Bruder tötet Schwester Mord aus Angst, den Vater zu verlieren

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte seine Schwester in ihrer Wohnung in Kiel erschlagen hatte
Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte seine Schwester in ihrer Wohnung in Kiel erschlagen hatte
© Colourbox
Bis zum Schluss hatte der 22-Jährige die Tat abgestritten. Doch alle Indizien sprachen gegen ihn, nun ist der Unternehmersohn zu acht Jahren Haft verurteilt worden - wegen Mordes an seiner Schwester. Dem verzweifelten Vater fällt es schwer, an die Schuld seines Sohnes zu glauben.
Von Kerstin Schneider und Oliver Link

Mit gebeugten Schultern steht Claus-Dieter W. in den Verhandlungspausen auf dem Gerichtsflur, wirkt verloren, obwohl er fast zwei Meter groß ist. Vor zweieinhalb Jahren ist seine Tochter Viktoria ermordet worden. Drinnen, im Saal 137 des Kieler Landgerichts, sitzt nun der Mann auf der Anklagebank der Jugendkammer, den die Staatsanwaltschaft für ihren Mörder hält: Es ist Viktorias Bruder Christopher, der Sohn von Claus-Dieter W.

Für den Vater ist kaum auszuhalten, was Staatsanwalt Dr. Matthias Daxenberger seinem Sohn vorwirft: Christopher W., heute 22 Jahre alt, soll seine Schwester in der Nacht zum 21. Januar 2006 mit einem "halbscharfen Gegenstand" erschlagen haben. In ihrem Bett. Während sie schlief. Mit "mindestens elf Schlägen", die so wuchtig waren, dass sie den Schädel der 21-jährigen Studentin zertrümmerten und ihre Luftröhre abrissen. "Das ist mehr, als man ertragen kann", sagt der Vater.

Angeklagter bestreitet Mord

Kain erschlug Abel, weil Gott dessen Tieropfer bevorzugte. Kain war eifersüchtig. War Christopher W. eifersüchtig auf seine Schwester? Der Angeklagte bestreitet die Tat. Vor Gericht sagt er: "Ich habe meine Schwester nicht getötet. Ich mochte sie. Ich hätte ihr nie so etwas antun können." Mit stoischer Miene verfolgt er Stunde um Stunde die langen Verhandlungstage, so, als ginge ihn dieser Prozess nichts an. Christopher W. sieht jünger aus, als er ist. Sein Gesicht ist glatt, ohne Bartwuchs. Er trägt immer denselben grauen Anzug, dazu eine dunkle Krawatte und ein blassblaues Hemd. Er ist groß, wie sein Vater, hat dunkle Haare und Augen, buschige Brauen, eine lange Nase, wulstige Lippen, wirkt linkisch, wie jemand, der im eigenen Körper nicht zu Hause ist. Er geht gebeugt, die Schultern hängen. Wenn er vor dem Richtertisch steht, um sich Asservate anzusehen - das Türschloss der Wohnung seiner Schwester zum Beispiel -, verschränkt er die Beine, klemmt den rechten Fuß hinter den linken. Ab und an huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Ein Lächeln, das eher spöttisch, überlegen, fast ein bisschen überheblich wirkt.

Christopher W. stammt aus einer reichen Unternehmerfamilie. Als er drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Seine ältere Schwester Viktoria, damals fünf, wollte zur Mutter, Christopher W. zum Vater. Die Mutter, eine hoch gewachsene, dunkelhaarige Frau, kann vor Gericht nicht erklären, warum ihr Sohn damals nicht zu ihr wollte. "Ich habe das auch nie verstanden", sagt Ines T. Sie ist blass, hat dunkle Ringe unter den Augen. Trotzdem wirkt sie unterkühlt, geradezu sachlich. Der Sorgerechtsstreit habe "starke Störungen" bei Christopher hervorgerufen, sagt sie. Als sie in der Verhandlungspause zu ihrem Sohn geht und vorsichtig seinen Oberarm tätschelt, zuckt der zurück und blickt zur Seite.

Der Junge entwickelte starke Verlustängste

Im Kampf um ihr Kind zog die Mutter damals offenbar alle Register, wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellt. Damit ihr Sohn bei ihr blieb, schenkte die Mutter ihm ein Mountainbike, das ihm der Vater zuvor verwehrt hatte. Die Mutter weigerte sich, das Kind herauszugeben, so dass der Gerichtsvollzieher anrücken musste, um Christopher W. zum Vater zu bringen. Immer wenn der Junge wieder zur Mutter sollte, weinte er bitterlich.

