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"Göhrde"-Morde neu aufgerollt: Ist die Polizei dem schlimmsten Serienmörder Deutschlands auf der Spur?

Bald 27 Jahre liegen die beiden Doppelmorde von Göhrde zurück, ein Täter ist noch immer nicht gefasst. Eine neue Sonderkommission rollt die Fälle und drei weitere nun wieder auf. Ihr Verdacht: Für alle Taten könnte ein und derselbe Mann verantwortlich sein.

Blick in den Göhrde-Wald nahe Hamburg

Eine Frau, die dem "Göhrde-Mörder" 1989 womöglich begegnete, blickt in den Wald, wo die Taten passierten

Die sogenannten "Göhrde " hielten im Sommer 1989 das ganze Land in Atem. In dem gleichnamigen Waldgebiet südöstlich von Hamburg hatten sich damals binnen weniger Wochen gleich zwei Doppelmorde ereignet. Ein Täter wurde nie gefasst, die Ermittlungen nach Jahren erfolglos eingestellt.

Nun rollt eine Sonderkommission der Kripo Lüneburg die beiden Fälle und drei weitere neu auf, wie die "Hamburger Morgenpost" berichtet. Demnach bringen die Ermittler einen bereits 1993 verstorbenen Mann aus Lüneburg mit den Taten in Verbindung. Ihre Vermutung: Kurt-Werner W., so der Name des Verdächtigen, könnte für insgesamt sieben Morde in der Region verantwortlich und damit einer der schlimmsten Serienmörder Deutschlands sein.

Einbruch, Betrug und Vergewaltigung

Details aus dem Leben des 1949 geborenen Manns belegen dessen kriminelle Karriere. Als W. 14 Jahre alt ist, kommt er - weil schwer erziehbar - ins Heim. 1964 fällt er erstmals polizeilich auf: Mit einem Dolch bewaffnet steigt er dem "Mopo"-Bericht zufolge auf der Suche nach Geld ins Haus einer Nachbarin ein. Als diese den Einbruch bemerkt und aufwacht, würgt er sie und flieht.

1965 begeht W. sein erstes Sexualdelikt, zwei Jahre später folgt Betrug. Als Polizisten ihn daraufhin festnehmen wollen, bedroht er sie mit einem Kleinkalibergewehr. Die Folge: ein Jahr Jugendarrest.

Als 23-Jähriger vergewaltigt er eine Minderjährige und versucht, sie zu erwürgen. Die Frau überlebt, W. wird zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, die er bis 1974 absitzt.

Erst danach wird es ruhiger um ihn. W. zieht nach Karlsruhe, ehe er laut "Hamburger Morgenpost" in den 80ern und inzwischen verheiratet nach zurückkehrt. 

Kurt-Werner W. hielt sich einen geheimen Raum

Als sicher sehen die Ermittler laut "Hamburger Morgenpost" inzwischen an, dass W. im August 1989 die damals 41 Jahre alte Birgit M. ermordet hat. Die Frau war nach einem Telefonat mit ihrer Tochter spurlos verschwunden. Eine Leiche wurde nie gefunden, nur ihren Ausweis entdeckte man später in einem Hamburger Postkasten. Weil sich W. und die damals als vermisst geltende Birgit M. kannten, untersuchte die auch W.s Haus in Lüneburg. Dabei entdeckten die Beamten einen geheimen Raum im Obergeschoss, in dem W. unter anderem zwei Kleinkalibergewehre, Schalldämpfer, Munition, Handfesseln, Kanülen sowie starke Beruhigungsmittel aufbewahrte. Obwohl in dem mit Verstecken und Geheimfächern ausgestatteten Zimmer Leichenspürhunde anschlugen, blieb er zunächst auf freiem Fuß.

Erst als die Beamten wenig später erneut anrückten und dabei einen nagelneuen, im Garten vergrabenen entdeckten und die Leichenspürhunde wieder anschlugen, geriet W. zunehmend ins Visier der Ermittler. Dies offenbar ahnend, floh er nach Süddeutschland, wo man ihn nach einem Monat und im Zuge eines Autounfalls nahe Heilbronn fasste. Er kam in U-Haft, wo er sich am 25. April 1993 in seiner Zelle erhängte.

W. könnte bereits 1969 erstmals gemordet haben

Dass W. nicht nur Birgit M., sondern weitere Menschen ermordet hat, legen laut "Hamburger Morgenpost" über Jahre gesammelte Indizien nahe. Demnach könnte der Friedhofsgärtner womöglich schon deutlich früher erstmals zugeschlagen haben.

So könnte er - damals 17 Jahre alt - im April 1968 eine Hausfrau und Mutter getötet haben. Die zur Tat 38-jährige Ilse Gerkens war in Lüneburg Fahrrad fahrend durch vier Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr - laut "Mopo" Kurt-Werner W.s Lieblingswaffe - getötet worden. Eine konkrete Spur oder gar einen Tatverdächtigen gab es damals nicht. 

Nur etwas mehr als einen Monat später und ebenfalls in Lüneburg verschwand die 14-jährige Ulrike Burmester. Angehörige hatten die Schülerin als vermisst gemeldet, ehe man ihre Leiche Ende Mai 1969 aus der Elbe fischte: mit einem Stein beschwert, vermutlich erwürgt und zuvor sexuell missbraucht. Auch hier sehen die Ermittler heute eine mögliche Verbindung zu W.

Doppelmord, obwohl die Polizei in der Nähe ist

Knapp 20 Jahre später versetzten dann die "Göhrde-Morde" die Region in Angst und Schrecken. Und auch die Taten im größten Mischwald Norddeutschlands, von den Medien später als "Totenwald" betitelt, könnten auf das Konto W.s gehen. Demnach prüfen die Ermittler dem Bericht zufolge sowohl eine Verbindung zum Doppelmord an Ursula und Peter Reinhold wie auch zur  Tötung von Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping.

Die Eheleute Reinhold aus Bergedorf nahe Hamburg waren am 21. Mai 1989 zu einem Picknick in das beliebte Erholungsgebiet aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Keine drei Wochen später, am 12. Juli, fanden Blaubeersammler die stark verwesten und entkleideten Leichen der beiden. Weil diese bereits stark skelettiert waren, konnte die Todesursache damals nicht festgestellt werden.  

Besonders verstörend: Am Tag der Entdeckung - und während die Ermittler den ersten Doppelmord vor Ort untersuchten - passierten nur rund 800 Meter entfernt die Morde an Warmbier und Köpping. Der Täter hatte beide an Händen und Füssen gefesselt, ehe er den Mann mit Kopfschüssen tötete und der Frau den Schädel einschlug und ihr die Brüste entfernte.

W. hinterließ mysteriösen Abschiedsbrief

Da man in dem im Garten von Kurt-Werner W.s Haus gefundenen Ford damals auch Ausrüstung wie Gewehre, einen Schlafsack, Fernglas und Kartenmaterial entdeckt hatte, vermuten die Ermittler heute, dass er damals möglicherweise gezielt in den Göhrde-Wald fuhr, um dort Opfer zu finden.

Ob Kurt-Werner W. tatsächlich für die Morde verantwortlich ist, müssen nun die weiteren Ermittlungen zeigen. In zwei vor seinem Freitod verfassten und mit versteckten Botschaften versehenen Abschiedsbriefen nährt W. selbst Spekulationen über mögliche weitere Verbrechen. Einen soll W. mit den Worten beendet haben: "Bitte denkt nicht nur an meine schlechten Seiten. Gott sei mir gnädig." 

mod