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Psychoanalytiker Schmidbauer: "Terroristen sind von Neid zerfressen"

Wolfgang Schmidbauer hat die Psyche islamistischer Terroristen untersucht. "Ihr Antrieb ist der Neid auf andere", sagt der Psychoanalytiker. Im Interview mit stern.de erklärt er, warum sie das Glück in der Gewalt suchen. Und was der Staat dagegen tun kann.

Herr Schmidbauer, sind Terroristen wie die der "Sauerland-Gruppe" psychisch krank?

Zumindest haben sie in der Regel eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung. Man kann schon sagen, dass diese Menschen nicht normal sind. Und dafür sind verschiedene Einflüsse verantwortlich. Aus polizeilicher Sicht wird gerne auf die Einflüsse von außen verwiesen, auf religiöse Mentoren und Verführer, auf die bekannten "Hassprediger". Es wird leider viel zu wenig berücksichtigt, dass es dazu immer eine Vorgeschichte gibt. Die liegt meist in der Kindheit und Jugend dieser jungen Männer.

Sie haben sich mit verschiedenen Biografien von Selbstmordattentätern und radikalen Islamisten beschäftigt. Welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Es sind allesamt Menschen, die tief gekränkt sind. Die immer das Gefühl haben, dass sie schlechter dran sind als andere. Es ist eine Störung des Selbstwertgefühls. Normale Menschen fühlen sich mit sich und ihrem Körper wohl, sie haben Beziehungen, können sich entspannen und ihr Leben genießen. Das können diese Menschen nicht. Die sehen nur die anderen, die das können, und fragen sich: Warum kann ich das nicht? Dann setzt eine rastlose Suche ein. Der Neid auf die anderen ist dabei ein wichtiger Antrieb. Was muss ich nur machen, dass es mir auch so gut geht wie den anderen? Das normale Leben erscheint ihnen dafür zu sinnlos und banal. Sie denken: Ich muss irgendwas Großes machen. Und wo findet man das Große? In der Sekte, in der Religion, in einem neuen Glauben.

Warum sind diese Menschen so frustriert?

Normalerweise hat das Kind das Gefühl, in einem beschützten Raum aufzuwachsen. Hier kann es seine eigenen heftigen Gefühle erleben und ausdrücken. Wenn es zuviel wird, kommt die Mutter, tröstet und vermittelt, dass alles in Ordnung ist. Wenn die Mutter selbst überlastet und gestresst ist, vielleicht in einer gespannten Ehe lebt, dann vermittelt sie dieses Gefühl eben nicht. Daraus kann eine Frühstörung enstehen. Die Kinder sind unruhig und können sich nicht entspannen. Sie sind hyperaktiv und ecken an. Sie kaspern in der Klasse rum und bekommen doch nicht die Aufmerksamkeit, nach der sie sich sehnen. Wenn jemand eine schlechte Selbstakzeptanz hat, will er eine besondere Anerkennung von seiner Umwelt. Wenn er die nicht kriegt, wird er aggressiv und verscherzt sich die Anerkennung damit noch mehr. Es ist ein Teufelskreis.

Ist alleine die Mutter schuld an so einer Entwicklung?

Nein, der Vater spielt auch eine wichtige Rolle. Als jemand, der Struktur in die Familie gibt. Der ein Vorbild dafür sein kann, sich nicht alles gefallen zu lassen. Wenn er aber schwach oder irgendwann gar nicht mehr da ist, fehlt das Vorbild von Männlichkeit. Also wird es woanders gesucht. Und Gewalt ist der eindeutigste Männlichkeitsbeweis.

Nicht jeder, der eine schwierige Kindheit hatte, wird später Terrorist.

Natürlich nicht. Es ist eine Tendenz zum Extremen, aber worin sie endet, ist völlig offen. Es kann auch sein, dass so ein junger Mann eine Frau trifft, die belastbar ist, ihn positiv bestätigt und ihn dazu bringt, normal zu funktionieren.

Wer entscheidet, wohin solch eine Biografie führt?

Da spielen zufällige Begegegnungen eine wesentliche Rolle. Die Tatsache, dass ein Mann wie Horst Mahler mal ein linker Terrorist war und jetzt ein Neonazi ist, zeigt, dass diese Störung, die immer nach dem Extremsten greift, nicht ideologisch gebunden ist. Die holt sich, was momentan Mode ist. Die enorme Aufwertung an Grausamkeit und Effektivät, die der islamistische Terrorismus durch den Anschlag auf die Twin Towers erfahren hat, wirkt auf manche junge Männer faszinierend. Sie wollen einfach so "toll" sein wie die Männer, die die Flugzeuge in die Türme gesteuert haben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Terrorakte Trost spenden.

