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Mordprozess in Bielefeld: Er soll Pausenbrote vergiftet haben - über die rätselhafte Welt des Einzelgängers Klaus O.

In Bielefeld hat der Prozess gegen Klaus O. begonnen. Der Schlosser soll über Jahre die Butterbrote von Kollegen mit hochgiftigen Substanzen präpariert haben. 21 Todesfälle werden noch untersucht, auch Exhumierungen sind geplant.

Von Barbara Opitz

Butterbrote von Kollegen vergiftet: Die Geschichte eines Einzelgängers

Der Eingangsbereich des Armaturenherstellers Ari (l.) in Schloss Holte-Stukenbrock bei Bielefeld. Im Pausenraum der Firma sollen die Butterbrote vergiftet worden sein.

Bei der Armaturenfirma Ari ahnten sie schon länger, dass etwas nicht stimmte. Da war die Sache mit dem Studenten, Nick N., 26, der während der Semesterferien im Werk gearbeitet hatte. Schwermetallvergiftung, hieß es. Quecksilber. Ganz plötzlich. Keiner konnte sich das erklären, bei Ari wird nicht mit Quecksilber gearbeitet. Seit gut zwei Jahren liegt Nick nun im Koma, geplagt von schweren Krämpfen, die Augen geöffnet, aber seelenlos.

Nach der Sache mit Nick bekam ein anderer Kollege, Udo B. von der Abteilung Werkzeugbau, schlimme Krämpfe und Magenblutungen. Plötzlich. Schließlich versagten ihm die Nieren. Dreimal die Woche muss er seitdem zur Dialyse.

Butterbrote von Kollegen vergiftet: Die Geschichte eines Einzelgängers

Der Eingangsbereich des Armaturenherstellers Ari (l.) in Schloss Holte-Stukenbrock bei Bielefeld. Im Pausenraum der Firma sollen die Butterbrote vergiftet worden sein.

Der Kauz

Und da war noch ein Dritter. Simon R., 27, auch einer aus dem Werkzeugbau. Bei der Arbeit übergab er sich mehrmals, im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass seine Nieren so gut wie gar nicht mehr arbeiteten. Völlig unerwartet. Bei Ari begannen manche, sich zu erinnern. Da hatte es doch auch die vielen Toten unter den Mitarbeitern gegeben, ungewöhnlich viele, so schien es, über Jahre. Krebsgeschwüre, Schlaganfälle, Infarkte.

Knapp ein Jahr nachdem Simon R. wegen der Nieren für zwei Wochen im Krankenhaus gelegen hatte, saßen sie bei Ari dann alle zusammen. Der Betriebsrat und die Geschäftsführer starrten auf den Bildschirm. Zwei Tage zuvor hatten sie eine Kamera in der Abteilung Werkzeugbau installiert. Im Versorgungsschacht, gerichtet auf den Pausentisch. Konnte das wirklich sein? Ausgerechnet er, der Kauz! Deutlich war auf den Aufnahmen Klaus O. zu erkennen. Ein älterer Kollege, fast vier Jahrzehnte bei Ari.

Die Männer verfolgten, wie Klaus O. sich mit einem Ordner unter dem Arm den Weg zum Pausentisch bahnt. Er greift in die auf dem Boden stehende Tasche des Kollegen Simon R., nimmt eine Brotdose heraus, öffnet sie. Dann holt er ein Papierbriefchen hervor, das er unter dem Ordner versteckt hielt, klappt die Brotscheiben auseinander, bestreut sie mit einem weißlichen Pulver aus dem Briefchen. Er klappt die Scheiben wieder zusammen, er legt sie zurück. In die Dose. In den Rucksack. Als wäre nichts geschehen.

Als Polizisten wenige Tage später sein Haus durchsuchten, fanden sie im Keller ein regelrechtes "Giftlabor", wie sie es nannten. Ein großes Arsenal an hochtoxischen Stoffen, darunter Quecksilber, Blei und Kadmium.

Jetzt, ein halbes Jahr später, am 15. November, beginnt der Prozess gegen Klaus O., 57, vor dem Bielefelder Landgericht. Er ist wegen heimtückischen und besonders grausamen versuchten Mordes angeklagt. Die Ermittler werfen ihm vor, von 2015 bis 2018 "verschiedene Substanzen" auf die Pausenbrote der Ari-Mitarbeiter gestreut zu haben. Ihm sei es, so formuliert es die Staatsanwaltschaft, darum gegangen, seine Kollegen beim körperlichen Verfall zu beobachten. Mitzuerleben, wie sie vor seinen Augen "Schmerzen und Qualen erleiden".

