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Seniorenkriminalität: Diebstahl wegen Altersarmut? Diese 85-jährige Rentnerin muss für vier Monate ins Gefängnis

Eine 85-jährige Rentnerin muss sich wegen wiederholten Ladendiebstahls vor Gericht verantworten – und verliert. Für geklaute Waren im Gesamtwert von 18,73 Euro muss sie nun hinter Gitter.

Diebstahl aus Altersarmutsgründen? 85-Jährige muss nun ins Gefängnis

M. gehört zu den drei Millionen Rentnern in Deutschland, die als gefährdet bezüglich Altersarmut gelten. In Bayern fallen alle darunter, die monatlich weniger als 1025 Euro erhalten. 

DPA

Das Amtsgericht hatte die 85-jährige Ingrid M. im August 2018 zu einer Gefängnisstrafe von vier Monaten verurteilt – ohne Bewährung. Zu hart für eine Frau in ihrem Alter, befand die Verteidigung. Zu milde für eine Wiederholungstätern, meinte die Staatsanwaltschaft. Beide Seiten legten Berufung ein.

Am Dienstag wies das Landgericht Memmingen nun beide Sichtweisen als unbegründet ab. Die Rentnerin muss wieder in Haft.

In einem Rollstuhl wird die Rentnerin von einer Betreuerin zur Anklagebank geschoben. Bei ihrem inzwischen sechsten Delikt geht es um Puder, Wimperntusche, Haarklammern, Reinigungscreme und Sahnesteif im Gesamtwert von unter 20 Euro.

Sie habe nicht gestohlen, wiederholt die alte Dame während des Berufungsprozesses immer wieder: "Das ist mir von irgendeinem Menschen zugetragen worden." Doch mehrere Zeugen belasten die Seniorin. Ihr Motiv aus den vergangenen Prozessen scheint nicht zu halten. Damals hatte sie immer wieder beteuert, aufgrund ihrer geringen Rente gestohlen zu haben. "Das habe ich getan, weil ich sonst verhungert wäre", so äußert sie sich auch am Dienstag.

Weg in Altersarmut für viele vorherbestimmt

M. habe ihr halbes Leben lang gearbeitet, heißt es. Mit ihrem zweiten Mann lebte sie in Wohlstand – elegante Landhausmöbel und gutes Essen gehörten dazu. Doch dann habe sie Investitionen verloren. Und im selben Jahr ihren Mann.

Heute bekommt sie inklusive Witwenrente etwa 725 Euro monatlich. Grundsicherung erhält sie nicht. Sie gehört zu den drei Millionen Rentnern in Deutschland, die als "armutsgefährdet" gelten. In Bayern fallen alle darunter, die monatlich weniger als 1025 Euro erhalten. Nach Abzug aller Fixkosten blieben ihr nach eigenen Angaben weniger als 100 Euro zum Leben.

In den nächsten Jahren werden viele Langzeitarbeitslose und Menschen aus dem Niedriglohnsektor ins Rentenalter kommen. Für viele von ihnen ist der Weg in die Altersarmut vorprogrammiert", sagt dazu Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands der Deutschen Presseagentur (DPA).

Urteil der Vorinstanz bestätigt

Beim ersten Diebstahl beobachtete eine Verkäuferin, wie die Frau Gulasch aus der Fleischtheke in einen Gefrierbeutel füllte. Das preisreduzierte Fleisch kostete sie nach einem Urteil des Amtsgerichts Memmingen bereits 1800 Euro Strafe. Weitere Ladendiebstähle folgten: Fertigsuppen, eine Flasche Rum. Später: Tabletten, Mascara, Feuchtigkeitscreme, Pflaster, Eyeliner, Puder, Wimperntusche. Nach dem fünften Delikt musste sie im Oktober 2017 erstmals ins Gefängnis.

Durch das Interesse der Öffentlichkeit erhielt M. viel Aufmerksamkeit, wildfremde Menschen meldeten sich und wollten sie unterstützen. Nach 55 Tagen wurde sie dann vorzeitig aus der Haft entlassen. Sie wolle das nie wieder erleben, bekundete sie öffentlich.

"Sowohl psychisch als auch physisch hat sie die Haft sehr mitgenommen", erklärt ihre Bewährungshelferin am Dienstag vor Gericht. "Dieser Hafteindruck hat nicht mal ein halbes Jahr gehalten", sagt jedoch der Staatsanwalt im Plädoyer und fährt fort: "Immer wieder probiert die Angeklagte, sich die Sache schön zu reden, dass sie aus Hunger Nahrung geklaut hat. Aber es wurden nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kosmetik geklaut." Er fordert sechs Monate Haft. Der Verteidiger plädiert für Freispruch.

Für das Gericht hat die Vorinstanz "sehr wohl das hohe Lebensalter und den Gesundheitszustand von Frau M. berücksichtigt" – auf der anderen Seite gebe es aber die vielen Vorstrafen und die Bewährungsstrafen, die sie nicht genutzt habe. "Die Justiz hat sehr viel Geduld mit Ihnen gehabt", so der Richter laut DPA. Er bestätigte das Urteil: vier Monate Gefängnis.

Horst von Buttlar: Der Capitalist: Angst vor Altersarmut? Drei Tipps gegen die Renten-Panik
km / DPA
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