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Prozessauftakt: Verlagserbe Alexander Falk vor Gericht: Wollte er einen unliebsamen Anwalt aus dem Weg räumen?

Der Verlagserbe Alexander Falk soll versucht haben, einen Auftragskiller anzuheuern. Jetzt beginnt der Prozess. Doch unmittelbar vor Beginn der Verhandlung gerät ein nun der Kronzeuge selbst in Verdacht


Stadtplanerbe Alexander Falk

Am 4. September 2018 wurde Alexander Falk in seinem Büro verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, hinter den Schüssen auf einen Anwalt zu stecken

stern

Nur wenigen Menschen wird ein unbeschwertes Leben in die Wiege gelegt. Bei Alexander Falk schien es lange Zeit, als zähle er zu dieser seltenen Spezies. Seinem Vater gehörte der berühmte Stadtplan-Verlag, der Filius wuchs in Hamburg-Blankenese auf, segelte Regatta, spielte Hockey, seine Jugend sei "herrlich sorgenfrei" verlaufen, erklärte er einmal. Als der Vater starb, veräußerte er den Verlag, stieg in die New Economy ein, brachte es zum Multimillionär – und kaufte schließlich eine Bank. Mit Anfang 30 zählte Alexander Falk zu den 100 reichsten Deutschen.

Was kann da noch passieren?

Vor wenigen Tagen ist Falk nun 50 Jahre alt geworden, doch "Sascha", wie seine Freunde ihn nennen, hat diesmal nicht gefeiert. Seit fast einem Jahr sitzt er in Frankfurt in Untersuchungshaft. Ihm werden versuchte Anstiftung zum Mord sowie Anstiftung zu gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen: Falk soll die Tötung eines Frankfurter Anwalts in Auftrag gegeben haben. Zum Mord kam es nicht. Aber der Jurist wurde 2010 von einem Unbekannten durch einen gezielten Schuss in den Oberschenkel schwer verletzt.

Heute, am 21. August, beginnt vor dem Frankfurter Schwurgericht der Prozess gegen den Spross aus der Hamburger Hautevolee. Die Anklage stützt sich vor allem auf die Aussage zweier Belastungszeugen aus dem kriminellen Milieu sowie auf eine Tonbandaufnahme, auf der sich Alexander Falk erfreut über den Schuss auf den Juristen äußert. Dass auf dem Band seine Stimme zu hören ist, steht außer Frage, den Vorwurf aber, einen Anschlag in Auftrag gegeben zu haben, weist Falk vehement zurück. Die Verteidigung setzt auf Freispruch.

Mordauftrag oder Räuberpistole?

Mordauftrag oder Räuberpistole? Diese entscheidende Frage führt weit in die Vergangenheit des Millionärssohns zurück. Denn es ist nicht das erste Mal, dass Falk in Haft sitzt. Vor Jahren kam er schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt: Damals wurde ihm vorgeworfen, die Bilanz seiner Firma Ision aufgeblasen zu haben, bevor diese für sagenhafte 762 Millionen Euro an das britische Unternehmen Energis verkauft wurde. 2008 fiel das Urteil des Hamburger Landgerichts: Weil sich der Schaden beim Käufer nicht beziffern ließ, wurde Falk "nur" wegen versuchten Betrugs verurteilt – zu vier Jahren Haft.

Seinerzeit saßen auch Anwälte der internationalen Großkanzlei Clifford Chance im Gerichtssaal. Sie waren von Energis entsandt – darunter Wolfgang J., jener Jurist, auf den Jahre später geschossen wurde. Die Anwälte wollten den Strafprozess nutzen, um Munition für ein späteres Schadensersatzverfahren zu sammeln. Dabei gingen sie nicht zimperlich vor: Zeugen aus London wurden vor ihren Aussagen durch einer Beraterfirma "geschult". Der Konkursverwalter der inzwischen insolventen Ision räumte sogar ein, von Schadensersatzzahlungen zu profitieren.

Alexander Falk war fortan überzeugt, die Briten hätten entlastende Beweise unterdrückt. Und er wollte den entscheidenden Beleg für seine Entlastung finden: ein Papier, das zeigen sollte, dass man bei Energis über die aufgeblähten Umsätze im Bilde gewesen war. Wo keine Täuschung, da kein Betrug, da kein Knast – und kein Schadensersatz. Falk hätte, so hoffte er, sein altes Leben zurückbekommen. Er wollte unbedingt dieses Papier. Die Frage ist nur: Wie weit war er bereit, dafür zu gehen?

"Ciko" bietet Falk seine Hilfe an

Während seiner Haft lernte Alexander Falk den zwielichtigen türkischen Geschäftsmann Cihan B., genannt Ciko, kennen, einen Typen aus dem Boxer-Milieu. Im Sommer 2007 bot Ciko Falk seine Hilfe an: Er besitze einen Draht zu einem "Experten" im türkischen Verteidigungsministerium, der sich in den Computer eines der Anwälte hacken und den ersehnten Entlastungsbeweis beschaffen könne. Falk zeigte sich begeistert. Er war damals auf Kaution frei und lobte fünf Millionen Euro für die "Datenbeschaffung" aus.

Die Schilderung dieses Vorgangs stammt von Falk selbst, aus seiner Aussage in Frankfurt. Falk soll den "Experten" damals sogar einmal persönlich getroffen haben. Auch eine erste Datenstichprobe wurde präsentiert, offenbar war der Hacker tatsächlich in einen Computer eingedrungen. Am Ende aber wurde aus der Beschaffung nichts: Plötzlich sollten statt fünf Millionen 50 Millionen Euro gezahlt werden. Falk musste passen.

