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Neuer Fußball-Skandal: Das seltsame Café der Wettkönige

Bereits zum zweiten Mal könnte das Berliner "Café King" Dreh- und Angelpunkt eines großen Wettskandals sein. Im Auge des Sturms herrscht jedoch absolute Ruhe. Ein Ortstermin.

Von Rainer Rensberg

Im Berliner "Café King" gibt es ein ordentliches Bauern-Omlett mit Salatbeilage und Gewürzgurke, dazu einen Korb mit aufgeschnittenem Baguette. Das Ambiente ist solide, vielleicht sogar ein wenig provinziell. Eine Allround-Bar eben mit Snacks und Cocktails, wie sie in Kleinstädten mittags Sparkassenangestellte und abends Landjugend anlocken würde. Mitten im ehrwürdigen Berliner Westen, seitab des Kurfürstendamm, verwundert das natürlich schon ein bisschen, ebenso die tief gezogenen Markisen vor dem Eingang und die Kameraleute vor den tief gezogenen Markisen. Aber wer weiß, wie tief die Sonne noch vor wenigen Stunden stand? Und Kamerateams drehen in Berlin allenthalben. Also bitte.

Sieht man von den Kameraleuten ab, scheint fast nichts an diesem 20. November darauf hinzudeuten, dass dieser Ort in Berlin-Charlottenburg nun bereits zum zweiten Mal Ausgangspunkt eines beispiellosen Fußballbetrugs sein könnte. "Das hat mit uns doch gar nichts zu tun", sagt der junge Mann mit den braunen Augen hinter der Theke, als sein widerwilliger Blick zu einem der Flachbildschirme an den Wänden der "Sports-Bar" gelenkt wird. Dort läuft stumm geschaltet die Pressekonferenz der Bochumer Polizei zu den neuerlichen Wettmanipulationen im Fußball. Zugleich plärrt es die aufgekratzte Moderatorin eines Berliner Radiosenders aus den Boxen: Mindestens 200 Spiele manipuliert, mindestens 200 Personen involviert. Mutmaßlicher Dreh- und Angelpunkt des europaweiten Betrugs: die Brüder Ante und Milan S., ersterer bereits im Skandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer Schlüsselperson und zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt, letzterer damals Nebentäter und damals wie heute Pächter des Café King. Am Vortag wurden beide laut Medienberichten in Berlin vorläufig festgenommen. Im Café King selbst scheint das niemanden zu interessieren.

Ruhe im Auge des Sturms

Im Auge des Sturms herrscht absolute Ruhe, Friedhofsruhe sogar. Und wenn überhaupt, dann ist die verdächtig: Lediglich vier bis fünf Männer befinden sich gegen Mittag im Lokal, treffen sich in wechselnden Konstellationen an Tischen und dem Tresen in der Mitte der Bar, unterhalten sich in slawischen Sprachen, gehen zum Computerterminal, das in einer Ecke steht, telefonieren. Wer kein Kroatisch kann, hört beinahe zwangsläufig Flöhe husten - einmal hebt sich aus einem Wortschwall klar und deutlich das Wort "Lübeck" ab. Doch den reflexartigen Gedanken "Aha, also diesmal vierte Liga" verbietet die Unschuldsvermutung. Die gilt für das gastfreundliche Café King ebenso wie für die 15 europaweit verhafteten mutmaßlichen Drahtzieher, darunter auch "King"-Besitzer Milan S. Trotzdem ist diese leere Vorstadt-Bar im Herzen Berlins irgendwie dubios. "Sonst ist es hier zu diesem Zeitpunkt voller", sagt der junge Kerl an der Bar und deutet mit bösem Blick auf die beiden Kameraleute, die draußen gerade die Front des Cafés abfilmen. "Das schreckt die Gäste ab."

Wer eine Bestätigung braucht, dass das Café King spätestens seit dem Skandal um Robert Hoyzer auch als Gastronomie ernsthaft erfolgreich sein möchte, dem reicht ein Blick auf die Webseite. "Sie stehen davor und denken: Ach, sieh mal einer an, das ist also das berühmte Cafe King! Treten sie doch bitte ein..." spricht diese augenzwinkernd unentschlossene Milieutouristen an. "Wir WETTEN mit ihnen, dass Sie wieder kommen!!!" schließt der kurze Werbtext zwanzig Zeilen später. „Wir sind kein Wettcafé, sondern ein ganz normaler Laden, wo man essen, trinken und Videoclips schauen kann“, hatte Betreiber Milan S. im März 2008 dem Berliner Tagesspiegel gesagt - da sollte das Haus im Berliner Westen verkauft werden. Nun sitzt ausgerechnet dieser Milan S., der damals auch berichtete, dass sein Bruder Ante als Freigänger in einer Pizzeria arbeite, ebenso wie sein Bruder wieder in U-Haft.

Versteckte Nervosität

Sollte sich herausstellen, dass parallel zum Kneipenbetrieb die Halbwelt-Geschäfte der "King"-Besatzung seit 2005 sogar noch ausgeweitet wurden, spräche das für eine Chuzpe und kriminelle Energie, die ihresgleichen sucht. Dass von diesem Ort aus sogar Champions-League-Spiele manipuliert wurden, scheint kaum vorstellbar. Doch ganz unverdächtig wirkt das alles dann auch wieder nicht: nicht das für eine "Sports-Bar" radikale Desinteresse an der Pressekonferenz im Fernsehen, nicht die kleinen Webcams in den Winkeln über den Monitoren, nicht die durchdringenden Blicke, die immer wieder auf dem fremden Gast liegen und auch nicht abgewandt werden, wenn dieser sich ihnen zuwendet. Wie nervös sie hier unterhalb der ruhigen Oberfläche sind, lässt sich vielleicht ahnen, als der Gast auf der Toilette ein "Café King"-Souvenir-Feuerzeug aus einem Automaten zieht. Als dies lärmend in den Entnahmeschacht fällt, ist binnen weniger Sekunden der Barmann mit den dunklen Augen da: "Was ist passiert?" blafft er. Als er das Feuerzeug sieht, nickt er zögerlich.