Erst nach einem "erbitterten Sorgerechtsstreit", wie die Eltern die damalige Auseinandersetzung heute bezeichnen, sprach das Familiengericht dem Vater den Sohn zu. Der Junge hatte inzwischen so starke Verlustängste entwickelt, dass der Vater sich kaum einen Schritt entfernen konnte. "Einmal, im Urlaub, durfte ich nicht mal ins Wasser, weil Christopher weinte. Er hatte Angst, dass ich ertrinken könnte", sagt der Vater bei seiner Vernehmung vor Gericht. Um für seinen Sohn da zu sein, zog sich Claus-Dieter W. aus der Geschäftsführung seines Unternehmens zurück, kümmerte sich fortan um das Kind.

Beide hatten am selben Tag Geburtstag

Auch zu seiner Tochter Viktoria, die nun etwa 250 Kilometer entfernt bei der Mutter lebte, baute Claus-Dieter W. ein inniges Verhältnis auf. Viktoria kam Vater und Bruder oft besuchen, fuhr mit ihnen in den Ferien ans Meer. Claus-Dieter W. gerät noch heute ins Schwärmen, wenn er von seiner Tochter spricht. "Wir hatten viel gemeinsam. Sie war weltoffen, naturverbunden und liebte Tiere, so wie ich." Beide hatten am selben Tag Geburtstag. Viktoria schaffte ihr Abitur mit 1,9. Der Vater habe daraufhin Christopher unter Druck gesetzt, behauptet eine ehemalige Lebensgefährtin von Claus-Dieter W. vor Gericht. "Nimm dir mal ein Beispiel an Viktoria", habe der Vater seinen Sohn immer wieder angestachelt.

Claus-Dieter W. bestreitet das nicht. "Aber ich habe nicht die Leistung, sondern ihre Lebenslust gemeint", betont der Vater. Während Viktoria sehr "unternehmungslustig" und "kontaktfreudig" gewesen sei, habe sich ihr Bruder "zum Individualisten entwickelt", der "sich schon mit 14 in den Börsenteil der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' vertieft" und "nur noch in Zahlen geredet" habe, sagt der Vater. Dass Viktoria sein Lieblingskind gewesen sei, bestreitet er. "Ich hatte kein Lieblingskind, ich war immer stolz auf beide Kinder."

Silvester 2005 brach der Konflikt auf

Auch Christopher hatte in der Schule gute Noten, schaffte das Abitur mit 2,3. Eine halbe Note schlechter als seine Schwester, die ihm auch sonst immer einen Schritt voraus war. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre in Kiel, wollte ins Management wie ihr Vater, träumte von einem Job im Ausland. Er begann eine solide Ausbildung zum Vermögens- und Anlageberater in einer Bank in München. Beide Geschwister müssen einen etwas zu ausgeprägten Ehrgeiz gehabt haben. Christopher W. habe in der Berufsschule eine Klausur aus der Tasche seiner Lehrerin geklaut und sie abfotografiert, sagt ein ehemaliger Mitschüler. "Viktoria hat mir vorgeschlagen, eine Klausur von dem Notebook des Professors herunter zu laden", gibt eine Kommilitonin zu Protokoll.

Buhlten die Geschwister heimlich um die Gunst des Vaters, dem Erfolg so wichtig gewesen sein soll? Silvester 2005, drei Wochen bevor Viktoria W. starb, brach der Konflikt offenbar auf. Die Geschwister trafen sich im Haus des Vaters im Harz. Viktoria hatte große Pläne für das neue Jahr, wollte in Australien studieren, plante ihren Umzug nach Hamburg, wo sie einen Praktikumsplatz gefunden hatte. Ein paar Kisten mit ausrangierten Ordnern wollte sie nun im Kinderzimmer ihres Bruders abstellen. Doch Christopher W., den Zeugen als "kühl" beschreiben, blaffte seine Schwester an: "Das will ich nicht!" Die Geschwister stritten so heftig, dass Claus-Dieter W. - wie er bei der Kripo zu Protokoll gab - das Gefühl hatte, "dazwischen gehen zu müssen". Heute will sich der Vater nicht mehr daran erinnern.