Falk-Prozess. Tatort in Frankfurt Harheim

Auf offener Straße im Frankfurter Stadtteil Harheim wurde der Anwalt Dr. Wolfgang J. von einem Unbekannten ins Bein geschossen.Die Polizei sperrte danach den Tatortbereich weitäumig ab.

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Mit der Zeit, das weiß man heute, verband Falk mehr mit Ciko B. als eine lockere Bekanntschaft: Gemeinsam verfolgten sie Immobilienprojekte in der Türkei. Außerdem lieh sich Falk von Ciko 250.000 Euro. Die beiden heckten auch einen weiteren Plan aus, um den Energis-Anwälten die Papiere abzujagen: Ein als türkische Putzkolonne getarnter Trupp sollte heimlich eine Spähsoftware auf den Bürorechnern installieren. Doch auch daraus wurde nichts.

Die nächste Zusammenarbeit zwischen Falk und dem kriminellen Milieu hingegen soll laut Anklage weiter gediehen sein: Im September 2009 soll sich der Millionärssohn in einer Filiale der Steak-Kette Block House mit Cikos Bruder getroffen haben, sein Name: Niyazi "Ali" B. Falk habe ihm den Auftrag erteilt, den Clifford-Chance-Anwalt Wolfgang J. töten zu lassen. "Du weißt von der Bazille", soll Falk gesagt haben, sie solle "eiskalt" gemacht werden. Er habe dafür 200.000 Euro übergeben.

Bezeugt wird diese angebliche Szene von zwei Personen aus dem Milieu, vom türkischstämmigen Etem E., der angab, an dem Gespräch persönlich teilgenommen zu haben, sowie von dessen Verwandten Serhad Y. Etem E. ist als Krimineller polizeibekannt. Falks Verteidiger vermuten, er sei zugleich als V-Mann tätig gewesen. Jedenfalls war es E., der sich im August 2017 an die Hamburger Kripo wandte und die Ermittlungen in Gang brachte.

Alexander Falk beteuert bis heute, die Geschichte sei erfunden: Das Treffen 2009 habe es nicht gegeben, Etem E. habe er erst viel später kennengelernt – nach dem Anschlag –, und außerdem, so argumentiert die Verteidigung, gebe es für den angeblichen Auftrag kein plausibles Motiv. Im Gegenteil: Die Chance, diskret an die Computerdaten zu kommen, sei durch das Gewaltverbrechen endgültig zunichtegemacht worden.

Eine "versuchte Anstiftung" ist eine Besonderheit im Strafgesetz: Selbst wenn dem ausgesuchten Opfer nichts geschieht – schon der böse Wille wird geahndet: Auf versuchte Anstiftung zum Mord stehen mindestens drei Jahre Haft. Vor dem Frankfurter Gericht wird es also darauf ankommen, welcher Aussage die Richter Glauben schenken – der von Etem E. oder der von Falk.

Fest steht bisher einzig der Hergang des Anschlags: Am Morgen des 8. Februar 2010, gegen 8.50 Uhr am Stadtrand von Frankfurt, verstaut Wolfgang J. gerade die Aktentasche in seinem Mazda, als ein Mann mit dunkler Wollmütze und Bomberjacke ruhigen Schrittes auf ihn zugeht, dicht herantritt und abdrückt. Die Kugel aus der kleinkalibrigen Waffe durchschlägt den linken Oberschenkel. Danach entkommt der Täter unerkannt.

Nach dem Attentat legte Wolfgang J. sofort das Mandat im Falk-Prozess nieder. Für den Fortlauf des Rechtsstreits änderte das allerdings nichts: Die Kanzlei Clifford Chance beschäftigt weltweit mehrere Tausend Anwälte, Kollegen von J. führten den Prozess zu Ende. Später wurde Falk zu Schadensersatzzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe verurteilt.

"Die einzige richtige Konsequenz, dem mal ins Bein zu ballern"

Der jetzt anstehende Prozess in Frankfurt wird auch um eine achtminütige Tonbandaufnahme kreisen, die am 28. Juni 2010 in einem Restaurant in Istanbul aufgenommen wurde – darauf die Stimmen von Ciko B., von einem gewissen Hasan und von Alexander Falk. Der sagt an einer Stelle: "Das war dann auch ein richtiges Signal." Und weiter: "Nachdem ich jetzt auch versucht habe, die Akten zu bekommen, war das die einzige richtige Konsequenz, dem mal ins Bein zu ballern."

Die Anklage wertet den Mitschnitt als eine Art Geständnis. Die Verteidigung hingegen sieht darin eine Entlastung. "Von einem Auftrag ist da nirgendwo die Rede, schon gar nicht von einem Mordauftrag", sagt Falks Verteidiger Björn Gercke, "selbst B. erwähnt keinen Auftrag."

Dabei wurde das Tonband von den Brüdern Ciko und Ali B. offenbar gezielt erstellt, um Falk zu erpressen. Seit 2010 ging bei den Falks eine Serie von Erpresserschreiben ein, zum Teil nehmen sie Bezug auf das Tonband. Erst als die Familie nicht nur den alten Kredit von 250.000 Euro tilgte, sondern den Brüdern B. eine gleich hohe Summe als "Investition" überwies, trat vorläufig Ruhe ein.

Etem E. arbeitete einst als Laufbursche für Ciko und Ali B. Er war es, der der Kripo eine Mitschnitt des Bandes übergab. Mittlerweile steht aber auch E. im Fokus. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des "Verdachts der Beihilfe zum versuchten Mord" – gegen ihren eigenen Kronzeugen.