den Namen Lewinsky nicht. Er nennt es "das Ding" oder "meinen dummen Fehler". Und er wolle jetzt wirklich zum Ende kommen, aber dann taucht er noch einmal ab in die Geschichte Amerikas und landet über George Washington und Abraham Lincoln bei Bill Clinton.

Die Zuschauer springen von den Sitzen auf und jubeln. Glenn Close sieht aus, als wollte sie Clinton gleich vernaschen. Salman Rushdie wird später auf der Premierenparty im roten Disconebel stehen und Clinton in den Himmel loben. Das ist ihr Präsident. Das ist ihre Generation. Clinton sieht immer noch gut aus, das Haar dicht und weiß, die Haut gebräunt und der Bauch weg. Er wirkt noch ein bisschen klüger angesichts des derzeitigen Präsidenten. Er wirkt noch ein bisschen charismatischer angesichts des derzeitigen Herausforderers. Er wirkt noch ein bisschen jünger angesichts der jungen Frauen, deren grelle Schreie ihn beim Verlassen des Saales begleiten. Hier in New York ist Clinton: der letzte Rockstar der Politik.

Das Problem ist: Er darf ihn nicht zu sehr herauslassen. Er redet wie ein Parteiführer, aber das müsste jetzt John Kerry tun. Er bestimmt die Themen der Woche, aber die müsste jetzt John Kerry setzen. Er will erst 2008 an der Seite von Hillary ins Weiße Haus zurück, aber da will Kerry jetzt schon rein. Er möchte endlich als Staatsmann gesehen werden und nicht mehr als Blowjob-Präsident. Als Versöhner und nicht als Spalter. Als ein vaterloser Junge, der den American Dream lebte und aus dem Nest Hope in Arkansas einen sensationellen Aufstieg über die Provinzhauptstadt Little Rock bis ins Weiße Haus schaffte. Eine grandiose Geschichte. Man müsste nur ein guter Erzähler sein.

Als Billie ein komplexbeladenes, pummeliges Wesen war

Hope/Arkansas: Will man erfahren, wie klein die Welt des William Jefferson Clinton war, muss man Carter Russell besuchen. Russell ist Clintons Cousin und einer der letzten noch lebenden Verwandten. Er führt seit 38 Jahren einen Gemischtwarenladen mit geräucherten Schinken, Potenzmitteln und frommen Kalendern. Am vergangenen Samstag ist Billie mal wieder in Hope gewesen und hat mit Russell über alte Zeiten geredet. Und die Wassermelonen bewundert. Russell: "Wir haben jetzt eine 206 Pfund schwere Wassermelone geerntet." "Wow", hat Billie da gesagt. "Erinnerst du dich noch an ... ?"- "Ja", hat Billie gesagt. Carter hat Billie ein paar neue Fotos von Wassermelonen gezeigt. Dann ging Billie in sein Geburtshaus und erzählte dem TV-Journalisten Dan Rather aus einer Kindheit ohne Vater und einer Jugend, in der sein Stiefvater die Kinder schlug und Billie ein komplexbeladenes, pummeliges Wesen war.

Vor dem Geburtshaus Clintons steht Donna, eine ältere Frau im grünen Sonntagskleid, die in ihrer Freizeit Besucher durch das Haus führt. Donna vergöttert ihren Präsidenten. Sie zeigt stolz den Originalpokal, den Billie mit einem Jahr als schönstes Baby von Hope bekam. Sie zeigt die Spielkarten, die seine Großeltern an die Gardinen hängten, damit er schneller rechnen lernt. Donna hat auch Verständnis für Billies Fehltritte. Sie möchte da gern einen Vergleich anbringen. "In der Bibel hat David sogar einen Mann erschlagen, um an eine Frau zu kommen. Das hat Billie nicht getan, oder?" Hier in Hope ist Clinton noch immer: der Unantastbare.

Little Rock: Zwei Autostunden nördlich versammeln sich 1200 Menschen, um über eine Legende zu diskutieren: Bill Clinton, den jüngsten Gouverneur aller Zeiten. Auf dem Podium sind diverse Freunde, Journalisten und Kollegen vertreten, aber sie kommen alle zum selben Urteil: Clinton war ein Geschenk.