Nicht ein einziges Mal schaut der Vater seinen Sohn an

Am 8. Januar 2006, einen Tag nach seiner Rückkehr nach München, bestellte Christopher W. einen Einweg-Anzug und gelbe Lederhandschuhe im Internet. Am 9. Januar suchte er im Internet nach Karnevalsmasken und bestellte ein Modell " Typ Chefarzt". Ein paar Tage später beantragte er in der Bank für den 20. Januar einen freien Tag. Am 19. Januar, keine 48 Stunden vor dem Tod seiner Schwester, googelte Christopher W. die Begriffe "erschlagen" und "Kopf" sowie "erstechen" und "Kopf", wie spätere kriminaltechnische Untersuchungen seines Computers ergaben. Als der Sachverständige diese Details im Gerichtssaal vorträgt, sitzt Claus-Dieter W. auf seinem Stuhl und macht sich Notizen. Nicht ein einziges Mal schaut der Vater seinen Sohn an, der nur wenige Meter entfernt sitzt. Christopher W. blickt starr geradeaus, so, als sei er weit weg.

Am 20. Januar 2006, einem Freitag, kam Christopher W. wie beantragt und genehmigt nicht zur Arbeit. Das belegt nicht nur sein elektronischer Stundenzettel. Er loggte sich an diesem Tag auch nicht in seinen Dienstrechner ein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Christopher W. an diesem Tag quer durch Deutschland von München nach Kiel reiste. Über acht Stunden muss er mit Zug oder Auto unterwegs gewesen sein. Seine Schwester hatte an diesem Tag einen Nachmieter für ihre Wohnung gefunden. "Du glaubst gar nicht, wie viel Glück ich im Moment habe. Alles läuft einfach super toll", schrieb sie einer Freundin in einer E-Mail. Um 21.09 Uhr schaltete Viktoria W. den Computer aus. Ihr letztes Lebenszeichen.

Die Polizei fand Viktoria W. mit eingeschlagenem Schädel

Laut Anklage öffnete Christopher W. in der Nacht zum 21. Januar mit einem Reserveschlüssel die Wohnungstür seiner Schwester. Irgendwann in der Nacht hörten Nachbarn ein Poltern. Morgens gegen vier Uhr sah ein Nachbar einen auffallend großen Mann, etwa 20 Jahre alt, vor dem Haus. Eine Beschreibung, die auf Christopher W. passt. Als sich seine Tochter drei Tage lang nicht meldete, schlug ihr Vater bei der Polizei Alarm. Am 24. Januar brachen die Beamten die Wohnungstür auf. Und fanden Viktoria W. blutüberströmt in ihrem Bett. Mit eingeschlagenem Schädel.

Einen Tag später saß Christopher W. im Büro vor seinem Computer und suchte im Internet nach teuren Autos. "Maybach" tippte er in den Rechner. Die Nobelkarosse kostet rund 350.000 Euro. Dann "Dodge Viper", Grundpreis des Sportwagens 110.000 Euro. Aus der Kapitallebensversicherung seiner Schwester, in der Christopher W. für den Fall ihres Todes als Begünstigter eingetragen war, hatte er viel Geld zu erwarten. 194.000 Euro, wie sich später herausstellte.

Christopher W. hatte ein falsches Alibi

Die Kripo in München vernahm Christopher W. Anfang Februar. "Er schien nicht erschüttert zu sein. Er saß da, Hände auf den Oberschenkeln, hat sehr bedächtig gesprochen, schaute mir nicht in die Augen", erinnert sich der Kripobeamte vor Gericht. Er schöpfte Verdacht und rief seine Kollegen in Kiel an, riet ihnen, Viktorias Bruder "genau unter die Lupe zu nehmen". Doch die Kollegen hätten ihn abgewimmelt, behauptet der Beamte jetzt vor Gericht. Tatsächlich konzentrierte sich die Kieler Mordkommission monatelang auf einen Nachbarn von Viktoria W. Ihr Bruder stand nicht unter Verdacht, weil er ein wasserdichtes Alibi zu haben schien: Er hatte der Kripo einen Computerausdruck mit seinen Arbeitszeiten vorgelegt. Die Kripo überprüfte jedoch nicht, ob der Ausdruck echt war.

Erst viel später, als Christopher W. wegen der hohen Lebensversicherung unter Verdacht geraten war, bemerkten die Beamten die Fälschung. Christopher W. versuchte daraufhin, eine Sekretärin zu überreden, ihm ein falsches Alibi auszustellen. "Er hat mich gefragt, ob ich nicht der Polizei sagen könne, dass er am 20. Januar doch im Büro gewesen sei", erinnert sich die Zeugin vor Gericht. Später, bereits in U-Haft, legte Christopher W. seinem Vater nahe, bei der Polizei auszusagen, dass er Handschuhe und Einweg-Anzug in dessen Garten getragen habe. Das Gespräch wurde heimlich mitgeschnitten. Die Bänder werden im Gerichtssaal abgespielt. "Auf krumme Sachen lasse ich mich nicht ein", ließ der Vater den Sohn abblitzen.

