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Prozess in Frankfurt: Mord an Garderobenfrau nach 26 Jahren vor Gericht - war es ein Schwerverbrecher aus Schweden?

In Schweden überfiel der Mann, der sich Ausonius nennt, 20 Banken, er verübte zehn Anschläge auf Migranten, er erschoss einen Menschen. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass er auch in Frankfurt gemordet hat. Kurz vor dem Urteil scheint alles möglich: Schuldspruch, Freispruch und Begnadigung.

Von Patrick P. Bauer

Ausonius steht vor Gericht. Er könnte ein Sachbearbeiter sein. Dabei ist er ein Mörder.

Ausonius steht vor Gericht. Er könnte ein Sachbearbeiter sein. Dabei ist er ein Mörder.

Picture Alliance

Eine Stunde. So lange braucht John Ausonius, um dem Gericht seinen Lebenslauf vorzulesen. Er spricht Deutsch, die Sprache seiner Mutter. Beigefarbene Jacke, schmale Krawatte, grau melierte Haare – der 64-Jährige könnte Sachbearbeiter eines Jobcenters sein.

Tatsächlich ist der Mann, der da im überfüllten Saal des Frankfurter Landgerichts seine Vita schildert, einer der bekanntesten Schwerverbrecher Schwedens. Er hat 20 Banken überfallen, einen Menschen erschossen und zehn weitere Anschläge auf Migranten verübt, die in manchem wie eine Blaupause wirken für die späteren Morde des NSU. Nach mehr als 24 Jahren Haft in Schweden wurde er Ende 2016 nach Deutschland ausgeliefert, weil die hiesige Staatsanwaltschaft sicher ist, dass er auch in Frankfurt gemordet hat. Demnächst will das Gericht sein Urteil verkünden. An diesem Dienstag finden die Plädoyers statt.

Februar 1992: Der Mord an Blanka Zmigrod

Es gibt keine Nebenklage in diesem Prozess, keine Verwandten des Opfers. Nur eine alte Ermittlungsakte erzählt von der Jüdin Blanka Zmigrod, die 1924 im schlesischen Königshütte geboren wurde und die Konzentrationslager Auschwitz, Bergen-Belsen und Mauthausen überlebte. Nach dem Krieg wanderte sie nach Israel aus, kehrte nach zehn Jahren zurück und lebte in Frankfurt. Als sie in den 90er Jahren auf ihren mutmaßlichen Mörder traf, war Blanka Zmigrod eine alte Dame, die gerade so über die Runden kam. Vier Tage in der Woche arbeitete sie als Garderobiere im Restaurant "Mövenpick" am Opernplatz. Da, wo nach Auffassung der Staatsanwaltschaft das Drama seinen Anfang nahm.

Sein Ende fand es in der Nacht zum 23. Februar 1992 kurz nach Mitternacht. Blanka Zmigrod machte sich auf den Weg vom Restaurant nach Hause in den Kettenhofweg. Ausonius, behauptet die Staatsanwaltschaft, verfolgte sie auf einem Fahrrad. Kurz vor der Haustür soll er ihr von hinten in den Kopf geschossen, ihre Handtasche an sich genommen haben und in die Nacht geflohen sein. Aber war der Schwede wirklich der Täter?

War es Ausonius? Der einzige Zeuge sah kein Gesicht

Der einzige Zeuge, ein heute 83-Jähriger, sah damals weder das Gesicht des Schützen noch die entscheidenden Sekunden – geparkte Autos versperrten ihm den Blick. Und Ausonius selbst bestreitet den Mord. Sonst will er vor Gericht nichts sagen zu den Tagen rund um die Tat.

Aber er hat sich früher dazu geäußert, und dafür gibt es Zeugen. Deshalb ist klar: Ausonius befand sich zum fraglichen Zeitpunkt in Frankfurt. Nach seiner Anschlagsserie in Schweden war Anfang 1992 die Polizei hinter ihm her, er reiste nach Dresden, von dort an den Main, weitergehen sollte es nach Südafrika. Als gesichert gilt, dass Ausonius Blanka Zmigrod begegnet ist. Nur einen Tag vor ihrer Ermordung besuchte er das Restaurant "Mövenpick" und hatte einen heftigen Streit mit ihr, so Zeugenaussagen. Er habe sie bezichtigt, einen Casio-Taschencomputer aus seiner Jacke gestohlen zu haben, ein Gerät, auf dem er wichtige Kontakte und Kontoverbindungen gespeichert hatte. Ausonius habe der Garderobiere und ihrer Chefin vorgeworfen, "unter einer Decke" zu stecken. Als die beiden ihn aufforderten zu gehen, habe er zum Abschied gedroht: "Wir sehen uns noch." 36 Stunden später war Blanka Zmigrod tot.

Der Fall war vergessen - bis Ausonius unter Verdacht geriet

Die Polizei ging zunächst von einem schlichten Raubmord aus. Mitte der 90er Jahre geriet John Ausonius kurzzeitig in den Fokus der Ermittler, aber der inzwischen in Schweden zu lebenslänglich Verurteilte beteuerte seine Unschuld, es gab keine Beweise, und so geriet der Fall in Vergessenheit – bis das Bundeskriminalamt Jahre später anfing, ältere Fälle zu überprüfen, die mit den NSU-Morden zusammenhängen könnten. Letztendlich landete die Akte Zmigrod auf dem Tisch der Frankfurter Staatsanwältin Nadja Böttinger, neue Ermittlungen begannen. "Ich konnte mit der Einstellung des Verfahrens nicht leben", sagt Böttinger dem stern. 2015 reiste sie nach Schweden und verhörte Ausonius erneut. Der habe sich dabei "merkwürdig" verhalten. "Er konnte sich an viele Details erinnern, aber wenn es um etwas Tatrelevantes ging, wusste er nichts mehr." Ende 2016 stellte Böttinger einen Antrag auf Auslieferung. Und hatte Erfolg.

