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Generalbundesanwalt ermittelt Anschlagspläne, Terrorwerbung, Gewalt – die Akte des mutmaßlichen Messer-Mörders von Dresden

Polizei nach der tödlichen Messerattacke in der Innenstadt von Dresden
Die tödliche Messerattacke ereignete sich Anfang Oktober in der Altstadt von Dresden
© Roland Halkasch / DPA
Abdullah A.H.H. soll in Dresden einen 55-Jährigen mit einem Messer getötet haben. Der Generalbundesanwalt geht von einem radikal-islamistischen Hintergrund aus. Der Verdächtige ist für die Behörden kein Unbekannter.

Er war nicht einmal eine Woche aus dem Gefängnis raus – und wurde mutmaßlich wieder kriminell. Ein Mann überlebte die Straftat nicht.

Die Polizei hat am Dienstagabend einen 20-Jährigen festgenommen, der am Abend des 4. Oktober in der Innenstadt von Dresden zwei Touristen mit einem Messer angegriffen und einen von ihnen tödlich verletzt haben soll.

Bei dem Festgenommenen handelt es sich um Abdullah A.H.H. Das erfuhr der stern aus Justizkreisen. Der syrische Staatsbürger ist für die Behörden kein unbeschriebenes Blatt – im Gegenteil.

Verdächtiger von Dresden ist vorbestraft

2015 kam Abdullah A.H.H. nach Deutschland, so geht es aus Schriftstücken des Gerichts hervor. Schnell geriet er hier offenbar mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits im Herbst 2016 hatte die Staatsanwaltschaft Görlitz ihm mehrere Taten vorgeworfen, darunter Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung.

Eine erste Verhandlung vor dem Amtsgericht Dresden im Mai 2018 wurde an den Staatsschutzsenat beim Oberlandesgericht verwiesen. Der Grund: Im Verlauf des Prozesses kam heraus, dass der Angeklagte sich wegen des Werbens und der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung strafbar gemacht haben soll, namentlich für die Terrormiliz vom selbsternannten Islamischen Staat (IS).

So soll er laut Staatsanwaltschaft über sein Facebook-Profil das IS-Logo verbreitet, für den sogenannten Heiligen Krieg geworben und Gleichgesinnte zum Kampf gegen "Ungläubige" aufgerufen haben. Auch soll er sich in Chats für Bombenbauanleitungen interessiert haben. Ermittler fanden später eine Schrift mit dem Titel "Rechtsleitende Kunde für den Selbstmordattentäter" auf Arabisch bei Abdullah A.H.H.

"Spiegel": Polizei führte Abdullah A.H.H. als "Gefährder"

Der Prozess gegen ihn begann am 25. September 2018 und endete am 30. November desselben Jahres mit einer Verurteilung zu einer Jugendstrafe: zwei Jahre und neun Monate. Die Liste der vom Senat festgestellten Straftaten ist lang: Werben um Mitglieder oder Unterstützer für eine terroristische Vereinigung im Ausland, Sich-Verschaffen einer Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, öffentliches Verwenden von Kennzeichen eines verbotenen Vereins, Körperverletzung, Bedrohung, Erschleichen von Leistungen, Sachbeschädigung sowie Hausfriedensbruch.

Das Gericht stellte in dem Verfahren fest, "dass der Angeklagte seit Frühsommer 2017 eine jihadistische Ideologie vertrat, sich zunehmend dem 'IS' zuwandte und sich schließlich als dessen Anhänger Gedanken um die Ausführung eines Attentats machte." Er habe einen Anschlag in Dresden "in groben Umrissen angedacht".

Hinzu kam eine Verurteilung wegen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung in zwei Fällen vom Amtsgericht Leipzig am 9. Dezember 2019. Es wurde letztendlich eine Einheitsjugendstrafe von drei Jahren und einem Monat verhängt.

Nach kompletter Verbüßung der Freiheitsstrafe wurde A.H.H. am 29. September 2020 aus der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen bei Leipzig entlassen – offenbar ohne dass seiner Radikalisierung ausreichend entgegengewirkt worden wäre. Abdullah A.H.H. stand seither unter Führungsaufsicht, weil die Gefahr bestand, dass er weiterhin Straftaten begehen könnte – was sich mutmaßlich auf schlimmste Art bewahrheitet hat. Nach übereinstimmenden Informationen des "Spiegel" führt die Polizei ihn als "Gefährder".

Der Syrer ist in der Bundesrepublik weiterhin "geduldet" – trotz seiner erheblichen Vorstrafen. Abschiebungen von Deutschland nach Syrien werden angesichts der Lage in dem Bürgerkriegsland nach wie vor nicht durchgeführt.

"Spurenauswertung" führte zu Festnahme

Vier Wochen nach seiner Entlassung sitzt Abdullah A.H.H. nun wieder im Gefängnis. Ein Ermittlungsrichter hat Haftbefehl gegen den inzwischen 20-Jährigen erlassen. Ihm werden Mord, versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.

Nach bisherigem Ermittlungsstand soll er am Abend des 4. Oktober einen 55-jährigen Urlauber aus Krefeld und dessen 53-jährigen Begleiter aus Köln in der Schlossstraße im Zentrum Dresdens unvermittelt mit einem Messer angegriffen haben. Der ältere der beiden Männer erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, der jüngere konnte die Klinik inzwischen wieder verlassen.

Dieses Messer fanden Ermittler am Tatort in der Innenstadt von Dresden
Dieses Messer fanden Ermittler am Tatort in der Innenstadt von Dresden
© Roland Halkasch / DPA

Am Tatort blieb ein Küchenmesser zurück. "Der Beschuldigte geriet durch die erfolgte Spurenauswertung in das Visier der Ermittler", so die Staatsanwaltschaft. Am Dienstagabend sei er in der Dresdener Altstadt festgenommen worden. Ein Motiv für die Tat ist zurzeit noch unklar, der Beschuldigte schweigt nach Angaben der Ermittler bislang.

Inzwischen verdichten sich jedoch die Hinweise auf einen radikal-islamistischen Hintergrund. Der für Terrorismus zuständige Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe habe inzwischen die Ermittlungen übernommen, sagte ein Sprecher der Behörde der Nachrichtenagentur DPA. Eine Sonderkommission der Polizei untersucht den Fall weiter.

Quellen: Oberlandesgericht Dresden (1), Oberlandesgericht Dresden (2), Staatsanwaltschaft Dresden (1)Staatsanwaltschaft Dresden (2), "Spiegel", Nachrichtenagentur DPA


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