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Sterbehilfe: Ein Sohn tötet seine Mutter "Mama, es tut mir leid. Ich halte dir jetzt die Luft an"

Ende dieses Jahres will der Bundestag über eine Neuregelung der Sterbehilfe entscheiden. Dabei geht es um die Beihilfe zum Suizid. Sie ist in Deutschland zwar nicht verboten, liegt aber rechtlich in einer Grauzone. Aktive Sterbehilfe - etwa die Gabe einer tödlichen Dosis Medikamente - soll auch künftig in Deutschland verboten bleiben.
Ende dieses Jahres will der Bundestag über eine Neuregelung der Sterbehilfe entscheiden. Dabei geht es um die Beihilfe zum Suizid. Sie ist in Deutschland zwar nicht verboten, liegt aber rechtlich in einer Grauzone. Aktive Sterbehilfe - etwa die Gabe einer tödlichen Dosis Medikamente - soll auch künftig in Deutschland verboten bleiben.
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Ein Sohn. Eine Mutter. Ein Unfall. Und eine Entscheidung, die den Sohn ins Gefängnis bringt. Denn er hat seine Mutter getötet - aus Liebe.
Von Arno Luik

Jans Mutter hat 2004 einen Reitunfall, sie schlägt mit dem Kopf auf einen Stein - und fällt ins Koma. Sieben Jahre liegt sie im Pflegeheim - steif, bewegungslos, am Leben gehalten durch eine Magensonde.

Ihre Perspektive ist hoffnungslos.

Jan hält schließlich das Leiden seiner Mutter, das auch allmählich sein eigenes Leben zu zerstören droht, nicht mehr aus. Da seine Mutter keine Patientenverfügung hinterlassen hat, lehnt das Heim es ab, sie durch Einstellung der künstlichen Ernährung sterben zu lassen.

Aber was ist menschlicher, würdiger? Am Leben halten? Sterben lassen? Im Januar 2012, Jan ist 26 Jahre alt, macht er das Unfassbare: Er tötet seine Mutter, sie ist 47 Jahre alt.

Der stern sprach mit ihm in seiner aktuellen Titelgeschichte über diese unfassbare Tat:

Jan:

Als ich meine Mama von ihrem fürchterlichen Leiden erlösen wollte, haben sich die Heimleitung und die Oberschwester geweigert, mir zu helfen. Sie sagten: Sterbehilfe? Nein, unter gar keinen Umständen. Nein! Das sei auch eine Frage der Moral. Dieses Pflegeheim hat für den Aufenthalt meiner Mutter, ihr elendiges Daliegen und Dahinvegetieren, diese siebenjährige Tortur, monatlich mehrere Tausend Euro bekommen. Ich fragte mich: Wie sähe diese Moral aus, wenn sie nicht Geld an meiner Mama verdienen würden? Sie sagten auch noch, ich könne es ja auf dem Rechtsweg versuchen mit der Sterbehilfe, das dauere aber, oder ich solle doch ein anderes Heim finden, das zur Sterbehilfe bereit ist. Aber wissen Sie, meinte dann die Oberschwester, was dann passiert? Man wird Ihrer Mutter die Ernährungssonde entfernen und lässt sie dann verhungern und verdursten - das wird grausam für Sie! Das wollen Sie gar nicht sehen.

stern:

Und eines Morgens standen Sie auf, und Sie wussten: Heute bringe ich meine Mutter um! Jetzt sofort! Ich kann nicht anders!

Jan:

Nein, ich habe meine Mama nicht umgebracht, so denke ich nicht, und so rede ich auch nicht von mir. Ich habe auch nicht "Gott" gespielt, wie es die Staatsanwältin mir vorwarf. Ich habe meine Mutter von ihrer Qual befreit.

stern

:Das Gericht sah das anders, für die Justiz sind Sie ein Totschläger.

Jan

: Ja, von Staats wegen bin ich ein Kapitalverbrecher, aber das perlt an mir ab.

Das gesamte Gespräch lesen Sie ...

... im aktuellen stern, jetzt als E-Mag oder am Kiosk.

Das Gespräch, das Arno Luik mit Jan führte, ist auch ein Appell an unsere Abgeordnete, die noch vor der parlamentarischen Sommerpause über legale Sterbehilfe und Sterbebegleitung diskutieren wollen. In den Beneluxländer hätte Jans Mutter nicht jahrelang leiden müssen. Dort ist - anders als in Deutschland - die aktive Sterbehilfe erlaubt.


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