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Fall Kevin: Bernd K.s hilfreicher Hausarzt

Warum musste Kevin sterben? Die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt - auch zur dubiosen Rolle des Hausarztes Detlef S.. Er hat Bernd K. geholfen, den kleinen Jungen bei sich zu behalten. stern.de berichtet exklusiv.

Von Inken Ramelow und Kerstin Schneider

Kevins Leiche war eingehüllt in drei gelbe Plastiksäcke. Der erste war am Kopfende verknotet. Der zweite am Fußende. Der dritte Sack war nur bis zu den Hüften hochgezogen. Vorsichtig entfernten die Gerichtsmediziner die Plastiktüten. Darunter lag eine zartgrüne Wolldecke, in die Kevin eingewickelt war. Seine Füße steckten in einem braun-weißen Handtuch. Der zweijährige Junge trug einen roten Pullover, auf dem ein Schneemann lachte. Dazu die passende rote Hose. Und drei Windeln übereinander. Die unterste war voll. Vier Stunden obduzierten zwei Gerichtsmediziner des Institutes für Rechts- und Verkehrsmedizin in Bremen die Leiche des Kindes. Dann diktierten sie ihren vorläufigen Bericht. Kevins rechtes Schienbein, der linke Oberschenkel und die Speiche über der linken Handwurzel waren gebrochen. Die inneren Organe jedoch ohne Befund. "Durch die Obduktion konnte die Todesursache nicht eindeutig geklärt werden", schrieben die Gerichtsmediziner.

Jugendamt ignorierte Warnungen

Der zweijährige Kevin war am 10. Oktober im Kühlschrank der Bremer Wohnung seines vermeintlichen Vaters, dem drogensüchtigen Bernd K. gefunden worden. Der 42-jährige Dachdecker steht unter Verdacht, das Kind getötet zu haben. Immer wieder waren die Behörden gewarnt worden, dass Kevin von Bernd K. misshandelt würde. Doch die Mitarbeiter des Jugendamtes und der Sozialbehörde schlugen alle Warnungen in den Wind. Sozialsenatorin Karin Röpcke (SPD) trat nach dem Bekanntwerden der Versäumnisse ihrer Behörde zurück. Der Landtag, die Bremische Bürgerschaft, setzt am Donnerstag einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des Falles ein. Gestern nahm die Justizbehörde zu dem Fall Stellung. Darüber hinaus veröffentlicht stern.de exklusiv Einzelheiten der Ermittlungen.

Zehn Tage nach der Obduktion vernahmen die Beamten des Kommissariats 31 für Todesursachenermittlung der Bremer Kripo den Hausarzt Detlef S. Der Allgemeinmediziner hatte Bernd K. mit Methadon versorgt. Er habe den Drogensüchtigen zunächst gar nicht als Patient aufnehmen wollen, weil er so gewalttätig gewirkt habe, erzählte der Arzt den Polizisten. Nur weil Kevins Mutter Sandra K. seine Patientin gewesen sei, habe er sich entschlossen, auch ihren Lebensgefährten zu behandeln.

Hausarzt half dem Drogen-Paar

Trotz anfänglicher Bedenken entwickelte sich zwischen dem Arzt und seinen Patienten schon bald eine Nähe, die die Ermittler staunen lässt. Bernd K. durfte seinen Hausarzt beim Vornamen nennen. "Detlef" stand fast jeden Mittwoch im braunen Kunstlederkalender von Bernd K. Der Arzt kümmerte sich um die Krankenversicherungs-Angelegenheiten des drogensüchtigen Paares, machte sich beim Jugendamt für sie stark. Als Kevins Mutter im November 2004 betrunken und unter Drogeneinfluss mit ihrem Sohn im Treppenhaus gefunden wurde und Kevin vorläufig in einem Heim untergebracht wurde, half Detlef S. dem Paar, das Kind zurückzubekommen. "Es gibt viele alkoholisierte Mütter", schrieb der Arzt ans Amt für Soziale Dienste.