Akutes Nierenversagen

Darüber hinaus sind noch für dieses Jahr Exhumierungen geplant. 21 Todesfälle aus den vergangenen 18 Jahren werden derzeit untersucht. Fälle von Ari-Mitarbeitern, die plötzlich verstorben sind. Meist war es das Herz oder Krebs. Findet man an den sterblichen Überresten verdächtige Substanzen, wird ein eigenes Verfahren eingeleitet. Dann wegen Mordes.

Es ist Zufall, dass die Sache ans Licht kam. Dass der dritte Kranke, Simon R., irgendwann misstrauisch wurde. R. arbeitete schon einige Jahre bei Ari. Wie sein Vater. Mit seinen Kollegen verstand er sich gut. Vor allem mit Nick N., dem Studenten, der nur ein paar Häuser entfernt wohnte und der vor seinem Studium schon eine Ausbildung in der Firma gemacht hatte. Bei Ari, so beschreiben es die Mitarbeiter, kennt jeder jeden. Ein inhabergeführtes Unternehmen, 700 Angestellte, mit Stammsitz in Schloss Holte-Stukenbrock bei Bielefeld. Viele Kollegen wohnen in der Wohnsiedlung ganz in der Nähe, mit ihren Bungalows, den Carports hinter gestutzten Bäumen und Hecken. Keiner von ihnen hätte geglaubt, dass ihm ausgerechnet hier, bei Ari, etwas zustoßen könnte.

Die ersten Merkwürdigkeiten fielen Simon R. im Sommer 2016 auf. Das Wasser in seiner Flasche erschien ihm plötzlich trüb. Auch sein Vorarbeiter, Udo B., hatte das bei seiner eigenen Flasche festgestellt. Die Männer vermuteten, es seien vielleicht Spuren vom Milchkaffee, den sie in der Pause tranken. Zumal das Wasser auch ein wenig süßlich schmeckte.

Im März 2017 fingen bei Simon R. die Bauchschmerzen an. Die Ärzte konnten nichts finden. Nur, dass die Nierenwerte zu hoch waren. Doppelt so hoch wie normal. Drei Monate später meldete die Firma eine schwere Erkrankung des Kollegen Udo B. Es hatte mit Bauchblutungen begonnen, dann folgte akutes Nierenversagen.

Pulver an der Butterbrotdose

Untersuchungen bei Simon R. ergaben unterdessen, dass in seinem Körper zwei Tumoren wuchsen. An der Nebenniere und an der Wirbelsäule. Im Oktober verschlechterte sich sein Zustand. Simon R. war schlapp. Sein Körper begann unkontrolliert zu zittern. Er musste sich mehrmals übergeben, einmal direkt vor den Augen von Klaus O. Simon R. entschuldigte sich bei seinem Kollegen, rief ihm zu, er müsse nach Hause, er könne nicht mehr. Im Krankenhaus stellte man fest, dass seine Nierenwerte inzwischen achtmal so hoch wie normal waren. Der Arzt meinte, das komme einer Vergiftung gleich. Man solle dem nachgehen.

Schon einmal hatte Ari seine Maschinen genau untersuchen lassen. Ein Jahr zuvor, als die Sache mit Nick N. passiert war. Damals kamen Polizei und Bezirksamt. Man saugte die Maschinen ab und schickte die Proben zur Analyse. Ohne Ergebnis.

Auch jetzt, im Fall Simon R., wurden trotz Nachforschungen keine Auffälligkeiten entdeckt. Der Zustand des jungen Mannes besserte sich, er kam wieder zur Arbeit, auch wenn seine Nierenwerte weiterhin nicht gut waren.

Im März 2018, ein Jahr nach den ersten Symptomen, fiel Simon R. ein braunes Pulver auf einem seiner Brote auf. Dreck aus dem Rucksack, habe er vermutet. Als er das Pulver zum zweiten Mal bemerkte, klebten Reste davon auch am Rand der Butterbrotdose. Innen. Das Pulver war dazu großflächig auf dem Schinken verteilt. Als ein paar Wochen später ein weißes Pulver auf seinen Broten auftauchte, zwischen den Salatblättern, ging Simon R. zur Polizei. Er erstattete Anzeige gegen unbekannt. Fuhr danach zur Firma. Meldete die Vorkommnisse seinem Meister. Der benachrichtigte den Betriebsrat.

