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Jüngstes Opfer ein Säugling: Männer sollen eigene Kinder missbraucht haben – sie häuften drei Terabyte Daten an

Eine neue Serie von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie erschüttert NRW. Die Polizei nahm mehrere Männer fest, die eine gigantische Menge an Bildern und Videos besaßen. Das jüngste Opfer ist ein Säugling.

Pressekonferenz der Polizei Köln zu den Kindesmissbrauchs- und Kinderpornografieermittlungen

Informierten In Köln zu den Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornografie: Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer, Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker, Polizeipräsident Uwe Jacob und Polizeipressesprecher Ralf Remmert (v.l.n.r)

Über Drei Terabyte. Das können rund 1500 Stunden Videomaterial in HD-Qualität sein, fast neun Wochen. Oder mehr als 750.000 Zwölf-Megapixel-Fotos. Entwickelt und aufeinandergestapelt ergäben sie einen 150 Meter hohen Turm. Es ist eine kaum vorstellbare Datenmenge, die Ermittler der Polizei vor zehn Tagen aus einer Wohnung in Bergisch Gladbach trugen.

Was die Daten enthalten sollen, ist ebenso unvorstellbar: Aufnahmen von schwerer sexueller Misshandlung auch von kleinsten Kindern. Entsprechend erschüttert zeigte sich Kölns Polizeipräsident, als er am Nachmittag über den Fall berichtete: "Sie sehen mich fassungslos und bestürzt in Anbetracht dieser schrecklichen Taten", suchte Uwe Jacob im Polizeipräsidium der Domstadt nach Worten.

Kinderpornografie-Ermittlungen wurden ausgeweitet

Im Zentrum der Ermittlungen stehen bislang vier Männer. Sie wurden in den vergangenen Tagen festgenommen. Die Vorwürfe: schwerer sexueller Missbrauch von Kindern sowie der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischer Schriften.

Durch Ermittlungen in einem anderen Fall von Kinderpornografiebesitz seien die Beamten auf einen Mann aus Bergisch Gladbach gestoßen, skizzierte Kölns Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer den Weg zu dem Ermittlungserfolg.

Am Montag vor einer Woche (21. Oktober) wurde die Wohnung des Verdächtigen in Bergisch Gladbach durchsucht, Beamte stellten unter anderem Handys und USB-Sticks sicher: "Wir sprechen von gut zwei Dutzend verschiedenen Asservaten", sagte der Kölner Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker zu dem Fall, über den zuerst der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet hatte. Die Auswertung der Datenträger habe schnell ein weiteres erschreckendes Ergebnis zu Tage befördert: "Es haben sich konkrete Hinweise darauf ergeben, dass der Tatverdächtige selber Täter eines schweren sexuellen Missbrauchs zum Nachteil eines Kindes ist", so Becker weiter. Außerdem konnten die Ermittler durch die Aufnahmen und die Auswertung von Chatprotokollen die drei weiteren Tatverdächtige aus Nordrhein-Westfalen und Hessen identifizieren. Auch sie wurden in den Folgetagen festgenommen. Zwei von ihnen sitzen in U-Haft, bei dem dritten soll der Haftrichter im Verlauf des Donnerstags entscheiden.

Ihre Opfer suchten sich die Männer offenbar im nächsten Umfeld: "Es handelt sich in aller Regel um die Kinder oder Stiefkinder der Täter." Sie seien im Alter bis zu zehn Jahren missbraucht worden – das jüngste Opfer war demnach nicht einmal ein Jahr alt, ein Säugling. Bislang gehen die Ermittler von sechs missbrauchten Kindern aus. Sie werden psychologisch betreut. Die Sichtung der beschlagnahmten Fotos und Videos dient jedoch auch dem Ziel, mögliche weitere Opfer zu finden und in Sicherheit zu bringen. 

Der 42-jährige Beschuldigte aus Bergisch Gladbach soll sein Opfer in der eigenen Wohnung missbraucht haben, berichtete die dortige Polizei am Vormittag der Nachrichtenagentur DPA. Er sei verheiratet und habe eine Tochter und mit diesen bis vor kurzem noch im Urlaub gewesen. Polizeilich sei er bislang nicht in Erscheinung getreten, sagte der Kölner Kripo-Chef. Die Frau soll nach bisherigen Erkenntnissen nichts von den Taten gewusst haben.

Der in Niedernhausen bei Wiesbaden festgenommene Mann ist 38 Jahre alt, teilte die Polizei in der hessischen Landeshauptstadt mit. Der Beschuldigte aus Kamp Lintfort ist laut Staatsanwaltschaft Moers 26 Jahre alt. Zu dem vierten Verdächtigen aus der Nähe von Düsseldorf sind bisher keine weiteren Details bekannt.

Heiko V. verdeckt sein Gesicht mit einer Aktenmappe.

Die Ermittlungen in der Serie von sexuellem Kindesmissbrauch stehen noch am Anfang. Es sei erst ein Bruchteil der Speichermedien gesichtet worden, sagten Behehördenvertreter. Was sich auf den anderen Datenträgern befinde, "das wissen wir noch nicht". Ob es also noch weitere Täter gibt oder gar ein größerer Kinderpornoring hinter den Taten steckt, sei nicht abzusehen. Dafür sei es "viel zu früh", hieß es.

Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob sprach von einem "sehr komplexen Ermittlungsverfahren", an dem unter anderem die Staatsanwaltschaften von Wiesbaden, Kleve, Düsseldorf und Köln beteiligt seien. In der Domstadt wurde eine sogenannte Besondere Aufbauorganisation der Polizei gebildet. 20 Ermittler und zahlreiche Sachbearbeiter müssten nun den gigantischen Datenberg sichten. Über drei Terabyte.

+++ Lesen Sie hier die Reportage: "Die furchtbaren Bilder, das Leid der Opfer, die Ausreden der Täter – Menschen im Kampf gegen Kinderpornos" +++

Quellen: Polizei Köln, "Kölner Stadt-Anzeiger", Nachrichtenagenturen DPA und AFP