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"Phantom" und die Folgen: Ein GAU der Kriminalistik

Verunreinigte Wattestäbchen, falsche Spuren und Millionen Euro in den Sand gesetzt: Im Ermittlungskomplex "Phantom" hat sich nicht nur die Polizei blamiert. Jetzt müssen die Lehren aus diesem Debakel gezogen werden - und zwar schnell und konsequent.

Ein Kommentar von Werner Mathes und Rainer Nübel

Jahrelang hatten fünf Sonderkommissionen, sechs Staatsanwaltschaften und Polizisten in Österreich und Frankreich mit immensem Aufwand nach einer unbekannten Serientäterin gefahndet. Sie gingen fest davon aus, dass die Gesuchte am Mord an der jungen Polizistin Michéle Kiesewetter beteiligt war, die am 25. April 2007 an der Heilbronner Theresienwiese aus nächster Nähe hingerichtet worden war. Bis die Zweifel an dieser Fährte zunahmen und sich der Ermittlungskomplex um das "Phantom von Heilbronn" in einem GAU - dem größten anzunehmenden Unfall - auflöste. An dem hunderte Beamte beteiligt waren, der Millionen Euro an Steuergeldern verschlang.

Denn die vermeintlichen DNA-Spuren vom Tatort in Heilbronn und an mindestens 39 weiteren Fundstellen waren offenbar schon vorher vorhanden - auf verunreinigten Wattestäbchen, mit denen die Kriminaltechniker bei der Spurensicherung arbeiteten.

An die eigene Nase fassen!

Seit stern.de am Mittwoch die Affäre erstmals öffentlich gemacht hat, nimmt der Medien-Wirbel um "Das DNA-Debakel" ("taz") zu, fragt etwa die "Bild"-Zeitung: "Hat unsere Polizei nur Watte im Kopf?", erkennt auch die "FAZ", dass das "Phantom" nur ein Phantom ist, raunt die "Frankfurter Rundschau", dass "der Glaube an die Sicherheit von DNA-Beweisen wankt". Da werden Rechtsmediziner zitiert, die schon von Anfang an nicht an eine tatsächlich existierende Täterin glaubten, zeigen Kommentatoren höhnisch mit dem Finger auf angeblich übereifrige Polizisten, die sich blind auf ihre Wunderwaffe DNA-Analyse verlassen hätten und andere Spuren einfach links liegen gelassen hätten.

Doch ganz so einfach kann man es sich nicht machen. Wer jetzt einen Schritt zurücktritt und sich die verwirrende Nachrichtenlage ruhig und vernünftig anschaut und analysiert, wird auch die Lehren aus dem Super-Gau ziehen können - nicht nur Polizisten und Kriminaltechniker, sondern auch wir Journalisten.

Hat nicht unsere Zunft kräftig am Mythos des "Phantoms" mitgewerkelt? Mal wurde die angebliche Täterin in mobilen Drücker-Kolonnen geortet, mal im Schausteller-Gewerbe vermutet. Jede "Neue Spur der Killerin" war gemeldet worden, nicht selten garniert mit immer abstruseren Spekulationen. Nur: Kaum einer aus der Zunft hat mal öffentlich Zweifel geäußert, Widersprüche herausgearbeitet, überraschende Fragen gestellt. Dazu hätte man genügend Gelegenheit gehabt: Warum soll eine kaltblütige Polizistenmörderin in Wohnwagen oder Wochenendhäuser einbrechen und auf Keksresten oder liegen gelassenen Kleidungsstücken DNA-Spuren hinterlassen? Warum ist die Frau, die nach Medienberichten eher wie ein Mann aussah, nie in Bayern aufgetaucht?

Standards müssen her

Noch schärfere Fragen muss sich freilich die Polizei stellen lassen. Die wichtigste: Wer hat sich eigentlich um die Herkunft, Herstellung und Verarbeitung dieser Wattestäbchen gekümmert? Wer hat geprüft, wie und wo diese Tupfer, mit denen man hochsensible Spuren sichert, überhaupt sterilisiert worden sind? Wenn überhaupt? Erst jetzt geht man offenbar daran, die Produktions- und Lieferwege und alle damit verbundenen Prozesse zu klären. Und wird vermutlich seine blauen Wunder erleben: Womöglich hätten sich die Kriminaltechniker genauso gut mit Q-Tipps aus dem nächsten Supermarkt eindecken können. Dieses Versäumnis ist selbstverständlich auch den Dienstherren der Polizei anzulasten, den Innenministern der Länder und des Bundes.

Einer davon, der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech, hat angekündigt, jene Hersteller in Regress zu nehmen, wenn ihnen die Verunreinigungen mit Fremd-DNA nachgewiesen werden könne. Aha. Was aber, wenn diese Hersteller gar keine Veranlassung hatten, ihre Tupfer DNA-frei oder steril zu halten? Wenn es diese Vorgaben seitens der Polizei gar nicht gab?

Nun kommt es darauf an, dass sich Spezialisten von Polizei und Rechtsmedizin schnellstens zusammensetzen, um einen einheitlichen Standard für die Abstrichtupfer festzuschreiben - und sich verlässliche Hersteller suchen, die diesen Standard, unter ständiger Kontrolle, auch garantieren. Eine Arbeitsgruppe im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) muss sich mit Sicherheit auch mit diesem Thema beschäftigen.

Zweifelfhafte Öffentlichkeitsarbeit

Der Super-Gau mit den kontaminierten Stäbchen wird allerdings keine grundsätzlichen Auswirkungen auf die DNA-Analyse haben, mit der die Polizei mit größtem Erfolg Täter überführt. Denn im Fall des "Phantoms von Heilbronn" hat es ausnahmslos Spuren gegeben, die in der zentralen DNA-Datei des BKA keinem Gen-Code zugeordnet werden konnten, der von einem bereits überführten Straftäter stammt. Deshalb hätte es in diesem Fall auch zu keinem Justizirrtum kommen können. Niemand wäre bestraft worden für Verbrechen, die er nicht begangen hat.

Noch eine Frage zum Schluss: Wann wäre das federführende baden-württembergische Landeskriminalamt eigentlich mit seinen neuen Erkenntnissen zur spektakulären Wende in diesem Komplex an die Öffentlichkeit gegangen, wenn stern.de nicht die Lösung des "Phantom"-Rätsels gemeldet hätte? Hätte es weiterhin auf Zeit gespielt? Unbestritten ist, dass das LKA nach Übernahme der Ermittlungen vor einigen Wochen nachdrücklich die mögliche Kontamination der Spurensicherungsutensilien untersucht hat.

Unbestritten bleibt aber auch, dass sich die Sicherheitsbehörden im Fall des Polizistenmordes von Heilbronn viel zu stark auf die DNA-Spur einer vermeintlichen Täterin konzentriert hatten und dabei andere Hinweise und Ermittlungsansätze, die in den Bereich der Organisierten Kriminalität deuteten, sträflich vernachlässigten.

Hier wird jetzt viel Arbeit nachgeholt werden müssen.

Von:

Rainer Nübel und