Als Kevins Mutter im November 2005 starb, setzte sich Detlef S. dafür ein, dass Bernd K. das Kind bekam. "Es spricht nichts gegen eine Rückführung des Kindes", sagte der Arzt dem zuständigen Sachbearbeiter. Nach dem Tod der Mutter kam Bernd K. oft mit Kevin in die Praxis von Detlef S. Klein und schwach, sei Kevin gewesen, erinnerte sich Detlef S. bei seiner Vernehmung. Aber er habe das Kind ja schließlich nicht untersucht, wie ein Kinderarzt. Überhaupt sei Kevin nur eine "Begleiterscheinung" von "Bernd" gewesen, erzählte Detlef S. den Kripoleuten. Der Arzt gab Bernd K. seine Medikamente mit nach Hause. Eine durchaus nicht unübliche Praxis. Trotzdem ließ die Aussage des Arztes die Kripobeamten hellhörig werden. Wie es sich denn auswirken würde, wenn Bernd K. dem Jungen Polamindon verabreicht hätte, wollten sie wissen. Vier bis fünf Milliliter würden reichen, um ein Kind umzubringen, musste Detlef S. einräumen.

Kevin entstammt offenbar Vergewaltigung

Zum Schluss gab der Arzt den Beamten einen Tipp. Sie sollten doch mal überprüfen, ob Bernd überhaupt der leibliche Vater von Kevin sei, sagte Detlef S. zu den verdutzen Beamten. Es habe Gerüchte gehört, dass Sandra K. vergewaltigt worden sei und Kevin bei diesem Verbrechen gezeugt wurde. Die Beamten gingen dem Hinweis nach. Und tatsächlich. Ein DNA-Test ergab jetzt zweifelsfrei, "dass Herr K. nicht der Vater des Kindes sein kann", wie Ulrich Mäurer, Staatsrat im Bremer Justizressort, am Dienstag einräumte. Warum sich Detlef S. - obwohl er ahnte - dass Bernd K. gar nicht der leibliche Vater von Kevin war, dafür stark machte, dass er den Jungen bekam, will der Arzt nicht beantworten. Der Mediziner lehnte gestern eine Stellungnahme gegenüber stern.de ab. Doch auch die Behörde hätte Zweifel an der Vaterschaft hegen können. Bernd K. und Sandra K. waren nicht verheiratet. Deshalb konnte Bernd K. offiziell gar nicht als Vater von Kevin gelten. Es sei denn, er hätte die Vaterschaft anerkannt. Doch diese "wirksame Anerkennung der Vaterschaft" lag nicht vor. Der Amtsvormund habe nicht auf Prüfung der Vaterschaft hingewirkt, weil er offenbar fürchtete, dass es ein "K.o" für Bernd K. gewesen wäre, "wenn man ihm nach dem Tod seiner Partnerin auch noch Kevin" weggenommen hätte, versuchte Staatsrat Mäurer gestern das Versäumnis seiner Behörde wortreich zu erklären. "Es gab viele, die diese Entwicklung hätten verhindern können", sagte der Staatsrat weiter. "Von Anfang an wurde auf eine engmaschige begleitende Kontrolle des Verhaltens der Eltern verzichtet. Regelmäßige Hausbesuche hat es nicht gegeben." Der zuständige Sozialarbeiter habe massiv darauf gedrängt, Kevin bei den Eltern zu lassen. Auf Kritik habe er barsch und abweisend reagiert. Eine Familien-Hebamme hatte ihn auf die Gewaltbereitschaft des Vaters aufmerksam gemacht. Er habe jedoch sehr großes Verständnis für das Paar und seine Drogensucht aufgebracht. Außerdem habe sich der Sozialarbeiter zu sehr auf die Aussagen des Arztes Detlef S. verlassen, der zum "Mittelsmann" zwischen Amt und Bernd K. geworden war.

Bernd K. schweigt

Gegen den zuständigen Sozialarbeiter und den Amtsvormund ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Verletzung der Fürsorgepflicht. Und auch Hausarzt Detlef S. muss mit einem berufsrechtlichen Verfahren vor der Ärztekammer rechnen. Er steht unter Verdacht, Medikamente verordnet zu haben, die mit der Vergabe von Methadon "absolut nicht vereinbar" sei. Kevins Todesursache ist noch immer ungeklärt. Jetzt sollen Hamburger Gerichtsmediziner herausfinden, woran der Junge starb. Bernd K. sitzt in Untersuchungshaft. Und schweigt.