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Nach schwerem Erdbeben in Chile: Größerer Tsunami bleibt zunächst aus

Der nach dem Erdbeben in Chile befürchtete Tsunami ist auf den zu den USA gehörenden Inseln im Pazifik glimpflich verlaufen. In Chile dagegen stiegen die Opferzahlen auf über 200 Tote.

Mehrere Flutwellen erreichten Hawaii 16 Stunden nach dem Beben im Abstand von etwa 20 Minuten. Nahe der Stadt Hilo auf der Insel Hawaii wurde eine 1,7 Meter hohe Welle gemessen, auf der Insel Maui waren einige Wellen bis zu zwei Meter hoch. Gouverneurin Linda Lingle erklärte, Berichte über Schäden oder Verletzte lägen nicht vor.

Wir sind noch einmal davongekommen

Die Menschen waren am Samstag mit Sirenen und aus Flugzeugen heraus vor dem Tsunami gewarnt worden. Bewohner wurden angewiesen, sich in höhere Gebiete in Sicherheit zu bringen. Die Marine verlegte eine Fregatte, drei Zerstörer und zwei kleinere Schiffe aus Pearl Harbor auf offene See, um der möglichen Wucht eines Tsunamis zu entgehen. Die beliebten Strände waren verwaist, Luxusvillen in Küstennähe wurden evakuiert, Läden in der Touristenhochburg Waikiki auf Oahu waren geschlossen. Zahlreiche Bewohner deckten sich mit Lebensmitteln und Benzin ein. Bis zum Nachmittag wurde der Alarm wieder aufgehoben. "Wir sind noch einmal davongekommen", sagte Gerard Fryer, Geophysiker am Pazifischen Tsunami-Warnzentrum in Hawaii. "Wir hatten höhere Wellen erwartet, vielleicht 50 Prozent größer als sie dann tatsächlich waren."

Noch keine Entwarnung in Japan

Am Sonntag hat der Tsunami hat Japan und Russland erreicht. Tsunami-Wellen bis zu 90 Zentimeter Höhe schlugen an der japanischen Nordküste auf, wie Medien berichteten. Die Behörden hatten knapp 250.000 Menschen entlang des Pazifiks aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Einige Zugverbindungen wurden eingestellt, Autobahnen für den Verkehr gesperrt.

Nach Angaben der Meteorologischen Behörde erreichte auch ein zehn Zentimeter hoher Tsunami die Ogasawara-Inseln, ein weiterer Tsunami von 30 Zentimetern Höhe wurde in Hokkaido beobachtet. Dennoch galt die Gefahr zunächst noch nicht als gebannt. Für die gesamte japanische Ostküste galt eine Tsunami-Warnung, hunderttausende Menschen in niedrig gelegenen Regionen waren aufgefordert worden, sich in höher gelegene Gebiete zu begeben.

Auch in der ostrussischen Region Kamtschatka war der Tsunami zu spüren. Eine Reihe von Wellen mit bis zu 80 Zentimetern Höhe sei registriert worden, sagte eine Sprecherin des Katastrophenschutzministeriums. Über Schäden sei nichts bekannt. Die Tsunami-Warnung sei aufgehoben worden.

Mehr als 300 Erdbebentoten in Chile

Bei dem schweren Erdbeben in Chile sind nach Schätzungen der nationalen Notfallbehörde mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Die Leiterin der Behörde, Carmen Fernandez, sagte am Samstagabend, die Zahl werde vermutlich noch steigen. Präsidentin Michelle Bachelet erklärte, mindestens 214 Menschen seien getötet worden, 15 würden vermisst. 1,5 Millionen Menschen seien von dem Beben der Stärke 8,8 am frühen Samstagmorgen betroffen, 500.000 Häuser und Wohnungen seien schwer beschädigt. Das Epizentrum lag 115 Kilometer entfernt von der Stadt Concepción und rund 320 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Santiago.

An Chiles Küste blieb nach dem verheerenden Erdbeben vielerorts kein Stein mehr auf dem anderen. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals. Ich habe meine Tochter umarmt und ihr gesagt: Durchhalten", erzählte Eloísa Fuenzalida, eine Einwohnerin des völlig zerstörten Ortes Iloca im Süden Chiles. "Als wir konnten, sind wir durch den Morast in Richtung Berge. Ich weiß nicht, wie viele gestorben sind", sagte sie.

Ein Mann namens Luis Bravo berichtete, sie hätten das Gebiet zu Fuß verlassen müssen, weil alle Autos und Lkws unbrauchbar gewesen seien. "Das Meer hat die Autos weggeschwemmt, die Häuser, alles, alles", sagte ein Hörer einem Radiosender in Curicó, einem Ort etwa 120 Kilometer von Iloca entfernt. Das gewaltige Erdbeben der Stärke 8,8 verwüstete auch diese südchilenische Stadt. "Diese Trümmer waren eine Kirche, die "El Buen Pastor" (Der Gute Hirte) hieß. Wir hätten heute Messe gehabt", sagte Nelly Acevedo, Gemeindemitglied aus Curicó.

Internet und Telefone funktionierten nicht

Der historische Stadtkern Curicós ist weitgehend dem Erdboden gleich gemacht. Die Lehmhäuser stürzten ein. In den Rinnsteinen sitzen Kinder über und über mit Staub bedeckt und halten ihre Kuscheltiere fest. Die Behörden vorsorglich eine Ausgangssperre verhängt, um Plünderungen zu verhindern. Kritisch war die Lage auch in der Stadt Chillàn, wo 269 Häftlinge nach dem Erdbeben aus dem Gefängnis flohen. 28 von ihnen wurden gefasst, mindestens drei auf der Flucht erschossen. Die Polizei patrouilliert in den zerstörten Gebieten.

Die Behörden fürchten, dass sich das volle Ausmaß der Katastrophe erst in den kommenden Tagen zeigen wird. Wassermangel, Kommunikationsprobleme und die Isolierung der Küstenregionen könnten die Lage nach und nach verschlimmern. Verteidigungsminister Francisco Vidal sprach von einer "Tragödie".

Zwischen den Trümmern ihrer Häuser warten die Leute auf den Straßen auf Hilfe oder irgendeine Lösung für ihre desolate Lage. Ein Feuerwehrmann, der völlig niedergeschlagen zwischen den Schutthaufen hin und her läuft, sagt nur: "Ich kann nicht reden. Ich kann nicht reden." Auch das Gebäude der Feuerwehr ist teilweise eingestürzt.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters