Entführungsopfer Die Schlammschlacht der Kampuschs


Heute vor einem Jahr entkam Natascha Kampusch ihrem Entführer. Für die 19-Jährige ist der 23. August wie ein zweiter Geburtstag. Doch genießen kann sie ihn wohl kaum. Denn rechtzeitig zum Jahrestag hat ihr Vater einen bitterbösen Brief geschrieben. Es geht um Geld, Alkohol und elterliche Liebe.
Von Malte Arnsperger

Achteinhalb Jahre lang bestand ihre Familie aus einem Mann. Natascha Kampusch hatte nur ihn, es gab nur den Entführer Wolfgang Priklopil. Vor genau einem Jahr gelang ihr dann die Flucht aus seiner Gewalt. Endlich konnte sie ihr Verlies verlassen. Doch die junge Frau kehrte mitnichten in eine heile (Familien)-Welt zurück. Waren ihre Eltern zum Zeitpunkt ihrer Entführung schon getrennt, sind sie nun erbitterte Gegner. Und ihre Tochter steckt mittendrin im Familien-Zwist der Kampuschs.

"Es war schön, es war schrecklich"

Dieses Auseinandersetzung wird von den Beteiligten mit allen Mitteln geführt. Besonders geschickt benutzen alle drei, Natascha Kampusch, ihre Mutter Brigitta Sirny und ihr Vater Ludwig Koch, die Medien als Transportmittel für ihre Anfeindungen. Nun, am Jahrestag ihrer spektakulären Flucht, hat der seit Wochen gärende Konflikt seinen Höhepunkt erreicht: Mit einem offenen Brief, den die österreichische "Kronen"-Zeitung veröffentlichte, holt Ludwig Koch zu einem Rundumschlag aus.

Mit teilweise wirren, manchmal aggressiven aber auch traurigen Worten wendet er sich an Ex-Frau, Tochter und auch den ORF-Journalisten Christoph Feurstein. Als Grund für diesen schrillen, einem Hilferuf gleichenden Brief gibt Koch die kürzlich gesendete Feurstein-Dokumentation über seine Tochter an. "Es war schön, es war berührend, es war auch schrecklich, es war beleidigend. All das zusammen", schreibt Koch über seine Gefühle.

Doch er scheint die Sendung vor allem als beleidigend empfunden zu haben. "Er sei als Alkoholiker und mediengieriger Affe bloßgestellt worden. Dem Reporter Feurstein habe er am liebsten "eine in die Gosch gehaut". Denn der tue nur so wie der "große Menschenversteher", aber, so Koch, "dann schenkt ihm dein Schicksal und diese Rettung, diese Geschichte, die Top-Story des Lebens".

Der Journalist ist jedoch nicht das Hauptziel des erbitterten Vaters. Vor allem Brigitta Sirny bekommt ihr Fett ab. Sirny hatte vor kurzem ein Buch über ihre Jahre ohne Natascha veröffentlicht und darin ihren Ex-Mann - über den sie nur als "der Koch" spricht - als Trinker, Spieler und Schuldenmacher dargestellt. Schon Natascha Kampusch selber hatte die Mutter dafür scharf kritisiert. "Das ist etwas, das ich rein objektiv gesehen als respektlos und als unangebracht empfinden würde." Ähnlich sieht es auch Ludwig Koch: "Klar ist, dass ich nicht danke dafür sage, dass deine Mutter im Buch schreibt, was für ein kaputter Trottel ich bin. Das würde nicht einmal der Mundl (eine Figur aus einer österreichischen TV-Sendung, Anm. der Red.) so hinnehmen, und der hat eine dicke Haut." Er wolle sich nicht als "versoffener Trottel und Taugenichts" abstempeln lassen.

Doch zum einen hat Koch gleich zu Beginn des Briefs zugegeben, er habe nach der TV-Sendung über seine Tochter noch "ein Viertel vom Roten getrunken, mehr nicht". Und eigentlich, so Koch, nehme er all das Getöse und den Rummel auch nicht sooo wichtig". Das hält ihn aber nicht davon ab, gegen seine Ex-Frau zu klagen. Bezeichnenderweise hat diese Klage nicht sein Anwalt sondern sein Medienberater angekündigt.

"Wir waren ein Liebespaar"

Solch eine Medienberatung hat er wohl auch dringend notwendig, zumindest wenn es nach seiner Tochter geht. Natascha Kampusch hatte ihren Unmut über ihren Vater in der TV-Sendung deutlich artikuliert: "Er ist im Umgang mit der Presse recht naiv. Er hat sich von materiellen Dingen beeindrucken lassen. Es wäre einfacher für mich, mich in das normale Leben integrieren zu können, wenn mein Vater es mir nicht so schwer machen würde durch diverse Mediengeschichten." Diese Vorwürfe lässt ihr Vater in seinem Brief nicht unwidersprochen. Er gibt zu: "Meine Worte waren nicht immer klug. Das stimmt." Doch in seiner Verzweiflung über Nataschas Verschwinden habe er die Medien oftmals angebettelt, etwas zu schreiben oder zu senden. "Irgendwas, wenn nur nicht die Hoffnung verstummt."

Hoffnung auf ein friedliches Familienleben der Kampuschs gibt es wohl vorerst nicht. Und das, obwohl Koch seine Tochter daran erinnert, dass er und ihre Mutter einmal ein Liebespaar gewesen seien: "Künstlicher Befruchtung verdankst du dein Leben jedenfalls nicht. Sind wir jetzt halt per Sie und per Anwalt und per Zeitung." Und auch mit seiner Tochter muss Ludwig Koch in nächster Zeit wohl indirekt kommunizieren, um ihr zu verkünden: "Das Wichtigste ist: Natascha, ich wache immer noch auf mit dem Gedanken und schlafe ein mit dem Gedanken, dass Du da bist. Ich wische mir die Nacht aus den Augen, brauche eine Zeit, bis ich merke, dass es kein Traum ist und bin... Glücklich ist ein zu dünnes Wort für dieses Gefühl. Dein Vater, der Koch."


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