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Prozess wegen Mordes an einem Finanzbeamten "Er hat es verdient"


Steuerberater Olaf L. tötete im Rendsburger Finanzamt einen Beamten mit drei Schüssen. Jetzt hat in Kiel der Prozess wegen Mordes begonnen. Dort machte der Angeklagte klar: Er sieht sich als Opfer.
Kerstin Herrnkind, Kiel

Im Rollstuhl wird Olaf L. in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Kiel gefahren. Unsicher, wie jemand, der nicht weiß, was auf ihn zukommt, blickt er in die Kameras, die auf ihn gerichtet sind. Doch er macht keine Anstalten, sein Gesicht zu verdecken, umklammert die Papiertüte auf seinem Schoß.

In seinem dunklen Anzug und dem blassblauen Hemd sieht Olaf L. eher aus wie ein Anwalt. Tatsächlich war er bis zu seiner Festnahme Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Nun sitzt der 55-Jährige wegen Mordes auf der Anklagebank, weil er einen Finanzbeamten erschossen haben soll.

Sein Blick irrt unsicher durch den Saal, als der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest. Danach kam Olaf L. am 1. September des vergangenen Jahres gegen 9.30 Uhr ins Finanzamt Rendsburg. Er hatte dort einen Termin bei Wolfgang B. zum "Klimagespräch". Olaf L. war bei den Finanzbeamten in Rendsburg wegen seines rüden Umgangstons berüchtigt. Abteilungsleiter Wolfgang B. sollte vermitteln.

Schon als Kind habe er es schwer gehabt

Doch als der Finanzbeamte den Steuerberater um 9.55 Uhr in sein Büro bat, soll der Steuerberater "ohne Vorwarnung" mit seiner Beretta drei Schüsse auf Wolfgang B. abgegeben haben. Eine Kugel traf den Beamten in die linke Leiste, durchschlug die Beckenschlagader. Danach gab Olaf L. laut Anklage noch zwei Schüsse auf den Finanzbeamten ab, der bereits am Boden lag. Wolfgang B. starb wenig später im Krankenhaus.

Als sein Verteidiger das Wort ergreifen will, schlägt sich Olaf L. kurz auf den Schenkel, so als wolle er seinem Anwalt das Wort abschneiden. Der Verteidiger sagt nur, dass sein Mandant sich "zur Sache einlassen will". Dann macht Olaf L. seine Aussage. Mit fester Stimme. Die Unsicherheit scheint verflogen. Und schnell wird klar: Der Steuerberater sieht sich als Opfer.

Schon als Kind, so lässt Olaf L. durchblicken, habe er es trotz liebender Eltern schwer gehabt. Vater und Mutter, die ein kleines Lebensmittelgeschäft in Rendsburg betrieben, hätten ihren Sohn selten gelobt und ihn so "von vorne herein auf den Leistungsgedanken getrimmt".

Olaf L. weint fast

Mit elf Jahren sei bei ihm Morbus Bechterew, eine schmerzhafte, rheumatische Erkrankung der Wirbelsäule, diagnostiziert worden. Trotzdem habe er das Abitur "mit 2" und die Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann geschafft. Danach habe er Betriebswirtschaftslehre studiert. Doch die Firmen, bei denen er nach dem Studium gearbeitet habe, hätten allesamt nur die "Förderung für Behinderte mitgenommen" und ihn "nach sechs Monaten wieder vor die Tür gesetzt".

Weil er keine Anstellung gefunden habe, sei er Steuerberater und später Wirtschaftsprüfer geworden. Leicht gefallen sei ihm das allerdings nicht. Drei Mal habe er zu beiden Prüfungen antreten müssen, sagt Olaf L. Und es klingt, als hätten ihm die Prüfer damals übel mitgespielt. Seine Stimme bricht. Olaf L. weint fast, als er von diesen Niederlagen erzählt.

Doch trotz aller Widrigkeiten habe er sich gemeinsam mit seiner Frau "zwei Häuser erarbeitet". Wieder weint Olaf L. fast. "Das wird jetzt vermutlich alles kaputtgehen. Aber ich werde kämpfen", sagt er und beschwert sich im nächsten Satz, wieder mit fester Stimme, darüber, dass er im Gefängnis "23 Stunden eingeschlossen" war. "Ich bin schon irritiert von den Haftverhältnissen."

Olaf L. fühlte sich vom Finanzamt schikaniert

Dann redet Olaf L. wieder über seinen täglichen Kampf. "20 Jahre habe ich versucht, mich als behinderter Steuerberater durchzukämpfen." Für seine Mandanten habe er immer "das Bestmögliche" rausholen wollen. Deshalb habe er oft Einsprüche gegen die Entscheidungen des Finanzamts Rendsburg verfasst. "Ich gehe davon aus, dass ich denen sehr viel zusätzliche Arbeit beschafft habe durch die vielen zusätzlichen Einsprüche." Vom Finanzamt fühlte sich Olaf L. deshalb zunehmend schikaniert. Die Beamten hätten ihn bei seinen Mandanten schlecht gemacht und sie "vergrault". "Systematisch" habe "die Behörde" versucht, ihn "vom Markt zu drängen", sagt Olaf L.

Wenige Tage vor der Tat, an einem Freitag, habe er eine langjährige Mandantin verloren. Auch sie sei vom Finanzamt gegen ihn aufgehetzt worden. "Ich habe mir große Sorgen gemacht." Zwar habe er Vermögen, aber keine Barmittel mehr gehabt. Die Bank habe ihm keine Kredite mehr geben wollen. "Das war der Griechenlandeffekt", sagt Olaf L. In der Nacht vor der Tat habe er nicht geschlafen, Tabletten geschluckt und Whiskey getrunken. Montagmorgen sei er dann zum Finanzamt gefahren. Fast eine halbe Stunde habe er auf dem Flur auf Wolfgang B. warten müssen.

Er habe sich noch zwei Pillen eingeworfen. Dann sei Wolfgang B. gekommen, habe ihn "freundlich gegrüßt". "Dann weiß ich nichts mehr", sagt Olaf L. "Ich bin irgendwann aufgewacht. Er lag unten. Und mir wurde langsam klar, was passiert sein musste." Die Waffe, eine Beretta, habe er nur bei sich geführt, weil er sie "in der Hosentasche vergessen" habe. Als Jäger hatte Olaf L. einen Waffenschein.

Widersprüchliche Aussage

Schließlich steht Olaf L. auf, liest eine Erklärung vom Blatt ab. "Ich bin auch nur ein Mensch und nur begrenzt belastbar." Wieder versagt ihm die Stimme. "Ich bitte Gott, Frau B. und meine Frau um Vergebung. Ich habe diesen Mann offenbar erschossen. Doch ich kann mich an die Tat nicht erinnern." In einem "einzigen Moment" seines Lebens habe er "die Kontrolle verloren". "Ich bitte nicht um Gnade, doch um Verständnis dafür, dass diese jedem Menschen passieren kann."

Die Aussage von Olaf L. steht allerdings im Widerspruch zu einem Brief, den der Steuerberater vor der Tat an seine Frau geschrieben hat. "Ich werde diesem Drama ein Ende setzen. Der Finanzbeamte ist wirklich ein böser Mensch. Er hat es verdient."

Der Prozess wird fortgesetzt.


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