Immer wieder sucht der Staatsanwalt den Blick des Angeklagten

Nach dem Ende der Beweisaufnahme setzt Staatsanwalt Daxenberger in einem geschliffenen Plädoyer fast zwei Stunden lang Stück für Stück die Indizien zusammen, die Christopher W. schwer belasten. Dazu gehören nicht nur die Suchanfragen im Netz und das gefälschte Alibi. Auf Leiche und Bettzeug wurden gelbe Lederfibrillen sichergestellt, die aus der gleichen Charge stammen wie die Handschuhe, die Christopher W. im Internet bestellt hatte. Immer wieder sucht der Staatsanwalt den Blick des Angeklagten, doch der sieht nur starr geradeaus. Lediglich das Zucken seiner Mundwinkel verrät, dass ihn das Plädoyer nicht kalt zu lassen scheint.

Der Staatsanwalt glaubt nicht, dass Christopher W., der die hohe Lebensversicherung kassierte und an der Börse verspielte, aus Habgier gemordet habe. Der Bruder habe "aus tiefem Hass auf seine Schwester" getötet. Das Abstellen der Kisten in seinem alten Kinderzimmer sei für ihn ein "Menetekel" gewesen, dass die Schwester ihn endgültig vertreiben würde, glaubt der Ankläger. Er stützt sich dabei auf das psychiatrische Gutachten, das Christopher W. attestiert hat, völlig auf den Vater "fixiert" zu sein. Der Vater sei für ihn, der keine anderen Freunde hatte, offenbar die "einzige soziale Bezugsperson" gewesen. Mit dem Wunsch seiner Schwester, sich in dem Kinderzimmer auszubreiten, sei augenscheinlich ein altes Trauma aufgebrochen: die Angst, den geliebten Vater zu verlieren. Mit Rücksicht auf die "Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung" und die "Entwicklungsdefizite", die der Psychiater bei Christopher W. festgestellt hat, fordert Daxenberger neun Jahre Jugendstrafe wegen Mordes und bleibt damit ein Jahr unter der Höchststrafe.

Der Vater redet sich in Rage

Der Verteidiger von Christopher W. fordert dagegen Freispruch. Der Anwalt plädiert fast dreieinhalb Stunden lang. Er redet viel und sagt wenig, wiederholt das Plädoyer des Staatsanwalts, ohne die Indizien jedoch zu erschüttern, zitiert Presseartikel, als seien sie für die Urteilsfindung der Richter von Belang. Einem Sachverständigen, der als Zuschauer im Saal sitzt, fallen die Augen zu.

Nach der Verhandlung sitzt Claus-Dieter W. allein in der Gerichtskantine, brütet über seinen Notizen und ringt mit der Wahrheit. Wenn das Gericht seinen Sohn verurteilt, hat der Vater beide Kinder verloren. Das Plädoyer des Staatsanwalts sei "schon beeindruckend", gibt er zu. Doch er hat sich für alles eine Erklärung zurechtgelegt. Der Anzug und die Handschuhe? "Er wollte seine Wohnung renovieren." Die Maske? "Vielleicht wollte er zum Karneval." Das Gespräch in der U-Haft? "Dazu hat ihn bestimmt jemand im Gefängnis angestiftet." Die Frage nach den Faserspuren überhört der Vater. Er redet sich in Rage. "Wenn man sich andere Jugendliche anguckt, die klauen und Drogen nehmen, dann passt es einfach nicht ins Bild, dass er das gemacht haben soll." Alle Bediensteten im Gefängnis hätten ihm versichert, dass sein Sohn "da nicht reinpasse". Claus-Dieter W. hebt die Stimme, fährt mit der Handkante durch die Luft. "Sein Lebensweg ist kaputt."

Der Vater greift in die Innentasche seines Sakkos, holt Fotos heraus. Ein Bild zeigt die Geschwister im Schnee. Sie lächeln in die Kamera. Auf einem anderen Foto ist Viktoria zu sehen. Sie hält einen Hund im Arm. "Den hatte sie von klein auf", sagt Claus-Dieter W. "Sie war so tierlieb." Seine Stimme bricht. Er steckt die Bilder weg, holt ein Taschentuch hervor, tupft sich über die Augen. Und sagt: "Vielleicht ist es gar nicht gut, wenn ich die ganze Wahrheit erfahre." Die Jugendkammer des Landgerichts Kiel hat Christopher W. heute zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt.


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