Clinton war sozial, gerecht, smart und charismatisch, deswegen hätten die Rechten ihre Hetzjagd gestartet. "Es war der Versuch eines rechtsradikalen Staatsstreichs", sagt ein Autor über das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton. Im Publikum kommt Stimmung auf. Die Bundesanwältin Paula Casey sagt entrüstet: "Ich spreche bei denen nicht von der Achse des Bösen, sondern von den Ärschen des Bösen."

In Little Rock ist Clinton: ein Märtyrer

Die Stimmung wird noch besser. Die Stimmung wird so gut, dass die Zuschauer es wagen, die Medien anzugreifen, die "New York Times", das ganze Polit-Establishment, diese hochorganisierte zehnjährige Verschwörung gegen ihren Präsidenten. Sie lassen all das raus, was Clinton in seinen Memoiren sanfter formuliert. Hier in Little Rock ist Clinton: ein Märtyrer.

Washington D.C.: Manchmal kommt Bill Clinton noch in die Stadt, die er "jeden Tag genoss". Manchmal, wenn der Senat tagt, begleitet er Hillary in ihr gemeinsames 2,85-Millionen-Dollar-Haus. "Ich bin jetzt nur noch ein einfacher Mitarbeiter aus dem Wahlbezirk der Senatorin", sagt er. Und manchmal trifft er dann Pastor Philip Wogaman. Wogaman war sein Seelenheiler, als der Lewinsky-Skandal ausbrach.

Wogaman ist 72, ein schlanker Mann mit feinen weißen Haaren. Er lebt in einem Klinkerhaus im Nordwesten der Stadt und lehrt heute noch "Ethik in der Politik" an der Universität. Damals, 1998, traf er den Präsidenten einmal pro Woche zu einer Art Therapie. Hillary dachte über Scheidung nach, das Land über die Amtsenthebung, in Afghanistan wollte Clinton Osama bin Laden angreifen. Doch hier, in diesen oft emotionalen Sitzungen, ging es darum, den Dämonen zu begegnen, die den Präsidenten seit seiner Jugend plagten, der "geheimen dunklen Seite", von der Clinton erst in diesen Tagen offen spricht. Nach außen zeigte sich der Präsident gefasst, doch in ihm tobten jene Dämonen, die den Frauen nachjagen wollten und sich dabei aller möglichen Tricks und Lügen bedienten.

Wogaman möchte keine Details preisgeben, aber er sagt, dass es eine schmerzhafte Zeit war. "Der Präsident war am Boden. Aber er hat den Kampf mit sich aufgenommen. Er hat Gott intensiv um Hilfe gebeten. Ich bin überzeugt, ohne seinen Glauben wäre er da nicht herausgekommen. Das Problem hat sich nicht wiederholt."

Ein kluger, empfindsamer Mann

Wenn man Wogaman zuhört, wird aus Clinton, dem Märtyrer, der Legende, dem Rockstar schnell wieder ein Mensch. Er mag für die Rechten der "Feind Gottes" sein und für die Linken der Erlöser und für die Schwarzen in Harlem, wo Clinton heute sein Büro hat, ein Bruder. Für Wogaman ist Clinton: ein kluger, empfindsamer Mann, der das Gute will. "Im Gegensatz zu anderen hat er nie das Gefühl gehabt, von Gott persönlich dafür auserwählt zu sein", fügt der Pastor hinzu.

Genug Geld hat er verdient, neun Millionen Dollar im Jahr für Vorträge, zehn Millionen für das Buch. Nun, nach einer einmonatigen Werbetour für sein Buch, wird Clinton entscheiden müssen, was er mit seinem Leben anfangen will. Seine Tochter Chelsea hat einen Job bei McKinsey in Manhattan. Seine Frau Hillary inzwischen einen guten Ruf im Senat. Seine Anti-Aids-Initiative läuft erfolgreich, er hat Angebote als Kanzler der Universität Oxford und Moderator im Fernsehen, und mittlerweile hat er es auch gelernt, ein Handy zu benutzen und Geld aus dem Automaten zu ziehen.

Am besten, so glauben sie in Washington, wäre Bill Clinton als Sondergesandter von Präsident Kerry. Die Mission: in der Welt den Schaden zu beseitigen, den Bush hinterließ.

Jan Christoph Wiechmann / print