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"Cold Cases" in Deutschland: Wie die Polizei versucht, jahrzehntealte Verbrechen zu lösen

Hunderte Mordfälle sind in Deutschland noch immer ungeklärt: die sogenannten "Cold cases". Dank DNA-Analysen werden Täter manchmal auch nach Jahrzehnten überführt. Einem Sexualmörder wurde so 24 Jahre nach der Tat ein Zigarettenstummel zum Verhängnis.

Manchmal führen Spuren, die nach einem Mord gesichert werden, erst Jahrzehnte nach dem Verbrechen zum Täter

In der Pathologie des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock wird eine Leiche untersucht. Manchmal führen Spuren, die nach einem Mord gesichert werden, erst nach Jahren zum Täter.

Holger Kunkel holt die Vergangenheit jeden Morgen bei Dienstbeginn ein. Wenn der Oberkommissar in der Polizeidirektion Braunschweig seine Jacke an die Garderobe hängt, so erzählt er es, blickt er auf das Regal mit Akten von rund 15 noch immer ungelösten Mordfällen. "Cold Cases" heißen diese oft Jahrzehnte lang offenen Taten. Bundesweit gibt es Schätzungen zufolge Hunderte - und die Arbeit an ihnen fordert Ermittler und Justiz.

Kunkel lassen die alten Fälle neben dem Alltagsgeschäft keine Ruhe. Der 58-Jährige erinnert sich noch gut, wie er etwa 2005 einen inzwischen wegen zwei Sexualmorden im Jahr 1981 verurteilten Mann überführen konnte. "Als wir mit ihm in Richtung Vienenburg fuhren, konnte ich sehen, wie seine Halsschlagader pulsierte", erzählt er. Die Ermittler brachten den Täter an die damaligen Schauplätze seiner Verbrechen in Niedersachsen - einen alten, orangefarbenen Audi inklusive. In solch einem Wagen hatte der Mann eines seiner Opfer mitgenommen.

Zentral erfasst oder bearbeitet werden "Cold Cases" laut Bundeskriminalamt nicht - Ländersache. Die Aufklärungsquote für Mord liegt den Polizeistatistiken zufolge seit Jahren aber bei gut 95 Prozent. Das heiße im Umkehrschluss, rechnet der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg vor: Von den bundesweit etwa 300 als Mord identifizierten Todesfällen pro Jahr, blieben 10 bis 20 ungelöst. Über die Jahre hinweg hätten sich so Hunderte angesammelt - die gar nicht erst erkannten Fälle nicht eingerechnet.

50 Prozent aller Morde nicht aufgedeckt

Egg geht unter Berufung auf den Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann sogar davon aus, dass bis zu 50 Prozent aller Morde nicht aufgedeckt werden. "Es gibt Verkehrsunfälle, wo man dann feststellt, er war alkoholisiert oder die Straße vereist, aber vielleicht hatte jemand auch die Bremsen manipuliert", nennt Egg als Beispiel.

Bei den zwei Toten in Kunkels Fall gab es keine Zweifel an einem Verbrechen. Ein Prozess zu solch einem jahrzehntealten Fall sei für die Justiz dennoch schwierig, weiß Kriminologe Egg. "Nach so langer Zeit hat man seine eigene Version gefunden, die man immer weitererzählen kann", sagt er etwa zur Erinnerung von Tätern und Angehörigen.

Besonders betroffen sei die Opferseite. Angehörige, fordert Egg, sollten die zum 1. Januar 2017 eingeführte psychosoziale Prozessbegleitung wahrnehmen. In Kunkels Zweifach-Mörder-Fall gab es das noch nicht. Der Vater des zweiten Opfers, dem seine einzige Tochter genommen wurde, musste alleine vor Gericht aussagen. "Wie soll es mir gehen, eigentlich müsste ich jetzt mit Enkeln im Garten sitzen", hätte dieser, erinnert sich der Polizist, damals gesagt.

Die alten Wunden zu öffnen, sei "nicht sofort eine Entlastung", weiß auch Egg. Im Endeffekt, wenn der Täter hinter Gitter kommt, könnten Angehörige die Tat aber meist besser verkraften.

Eine Zigarettenkippe überführte den Täter

Als Holger Kunkel 1997 zur Kriminalpolizei in Braunschweig kam, zählte er ingesamt 21 offene "Cold Cases". Sie gingen bis in die 50er-Jahre zurück, etwa eine Handvoll haben er und seine Kollegen in der Direktion seither gelöst. Mal war jemand bloß verschwunden, mal konnten sie Mörder überführen. Dem Zweifach-Mörder waren die Ermittler dank neuer Kriminaltechnik auf die Schliche gekommen. Eine Zigarettenkippe, an der die DNA von der jungen Anhalterin mit Vokuhila-Frisur genauso klebte wie seine, überführte ihn. "Spur 100", erinnert sich Kunkel.

Polizeioberkommissar Holger Kunkel

Polizeioberkommissar Holger Kunkel am Arbeitsplatz. In den Akten: Unterlagen zu ungelösten Mordfällen.

Überhaupt können zahlreiche "Cold Cases" nur dank DNA-Analysen aufgeklärt werden - sofern es Spuren gibt. Kunkel weiß um einen Fall aus den 70ern, in denen Beamte eine Strumpfhose, mit der eine Frau erwürgt worden war, erst mal desinfiziert hatten - damit sich keine Maden breit machen. Dass sie so Spuren wegputzten, daran dachte damals noch niemand.

Vielerorts landet die Polizei inzwischen auch nur noch dann Treffer, wenn es neue Ermittlungsansätze oder neue Verdächtige gibt. Denn spätestens bis zur Jahrtausendwende, so Ulf Küch vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BdK), hätten viele Dienststellen ihre Altfälle systematisch bereits mit der neuen Kriminaltechnik überprüft.

Frage nach der Haftfähigkeit bei Senioren

Löst die Polizei dennoch wieder einen Fall, so hat das juristisch teils beachtliche Folgen: Oft wird gegen die inzwischen ergrauten Männer Jugendstrafrecht angewandt - wenn sie zur Tat noch minderjährig oder heranwachsend waren. Egg sieht dazu "keine Alternative", denn das Recht müsse den Täter zum damaligen Zeitpunkt berücksichtigen.

Bei sehr alten und gebrechlichen Verdächtigen stelle sich zudem häufig die Frage nach der Haftfähigkeit, denn eine Sanktion wie den Hausarrest gibt es in Deutschland nicht. Dabei wäre das "für manche Täter vielleicht eine gute Option, zumal sie eh nicht weglaufen können", fordert Egg - als Ergänzung zu speziellen Seniorengefängnissen, wie sie in einigen Bundesländern entstünden.

Die "Cold Cases" ruhen zu lassen, sei dagegen keine Option. Selbst nach Jahrzehnten gebe es ein gesellschaftliches Interesse zu wissen, wer der Täter war, so Kriminolge Egg. Er erinnert an die 1979, vor dem Hintergrund der Verbrechen in der Nazi-Zeit, abgeschaffte Verjährungsfrist für Mord. Seither schließt die Polizei ungelöste Tötungsdelikte nie vollständig ab. Und auf seine Fälle blickt Polizist Kunkel sogar täglich.


Alexander Preker / DPA