Reicht diese Faszination aus, um sich am Ende selbst zu töten?

Die Unsicherheit dieser jungen Mäner bleibt ja weiterhin bestehen. Auch wenn sie immer radikaler werden, erfahren sie nie Entspannung oder ein Gefühl von Glück, nach dem sie sich so sehnen. Das Selbstmordattentat bietet die Möglichkeit, leicht und bequem ein vom Scheitern ehrgeiziger Wünsche, von mangelnder Anerkennung behelligtes Leben in einer einzigen Tat zu beenden. Der Augenblick vor einem Selbstmordattentat ist ein Moment der Selbstidealisierung: Ich bin endlich angekommen. Ich bin gut. Ich bin stabil. Und bevor dieses Gefühl gleich wieder zusammenbricht, gibt es die Alternative, sich zu sprengen. Dann ist man für immer oben.

Ist auch die Verheißung, im Paradies zu landen, ein Motiv?

Es mag verführerisch klingen, die eigene klägliche Wohnung und Ehefrau gegen einen Palast und 99 Jungfrauen zu tauschen. Ich denke aber nicht, dass das im Erleben der Täter eine Rolle spielt. In ihren Fantasien ist es viel mehr dieses narzisstiche Suizidmotiv: Keine Schmerzen mehr empfinden, keine Qualen, keine Unsicherheiten. Das ist ein zentraler Trost.

Warum sind diese jungen Männer plötzlich auch bereit, andere zu töten?

Der Terror hängt zeithistorisch mit der Entwicklung der Massenmedien und des Dynamits zusammen. Es ist etwas völlig anderes, ob Sie sich und andere in die Luft sprengen oder ob Sie mit einem Schwert Amok laufen. Da sehen Sie die Menschen und ihre Verletzungen und müssen sich damit auseinandersetzen. Dagegen ist das Sprengen wie Zapping am Bildschirm. Man schaltet einfach aus. Und das vermittelt dem Täter: Ich schalte ja nur. Ich sorge ja nur dafür, dass etwas Unvollkommenes beendet wird und bin dann vollkommen.

Wie muss die Gesellschaft auf diese Art von Terrorismus reagieren?

Wichtig ist, dass man diese Terroristen als ganz gewöhnliche Verbrecher behandelt. Es ist unglaublich schwer für den Rechtsstaat, angesichts der enormen Provokation souverän zu bleiben. Zu dieser Souveranität gehört auch, dass der Staat offenlegt, wie er ermittelt hat. Wen er in diese Gruppe eingeschleust hat, wer echter Täter und wer V-Mann war.

Kann ein zu großer Verfolgungsdruck die Täter noch mehr anspornen?

Wenn jemand, um den sich bislang nie jemand gekümmert hat und den keiner ernst genommen hat, plötzlich beobachtet, was für ein Aufwand ihm zuliebe betrieben wird, der auch noch Hunderttausende von Euro kostet, dann fühlt sich dieser junge Mann natürlich aufgewertet. Und das beflügelt ihn. Da kommen auch die Medien ins Spiel: Was den Terrorismus am meisten fördert, ist die öffentliche Berichterstattung. Wobei sich andererseits die Öffentlichkeit mit diesem Thema auseinandersetzen muss. Ein Dilemma, ganz klar.

Kann man verhindern, dass solche Biografien überhaupt entstehen?

Man kann sich schon mehr als bisher fragen: Wie kann man eine Prophylaxe gegen Terroristenkarrieren aufbauen? Wie kann man verhindern, dass Jugendliche verführbar werden?

Und wie kann man das?

Man müsste mehr in die Verhinderung von Frühschäden bei Kinder investieren. Mehr in Angebote an Jugendliche. Es gab eine Zeit lang viele gute Angebote, vor allem aus dem Bereich der Erlebnispädagogik. Die wurden zu einem großen Teil eingespart. Aber man muss sich schon fragen: Was kostet es, selbst Erlebnispädagogik anzubieten? Und was kostet es, die andere Art von Erlebnispädagogik zu überwachen, nämlich die Reise ins pakistanische Ausbildungscamp?

Interview: Martin Knobbe