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Intercity in Flensburg: Angreifer ging offenbar gezielt auf Polizistin los

Was geschah in Wagen 10 des Intercitys von Köln nach Flensburg? Nach ersten Ermittlung ging der blutigen Messerattacke kein Streit voraus. Der 24-jährige Eritreer soll die Polizistin unvermittelt mit dem Messer attackiert haben.

Vorfall in Intercity-Zug: Flensburg: Polizistin erschießt Messerangreifer

Sie haben Zeugen befragt und Spuren gesichert - jetzt konnten die Ermittler von Staatsanwaltschaft und Polizei in Flensburg zu großen Teilen rekonstruieren, was sich an Bord des IC 2406 am Mittwochabend abspielte.

Gegen 19 Uhr fuhr der aus Köln kommende Zug demnach in seinen Endbahnhof in Flensburg ein. Eine 22-jährige Polizistin, die privat, aber in Uniform in den hohen Norden reiste, ging in dem Zweite-Klasse-Waggon zur Tür und wurde nach Angaben der Ermittler dort von einem 24-Jährigen mit einem Küchenmesser angegriffen. Nachdem die Beamtin um Hilfe schrie, wurde ein weiterer Fahrgast auf den brutalen Angriff aufmerksam, zeigte Zivilcourage und ging dazwischen.

Offenbar kein vorhergehender Streit im Intercity

In dem Handgemenge fiel der 35-jährige Kölner zu Boden. Der Angreifer stach laut Polizei anschließend auf ihn ein. Die Polizeibeamtin zog ihre Dienstwaffe und schoss auf den mutmaßlichen Messerstecher. Er erlag seinen Verletzungen. Der 35-jährige Helfer erlitt bei dem Angriff eine schwere Stichverletzung und brach sich den Arm. Die Polizeibeamtin aus Bremen wurde ebenfalls schwer verletzt. Beide Opfer befinden sich noch in Behandlung im Krankenhaus. Sie schweben jedoch nicht in Lebensgefahr und konnten bereits befragt werden, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt dem stern. Danach gehen die Ermittler nicht davon aus, dass der Angreifer vor der Attacke auf die Polizistin eine Auseinandersetzung mit einem Fahrgast hatte, wie zunächst mehrere Medien berichteten.

Warum er in dem Zug jedoch auf die Beamtin losging, ist noch unklar. Einen terroristischen Hintergrund schließen die Ermittler nach Untersuchungen im Umfeld des Toten zurzeit aus. Bei ihm handelt es sich um einen Eritreer, der im September 2015 nach Deutschland einreiste und eine befristete Aufenthaltserlaubnis hatte. Er wohnte zuletzt in Nordrhein-Westfalen. Laut einem Bericht der "Bild-"Zeitung war er der Polizei bereits bekannt, weil er in seinem Wohnhaus in Recklinghausen mehrfach Nachbarn bedroht und belästigt haben soll.

Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt weiter

Die Flensburger Staatsanwaltschaft hat indes Ermittlungen wegen des Verdachts des Totschlags gegen die 22-jährige Polizeibeamtin aufgenommen. Dies erfolge bei Tötungsdelikten routinemäßig, erklärte Stahlmann-Liebelt. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse legen jedoch nahe, dass die Beamtin in einer Nothilfe- oder Notwehrsituation gehandelt und als letztes Mittel zur Waffe gegriffen hat. Das Erschießen des Angreifers wäre dann nicht rechtswidrig.

Dass die Polizistin während ihrer Privatreise Uniform trug, ist nichts Ungewöhnliches: Polizeibeamtinnen und -beamte dürfen nach Vereinbarungen zwischen der Deutschen Bahn AG und den Innenministerien von Bund und Ländern (Beispiel Niedersachsen) kostenlos in der zweiten Klasse und ohne Anspruch auf einen Sitzplatz mit der Bahn fahren, wenn sie ihre Dienstkleidung tragen. Das Unternehmen verspricht sich davon ein verbessertes Sicherheitsgefühl seiner Kunden, die Polizei freut sich über erhöhte Präsenz ihrer Beamtinnen und Beamten in der Öffentlichkeit. Zum Tragen der Dienstwaffe in der Freizeit gibt es keine bundeseinheitliche Regelung.

Zeugen - auch solche, die den Angreifer schon zuvor auf der Fahrt bemerkt haben - sollen sich weiterhin bei der Flensburger Kripo unter (0461) 4840 melden.

Lyle Zimmerman mit stern-Autor Malte Herwig in London