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Nach anderthalb Jahren: "Alster-Mord" von Hamburg weiter ungeklärt - jetzt nehmen die Ermittler einen neuen Anlauf

Der "Alster-Mord" gehört zu den mysteriösesten Kriminalfällen der vergangenen Jahre. Vor gut anderthalb Jahren wurde ein 16-Jähriger in Hamburg getötet, der Täter ist weiter unbekannt. Jetzt nehmen die Ermittler einen neuen Anlauf.

"Aktenzeichen XY": Phantombild des "Alster-Mörders", niedergelegte Blumen am Hamburger Alsterufer

Mit einem Phantombild sucht die Polizei weiter nach dem Täter, jetzt auch bei "Aktenzeichen XY". Nach dem "Alster-Mord" war die Anteilnahme in Hamburg groß.

DPA

Die Hamburger Mordkommission nimmt einen neuen Anlauf, um nach gut anderthalben Jahren den mysteriösen "Alster-Mord" aufzuklären. Ein 16-jähriger Schüler wurde im Oktober 2016 am Ufer der Außenalster in der Hamburger Innenstadt unvermittelt mit einem Messer angegriffen und tödlich verletzt, seine Begleiterin wurde in das Wasser gestoßen. Der Täter ist weiter unbekannt.

Am Mittwochabend starten die Ermittler in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" den Versuch, den Mörder zu fassen. In einem Filmbeitrag wird das Geschehen in der Herbstnacht nachgestellt. Die zuständige Mordermittlerin wird sich in der Hoffnung auf neue Hinweise anschließend direkt an die Millionen Fernsehzuschauer wenden.

Der folgende Artikel erschien erstmals am 17. Oktober 2017 unter dem Titel "'Alster-Mord' an 16-Jährigem - für die Ermittler ein einziges Mysterium". Anlässlich der Ausstrahlung des Falls bei "Aktenzeichen XY"  veröffentlichen wir ihn an dieser Stelle erneut.


Es ist ein Verbrechen, das der Hamburger Polizei bis heute Kopfzerbrechen bereitet und die Menschen in der Hansestadt noch immer verstört. Vor einem Jahr erfahren sie aus den Medien, was sich in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 2016 in der Innenstadt abgespielt hat: "Die Hamburger Polizei fahndet nach einem unbekannten Täter, der gestern Abend auf einen 16-jährigen Jugendlichen eingestochen und ihn tödlich verletzt hat", heißt es nüchtern im Polizeibericht. Hinter diesen Worten verbirgt sich der brutale Angriff auf einen Schüler, der als "Alster-Mord" Schlagzeilen machen und für Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer sorgen wird.

Victor E. ist an dem Sonntagabend mit einer Freundin in der City der Hansestadt unterwegs. Es es ist das erste Ferienwochenende, ein kühler Herbstabend, vielleicht zwölf Grad, aber trocken. Die Beiden bleiben noch etwas draußen, setzen sich auf die Stufen unterhalb der viel befahrenen Kennedybrücke an der Hamburger Außenalster, mit Blick auf die Lichter an dem aufgestauten Fluss in der Hamburger Innenstadt.

Gegen 22 Uhr tritt plötzlich von hinten ein Mann an die Jugendlichen heran, sticht unvermittelt mehrfach auf den 16-Jährigen ein und stößt dessen Begleiterin in die Alster. Sie kann sich selbst aus dem Wasser retten, bleibt äußerlich unverletzt - doch für Victor E. kommt jede Hilfe zu spät. Er erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schwere Verletzungen.

Es gibt keine Spur von dem Mörder - bis heute

Streifenwagen eilen mit Blaulicht und Sirene zum Tatort, fahren die Innenstadt und den Stadtteil Rotherbaum ab, suchen nach dem Täter. Er soll eine südländische Erscheinung haben, 23 bis 25 Jahre alt sein, 1,80 bis 1,90 Meter groß sein, mit kurzen, dunklen Haaren und Dreitagebart. Doch es gibt keine Spur von dem Mörder. Das wird bis heute so bleiben - trotz aller Bemühungen der Ermittler.

Die Polizei lässt in den folgenden Wochen nichts unversucht, um den Mord an dem Schüler aufzuklären. Das Umfeld des Jugendlichen wird befragt. Hatte Victor E. Feinde? Gab es Streit? Irgendwelche Auffälligkeiten? Die Suche nach der Tatwaffe läuft. Beamte gehen die Umgebung mit Metalldetektoren ab, Taucher steigen diverse Male in die Alster hinab. Ohne Erfolg. Die Zeitungen, Fernsehsender und Radiostationen berichten unentwegt über den Fall, Polizeisprecher wiederholen ihre Zeugensuche dutzendfach. Doch einen entscheidenden Hinweis erhalten sie nicht.

