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Papst-Rede im Bundestag: Zwischen Abscheu und Respekt

Bischöfe sind empört: Etwa 100 Abgeordnete wollen die Rede des Papstes im Bundestag boykottieren. Doch es gibt auch Zustimmung für die Aktion der Parlamentarier.

Mehrere deutsche Bischöfe haben den von zahlreichen Oppositionsabgeordneten geplanten Boykott der Papst-Rede am 22. September im Bundestag als ungehörig und blamabel kritisiert. "Das ist so kleinkariert, und das ist so engstirnig, dass man nur darüber lachen oder weinen kann", sagte der Kölner Erzbischof Joachim Meisner am Mittwoch. "Und dass die im Bundestag sitzen, ist kein Qualitätsmerkmal für diese hehre Vertretung unseres Volkes." Das Christentum sei die Wurzel der europäischen Kultur und kein Störenfried.

Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hält den geplanten Boykott für beschämend. "Eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen ist akzeptabel. Eine platte Demonstration von Ignoranz und schlechtem Stil durch angekündigte Abwesenheit aber blamabel", sagte Reinelt der "Leipziger Volkszeitung".

"Ich bedaure es, dass Bundestagsabgeordnete wegbleiben und die Rede boykottieren wollen", erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der "Passauer Neuen Presse". Es gehöre sich, einen solchen Gast mit der notwendigen Freundlichkeit, mit Respekt und Noblesse aufzunehmen.

Nahles fordert Respekt für den Papst

Bundestagspräsident Norbert Lammert sieht den Boykott gelassen. Dies gehöre zu einer freiheitlichen Gesellschaft und einem frei gewählten Parlament, sagte er dem Internetportal "katholisch.de". Und: "Ich habe keinen Anlass daran zu zweifeln, dass der Deutsche Bundestag bei der Rede des Papstes nicht nur gut gefüllt, sondern überfüllt sein wird, und stelle mit einem gewissen Amüsement fest, dass die Zahl der Beteiligungswünsche bei diesem Ereignis die Zahl der kritischen Einwände um ein vielfaches überbietet."

Ein großer Teil der Opposition - nach aktuellem Stand etwa 100 der 620 Abgeordneten - will die Rede des Papstes boykottieren. Die betreffenden Parlamentarier von SPD, Grünen und Linken halten den Auftritt von Benedikt XVI. für unvereinbar mit der religiösen Neutralität des Staates. Leere Stühle sollen mit Ersatzleuten gefüllt werden.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles forderte Respekt für den Papst. "Ich bin der Ansicht, dass der Deutsche Bundestag in keiner Weise missbraucht wird. Niemand ist gezwungen, katholisch zu sein oder das zu glauben, was der Papst verkündet. Trotzdem ist die katholische Kirche mit einer Milliarde Mitgliedern eine wichtige Stimme in der Welt", sagte sie der "Rhein-Zeitung".

Ratzinger soll Krise der katholischen Kirche beenden

Angesichts der während des Besuches vom 22. bis 25. September geplanten Demonstrationen mahnte Zollitsch Papst-Kritiker, nicht über die Stränge zu schlagen. "Ich hoffe, dass nicht Krawalle das öffentliche Bild bestimmen. Dann würde untergehen, was der Papst uns zu sagen hat", sagte er der "Passauer Neuen Presse". In Berlin ist parallel zur Bundestagsrede Benedikts eine Gegendemonstration geplant, zu der 20.000 Teilnehmer erwartet werden.

Triers Bischof Stephan Ackermann erwartet vom Papst Anstöße für eine Erneuerung der katholischen Kirche. Benedikt reise nach Deutschland in einer Zeit, in der die Kirche "in einer großen Situation des Umbruchs" stehe, sagte Ackermann, der auch Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz ist. Der Missbrauchsskandal sowie sinkende Priester- und Mitgliederzahlen hätten die Kirche in eine Krise geführt. "Ich erhoffe mir durch den Papst-Besuch Ermutigung und Stärkung in der Situation, in der wir stehen", sagte Ackermann.

ono/DPA / DPA