Ausonius auf einem Foto von 1994

Ausonius auf einem Foto von 1994

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Inzwischen lässt sich sagen: Es hat offenbar keine persönliche Verbindung gegeben zwischen den NSU-Tätern und John Ausonius. Der Mann, der in Frankfurt vor Gericht steht, ist nicht angeklagt, Teil eines Netzwerks gewesen zu sein, sondern einen Menschen getötet zu haben. Und obwohl er ohnehin wegen Mordes im Gefängnis sitzt, geht es für ihn um viel: In Schweden hat Ausonius schon Freigänge bekommen, er könnte bald wieder draußen sein. Wenn er in Frankfurt verurteilt würde, wäre ein Antrag auf Begnadigung aussichtslos.

Ausonius: "Hoffe, dass ich nicht geopfert werde"

Vor Gericht schildert Ausonius sein Leben als eine Verkettung misslicher Umstände. Erzählt, wie berufliches Scheitern ihn zum Spieler gemacht, wie Geldnot ihn zu immer neuen Banküberfällen getrieben habe. Er bereue seine Taten in Schweden, sei zu Recht für diese verurteilt worden. Aber mit dem Mord an Blanka Zmigrod habe er nichts zu tun. "Ich hoffe", sagt er, "dass ich trotz des fehlenden Alibis nicht geopfert werde."

Der Mann, der sich als Opfer sieht, wird 1953 als Sohn eines Schweizers und einer Deutschen in Schweden geboren und trägt den Namen Wolfgang Alexander John Zaugg. Sein Vater arbeitet als Koch in den besten Restaurants von Stockholm, die Mutter verprügelt den Sohn. Der leidet unter seinen dunklen Augen und Haaren, fühlt sich ausgeschlossen. Als Erwachsener nimmt er die schwedische Staatsbürgerschaft an, beginnt ein Chemie-Studium, bricht es aber nach zwei Jahren ab und hält sich mit Jobs über Wasser. Er ändert mehrmals seinen Namen, kommt an der Börse zu Geld, verspielt aber das neu erworbene Vermögen im Casino. In dieser Zeit färbt er sich auch das Haar und benutzt blaue Kontaktlinsen, um schwedischer zu wirken.

Als wieder Armut und Abstieg drohen, raubt er 1990 zum ersten Mal eine Bank aus. Er fährt mit dem Rad, wechselt die Kleidung, überfällt die Bank, und zieht sich auf dem Rückweg wieder um. Nach diesem Muster geht er 20 Mal vor. Es dürfte bezeichnend sein für seinen Blick auf die Welt, dass sich Ausonius in der Rückschau auch hier in der Opferrolle sieht. In Bezug auf die öffentliche Fahndung von damals sagt er in Frankfurt: "Ich fand es gemein von der Polizei, dass sie Leute aus der Allgemeinheit auf einen Bankräuber ansetzen."

Ausonius hat eine Persönlichkeitsstörung

Christian Knöchel, der das psychiatrische Gutachten für den Prozess erstellte, diagnostizierte eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, paranoide, narzisstische, schizoide und schizophrene Persönlichkeitsmerkmale. Der Angeklagte sei fähig, die eigene Schuld zu erkennen, aber doch massiv gestört. Er sei ein Mensch, der jeden Anflug von Reue mit einer Rechtfertigung seiner Taten verknüpfe.

Der Druck durch die Ermittlungen habe ihn dazu gebracht, die Polizei durch Attentate von den Überfällen abzulenken, sagt Ausonius. Wobei er allerdings auch einen Hass auf Migranten entwickelt hatte, sie als Bedrohung für Schweden ansah. Beim ersten Attentat schoss er aus 20 Meter Entfernung, danach verkürzte er die Distanz. Sein fünftes Opfer tötete er aus nächster Nähe. Nach dem elften Anschlag kam die Polizei ihm auf die Spur, er flüchtete nach Deutschland. Kam nach Frankfurt. Und ins "Mövenpick".

Das Gericht tut sich schwer mit dem Fall Blanka Zmigrod. Es gibt keine DNA- Spuren und keine Fingerabdrücke. Die Erinnerungen der Zeugen sind lückenhaft. Viele Ermittler können sich die Geschehnisse nur mit Spickzetteln ins Gedächtnis rufen oder gehen mit der Richterin alte Akten durch. Die ehemalige Chefin des Opfers ist krank, vor Gericht werden ihre früheren Aussagen verlesen. Die wichtigsten Beweisstücke sind Tatwaffe und Munition – vom gleichen Typ wie jene, die Ausonius für seine Mordanschläge in Schweden benutzte. Ein weiteres Indiz ist, dass er für seine Überfälle auf Räder zurückgriff, wie auch der Täter in Frankfurt. Und ins Bild fügen könnten sich der Streit um den Casio und der fremd klingende Name des Opfers. Doch Ausonius will seine Waffe kurz vor Blanka Zmigrods Tod verkauft haben. Und kann er seinen Casio so dringend gebraucht haben, dass er bereit war, dafür zu töten? War Fremdenhass das Motiv? Oder war alles ganz anders?

Kurz vor dem Urteil scheint vieles möglich: ein Schuldspruch ebenso wie ein Freispruch in Deutschland und eine Begnadigung in Schweden.

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