Rund zwei Wochen nach der Tat gibt es Aufregung: Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) brüstet sich mit der Tat, lässt verbreiten, einer ihrer "Soldaten" habe die Jugendlichen angegriffen. Man ermittle weiter in "alle Richtungen", lässt die Mordkommission wissen, doch wenig später teilt die Polizei mit, dass ein IS-Zusammenhang unwahrscheinlich sei.

Ermittler gehen unkonventionelle Wege

Die Ermittler arbeiten weiter, gehen auch unkonventionelle Wege: Sie stellen die Tat nach, sie werten Tausende Handydaten aus, sie stellen einen anonymen Briefkasten für Hinweise und einen Info-Kasten am Tatort auf, verteilen wieder und wieder Flugblätter.

Nach dem "Alster-Mord" veröffentlichte die Polizei ein Phantombild des möglichen Täters

Nach dem "Alster-Mord" veröffentlichte die Polizei ein Phantombild des möglichen Täters

Anfang November keimt neue Hoffnung auf: Eine Zeugin hat sich bei der Polizei gemeldet, nach ihren Angaben können Phantombildzeichner ein Fahndungsbild des möglichen Täters erstellen. Auch das wird verteilt, in den Medien und sozialen Netzwerken veröffentlicht - auch das bringt keinen Erfolg. Die Polizei hält es für möglich, dass sich der Täter bei seinem Angriff an der Hand verletzt hat und schreibt über 10.000 Ärzte an, bittet sie um Hilfe. Auch hier: keine weitere Spur.

Der Tatort an der Kennedybrücke hat sich indes in ein trauriges Blumenmeer verwandelt. Mitschüler, Bekannte, Freunde, aber auch viele weitere Hamburger nehmen Anteil am Tod des Schülers. "Victor, wir vermissen Dich! Und vergessen Dich nie!", steht auf einem Zettel, "Unser geliebter Freund, wir denken an Dich und vermissen Dich", haben Freunde auf ein Banner geschrieben. Hunderte Kerzen stehen am Alsterufer im Nieselregen.

Hunderte Menschen verliehen ihrer Trauer am Alsterufer Ausdruck

Hunderte Menschen verliehen ihrer Trauer am Alsterufer Ausdruck

Rund zwei Monate nach der Tat in Hamburg rast in Berlin Anis Amri mit dem Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, ein Verdacht kommt auf: Ist Anis Amri der Mann auf dem Phantombild? Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, aber den Verdacht können die Ermittler nicht bestätigen. Ähnliche Spekulationen gibt es Ende Juli 2017, als Ahmad A. in einem Hamburger Supermarkt mehrere Menschen mit einem Messer verletzt und einen Mann tötet. Hat er ebenfalls an der Alster zugestochen? Auch das wird überprüft, wie inzwischen bei jedem Mordfall eine Verbindung zum "Alster-Mord" geprüft werde, wie die Hamburger Polizei dem stern seinerzeit mitteilt. 

"Alster-Mord" wird nicht zu den Akten gelegt

Auch ein Jahr nach der Tat ist der Mörder von Victor E. immer noch nicht gefunden, alle Bemühungen sind vergeblich geblieben. Die Polizei hat vieles versucht, aber: "Es gibt derzeit keine neuen Ermittlungsansätze", sagt eine Sprecherin dem stern. Der Fall werde jedoch sicher nicht zu den Akten gelegt, eine sogenannte Mordbereitschaft prüfe jede neue Spur. Mord verjährt nie und auch die Hoffnung bleibt, den Täter zu finden.

Was ein Jahr nach der Tat ebenfalls bleibt, sind immer noch Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer. "Es ist kaum auszuhalten", sagt die Mutter des Opfers der "Bild"-Zeitung. "Die Trauer wird auch nach einem Jahr nicht geringer. Wenn der erste Schock überwunden ist, spürt man den Schmerz umso stärker." Und sie appelliert an den Täter: "Wenn noch ein Rest von Menschlichkeit in ihm vorhanden ist, sollte er sich stellen."


"Aktenzeichen XY" am Mittwochabend

"Aktenzeichen XY ... ungelöst" wird am Mittwochabend um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt und kann auch hier in der ZDF-Mediathek angesehen werden. Hinweise zum "Alster-Mord" nehmen die Hamburger Polizei unter (040) 428656789 und das Münchener Aufnahmestudio der Sendung während der Ausstrahlung unter (089) 950195 entgegen.

Dieses Phantombild zeigt den Tatverdächtigen im Mordfall Bögerl