Noch zwei Mal sollte sich in der darauffolgenden Woche weißes Pulver auf Simon R.s Broten finden. Doch inzwischen hatte der Betriebsrat die Firmenleitung eingeschaltet. Die kontaktierte die Polizei. Gefahr im Verzug. Die Kamera wurde installiert, Klaus O. festgenommen.

Außenseitertyp

Der habe nicht damit gerechnet, sagt ein Kollege. Klaus O. sei am 16. Mai 2018 ganz normal zur Spätschicht gekommen, kurz vor 14 Uhr. Er habe sich eingestempelt, sei zu seinem Spind gegangen. Wie immer. Als sich schließlich vier Polizisten in Zivil zu erkennen gaben, habe er nur kurz gezuckt. So als wolle er wegrennen. Dann habe er sich ganz "ruhig" festnehmen lassen, "irgendwie emotionslos".

Wie immer. Emotionslos.

Schweigsam soll Klaus O. gewesen sein. Die Kollegen bei Ari sagen, sie hätten kaum etwas über ihn gewusst. Nur, dass er jeden Morgen mit seinem Fahrrad von Bielefeld aus nach Schloss Holte-Stuckenbrock kam. 30 Kilometer fuhr er jeden Tag. 38 Jahre lang. Wortlos ging er an die Maschine, immer mit gesenktem Kopf. Grüßte ihn einer, grüßte er nie zurück. Manchmal trug er Kopfhörer. Blieb abgeschirmt von der Welt. Wenn die Kollegen an dem kleinen Pausentisch zusammensaßen, blieb Klaus O. an der Maschine. Beobachtete, wie sie ihre Brote aßen. Trank Tee aus seiner Thermoskanne. Las Zeitung. Man habe sich daran gewöhnt, sagt ein Mitarbeiter. Der Klaus, "ein eigener Pitter". Verbittert habe er gewirkt. Ein Außenseitertyp.

Schon immer. Ehemalige Klassenkameraden erinnern sich, Klaus O. habe mit seinen Eltern im Gemeindehaus gewohnt, Sozialwohnungen. Er habe manchmal nach Schweiß gerochen. Vorne fehlten ihm Zähne, später, als er erwachsen war, habe er das richten lassen.

Es war wie in jeder Klasse, erzählt einer, der seinen Namen nicht nennen will. Er sagt, Klaus O. sei ein Freund für ihn gewesen. Damals habe es die Klassensprecherriege gegeben und alle, die dazu gehörten. "Und dann gab es noch uns." Die Unauffälligen.

Klaus O. sei anders gewesen als alle. Introvertiert. Ihm war es nicht wichtig, was andere über ihn sagten. Nie sei er auf einen zugekommen, "wir mussten auf ihn zukommen", sagt der Freund.

Menschenfeind

In dem Gemeindehaus, in dem Klaus O. lebte, gab es einen Spitzgiebel. Dort saßen die paar Jungen dann zusammen, hörten Musik. Alle standen auf AC/DC. Klaus O. aber mochte sanfte Musik, eine Mischung aus italienischer Folklore und Mittelalter-Pop. "Niemand hörte damals so was, das fand ich irgendwie gut."

Klaus O., der verbitterte Kollege. Der Menschenfeind. Der Freund sagt, Klaus O. sei sensibel gewesen. Ein musischer Typ. O. schätzte die kleinen Programmkinos. Japanische Kunstfilme im Original – mit Untertitel. Und im Deutschunterricht, so erzählen Klassenkameraden unabhängig voneinander, habe der Lehrer Klaus O.s Texte vorlesen lassen. Der Junge sei dann rot angelaufen. Aber jedes Mal sei es in der Klasse mucksmäuschenstill gewesen. "Er schrieb wie ein Erwachsener, pointiert, mit gewaltigem Wortwitz", erinnert sich einer. Am Ende habe ihm seine Rechtschreibschwäche im Weg gestanden. Nur deshalb habe er keine guten Noten bekommen.

Unterweltgrößen und beste Freunde – bis eine Frau auftauchte

Auch sein Freund sagt: Klaus O. war überdurchschnittlich intelligent. Baute aus alten Teilen eine Stereoanlage für den Jugendraum. Oder ein Teleskop, aus einer einfachen Glasscheibe. Ein Tüftler. Er habe ihn dafür bewundert.

