Moschee-Bau Giordano spricht von "Kriegserklärung"


Der Schriftsteller Ralph Giordano ist die lebende Opposition gegen die geplante Kölner Moschee - nun hat er den Streit mit einem harschen offenen Brief eskaliert. Vor allem in den Reihen der Kölner CDU findet Giordano immer mehr Anhänger.
Von Tim Farin

Jetzt haben sich Widersacher des Prunkbaus massiv zu Wort gemeldet, damit die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ihre Pläne eines Gotteshauses mit zwei 55 Meter hohen Minaretten und einer 34,5 Meter hohen Kuppel doch noch herunterschraubt - oder ganz abbläst. Die neueste Eskalationsstufe im anhaltenden Streit zwischen Muslimen und ihren Kritikern zündete gestern Nachmittag der Schriftsteller Ralph Giordano.

Seit Mai verleiht der jüdische Intellektuelle der Opposition gegen das Gotteshaus ein Gesicht und eine respektable Stimme. Nun schlug der 84-Jährige eine Einladung der Ditib aus, die den Autor zum offenen Gespräch eingeladen hatte. "Für mich war die Gigantomantie der zentralen Großmoschee in Köln-Ehrenfeld […] von vornherein eine Art Kriegserklärung an die Umwelt gewesen, ein hoch integrationsfeindlicher Akt, der nur ein gutes an sich hatte, nämlich die wahre Absicht dahinter unfreiwillig zu offenbaren", schreibt Giordano in seinem vierseitigen Antwortbrief an den Dialog-beauftragten der Ditib, Bekir Alboga. Giordano sieht in dem Verband, der auch Bauherr der geplanten Moschee ist, "einen verlängerten Arm der Religionsbehörde Diyanet in Ankara".

"Polemik, Diffamierung"

Er werde sich ebenso wenig mit Auschwitz-Leugnern wie mit Leuten an einen Tisch setzen, "die den Völkermord an den Armeniern 1915/16 leugnen". Interessanterweise schließt Giordano seinen scharfen Brief mit der Bemerkung, die Stunde der Deeskalation sei gekommen. Die Ditib ignorierte dies und schlug postwendend zurück, warf Giordano "Polemik, Diffamierung, Unkenntnis und mangelnde Dialogbereitschaft" vor. Giordano habe sich in der subjektiven Sicht der Dinge verrannt. Er zeige einen "Fatalismus", mit dem er sich "gegen eine notwendige, zukunftsorientierte Integrationspolitik in Deutschland ausspricht". Eigentlich hatte der Verband kommende Woche positive Schlagzeilen schreiben wollen.

Am Dienstag stellt er einen Beirat zum Moscheebau vor, in dem "fast alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen" Kölns sowie Bürgerinitiativen vertreten sind, am kommenden Mittwoch dann wird der Stand der Planungen öffentlich gemacht. Allerdings hat sich nun auch in den bürgerlichen Sphären der Stadt Widerstand mobilisiert, die CDU-Basis hatte einen Aufstand organisiert und gegen den Willen von Oberbürgermeister Fritz Schramma am Dienstagabend einen Parteibeschluss erwirkt, in dem sich die Christdemokraten "gegen die Ausführung dieser Pläne" für die Moschee ausspricht. Zwar unterstützt die Mehrheit im Kölner Rat - SPD, Grüne und FDP - weiter das Vorhaben der Ditib. Doch scheint Giordanos anhaltender Widerstand immer weitere Kreise zu ermutigen, öffentliche Kritik an der Praxis des muslimischen Verbands zu äußern.

"Ist Integration überhaupt möglich?"

Noch vor gut zwei Monaten hatte Giordano berichtet, dass er viel Unterstützung für seine Kritik an den Islamvertretern und ihrem Vorgehen erfahre. "Aber selber möchten die wenigsten in der Öffentlichkeit Farbe bekennen, weil sie nicht in die rechte Ecke gestellt werden möchten", mutmaßte Giordano. Seither scheint sich das Klima also zumindest in der Kölner CDU verändert zu haben.

Es ist offensichtlich, dass es in Köln um weit mehr geht als um den Bau eines Gebäudes. Es geht um die Frage, ob die Integration der Muslime überhaupt möglich ist und ob die deutsche Mehrheitsgesellschaft dem Islam volle Toleranz zusichern soll, obgleich Misstrauen herrscht wegen der Fehlentwicklungen im Zeichen der Religion, darunter Diskriminierung von Frauen, anderen Gläubigen, eine Politisierung des Islam und die Gefahr des internationalen Terrorismus fanatischer Gläubiger.

Ralph Giordano sieht in dem Kölner Streit eine Notwendigkeit, "ein Symptom einer viel größeren Problematik, die zwei Dimensionen umfasst": International befinde sich der Islam in einer Krise, national sei die Integration der Muslime gescheitert. Auch in seinem jüngsten Schreiben an die Ditib beharrt Giordano, nicht die Moschee, sondern der Islam sei das Problem. Er fordert die Politik auf, die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen - und stellt sich die Frage: "Ist Integration überhaupt möglich?"

Vielleicht haben die Morddrohungen, welche zuletzt von Fanatikern auf Giordanos Anrufbeantworter hinterlassen worden waren, zur Drastik in den Formulierungen des Schriftstellers beigetragen. Seine Auseinandersetzung mit den Kernfragen der Integration lässt sich aber kaum herunterspielen. Giordano entwirft in seinem Brief eine Vision, die nicht ohne Tücke ist: Er glaubt nicht mehr an die Möglichkeit der Integration, sondern hält einen Zustand für realistischer, in welchem Mehrheit und Minderheit nebeneinander auskommen müssen.

Hardliner auf Integrationskonferenz

"Eine Perspektive, die weit höhere Anstrengungen im beidseitigen Umgang miteinander gebietet, wenn sie friedlich verlaufen soll, als alle vergeblichen Einordungsbemühungen", schreibt Giordano. Die bisherigen Konzepte seien eine "Fata Morgana". Vor zwei Monaten riet Giordano in einem Interview den nicht-muslimischen Deutschen, "zu bekennen, was sie denken und fühlen, sich dabei von jeder Fremden- und Ausländerfeindlichkeit abzugrenzen und mit mir an der Seite aller Muslimas und Muslime zu stehen, die mit Reformen den Weg zu einer Integration freimachen wollen." Doch die muslimischen Verbände tragen selbst gehörig dazu bei, dass die Skepsis ihnen gegenüber weiter anwächst. Ein Beispiel: An der Islamkonferenz bei Innenminister Wolfgang Schäuble nahm vor wenigen Monaten überraschend ein Mann Teil, der unter Beobachtung der Verfassungsschützer steht: Ibrahim El-Zayat, Chef der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), war zwar nicht vom Minister eingeladen worden - doch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler, hatte den Hardliner einfach mitgebracht zum Integrationsge-spräch. Die Muslim-Vertreter sorgten mit ihrem Gast für einen Affront. Doch aus Höflichkeit durfte er bleiben.


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