Im Nachhinein sei ihm klar geworden, dass auch er nicht viel über Klaus O. gewusst habe, sagt der Freund. Dessen Eltern zum Beispiel hat er nie zu Gesicht bekommen. Er glaubt, der Junge habe sich für sie geschämt. Auch von seinen Beziehungen später habe O. kaum etwas erzählt. Zehn Jahre lebte er mit seiner ersten Freundin zusammen in einem kleinen Apartment. Als die Partnerschaft in die Brüche ging, plötzlich, verlor O. dem Freund gegenüber kein Wort darüber. Und als O. seine heutige Frau kennenlernte, sagte er nur: "Ich bin jetzt öfter in Bremen."

Einfach umgefallen

Seit der Hochzeit hatte der Freund zu Klaus O. nur noch sporadisch Kontakt. Ein letztes Mal sah er ihn zum 40. Geburtstag von O.s Frau vor zwei Jahren. Die Gäste saßen auf der Terrasse, unterhielten sich. Klaus O. habe abseits mit den Kindern auf dem Boden gesessen und gespielt. Völlig versunken. Das ganze Gerede der Erwachsenen habe ihn nicht interessiert. Seine Kinder, heute elf und drei, habe Klaus O. aber immer sehr geliebt. "Mit Klaus war man zusammen, ohne viel zu sprechen", sagt der Freund. Vielleicht hätten ein wenig die Emotionen gefehlt. Aber anders als es die Arbeitskollegen empfanden, sei er in keiner Weise verbittert gewesen. Schon gar nicht aggressiv.

Fragt man jedoch nach bei Ari, hört man, dass es durchaus Ausraster gegeben habe. Zuweilen sei O. sehr pedantisch gewesen. Wenn der Gabelstaplerfahrer ihm Zulieferungen nicht exakt im richtigen Winkel an seinem Arbeitsplatz ablegte, sei er schon mal zornig geworden. Ein Kollege habe ihn einmal "Klausi" genannt. Da habe O. ihn am Kragen gepackt, gebrüllt: "Klaus, nicht Klausi!". Und auch der Freund erinnert sich gehört zu haben, dass Klaus O. bei Ari eine junge Mitarbeiterin angeraunzt habe. "Kümmer dich gefälligst selber drum", habe er gesagt, als sie ihn um Hilfe bat. Das hatte den Freund noch gewundert. Seine Art, so glaubt er, habe O. schon öfter im Weg gestanden. 38 Jahre in derselben Abteilung. Selbst die Jungen, wie Simon R., hatten bereits eine Weiterbildung bezahlt bekommen. Bei Ari gibt man an, das hätten viele Kollegen im Haus in Anspruch genommen. O. hätte den Wunsch nur kommunizieren müssen.

Seit einem halben Jahr sitzt O. nun in Untersuchungshaft. Er spricht nicht, heißt es. Auch nicht mit seinem Anwalt. Und solange er nicht spricht, wächst in Schloss Holte-Stukenbrock die Verunsicherung.

Eine Leiche sei schon obduziert und auf Gifte untersucht worden, gibt die Schwester eines Mitarbeiters an, der im Sommer plötzlich starb. Einen Monat nachdem O. verhaftet worden war. Einfach umgefallen, sei er, das Herz. Die Ergebnisse der Obduktion lägen noch nicht vor.

Verätzter Kehlkopf

Bei Ari glaubt man nicht, dass es durch O. zu Todesfällen gekommen ist. Kaum einer habe so eng mit ihm zusammengearbeitet wie die im aktuellen Verfahren Betroffenen. Nirgendwo sonst hätte er Brote so einfach vergiften können. Allerdings gibt ein ehemaliger Kollege O.s an, vor etlichen Jahren mit ihm in Streit geraten zu sein. Irgendwann in dieser Zeit habe er in der Firma eine Cola getrunken. Danach sei sein Kehlkopf verätzt gewesen.

Und da war noch etwas. Einmal standen die Mitarbeiter der Frühschicht vor verschlossenen Türen, erinnert sich einer. Als der Sicherheitsdienst aufsperrte, da habe Klaus O. schon in aller Seelenruhe an der Maschine gesessen. Nach 38 Jahren Ari, sagt der Mitarbeiter, habe Klaus O. einen Schlüssel besessen, "er hätte Zugang zu vielen Räumen gehabt".

Der Artikel über den Mordprozess in Bielefeld ist dem aktuellen stern entnommen:

Sehen Sie im Video: "Auftakt im Prozess um vergiftete Pausenbrote: Sollten Kollegen leiden?"

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