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Wüppesahl-Prozess: "Moderne Hexenjagd" oder geplanter Raubmord?

Der Ex-Bundestagsabgeordnete Thomas Wüppesahl steht wegen Verabredung zum Raubmord vor Gericht. Kurz vor seiner Verhaftung sprach er mit stern.de über die Frage, warum Polizisten kriminell werden.

Von Kerstin Schneider

Es stimme schon, sinnierte der Kripomann im Gespräch mit stern.de am Telefon, Polizisten seien "potentielle Verbrecher". Viele Ordnungshüter kämen aus der "Mittelschicht". "Macht, Geld und Prestige" seien für sie "enorm wichtig". Verführerische Gründe, um die Seiten zu wechseln. Außerdem: "Nach ein paar Dienstjahren kennt man ja auch die Tricks".

Sechs Wochen nachdem Thomas Wüppesahl am Telefon eine Einschätzung darüber abgeben sollte, warum Polizisten kriminell werden, wurde der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Mitbegründer der "Kritischen Polizisten" verhaftet. Jetzt steht er wegen Verabredung zum Raubmord und Verstoß gegen das Waffengesetz in Hamburg vor dem Landgericht. Laut Anklage wollte Wüppesahl den Geldboten eines Berliner Einkaufszentrums erschießen und ihm mit einem Beil den Arm abhacken, um an seinen Koffer mit geschätzten Einnahmen von 800.000 bis eine Million Euro zu kommen.

Wüppesahl soll den ehemaligen Polizisten

Andreas S. gebeten haben, ihm eine Waffe für den Überfall zu besorgen. Andreas S. ging zur Polizei. Fortan hörte die Polizei alle Gespräche zwischen ihm und Wüppesahl ab, filmte die Übergabe der Waffe. Wüppesahl behauptet dagegen, dass der Kronzeuge "von den Hamburger Ermittlungsbehörden mit einem Jobangebot gekauft" worden sei, um ihn "als politisch missliebige Person auszuschalten".

Die Polizei, sagte Wüppesahl am Telefon, sei durch die Wiedervereinigung zum Sammelbecken geworden für Leute, die "woanders gescheitert" seien. Seine Stimme klang auffallend langsam. Auch Wüppesahl war so manches Mal gescheitert. Selbst wenn er in der Sache mitunter Recht hatte - Weggefährten fiel es schwer, seine anmaßende Art, die Streitsucht und Kompromißlosigkeit zu ertragen, mit der Wüppesahl versuchte, seine Ziele durchzusetzen. Für die Grünen saß Wüppesahl im Bundestag - die Fraktion schmiss ihn raus. Er gründete die "Kritischen Polizisten", deren Sprecher er war. Die aufmüpfigen Polizeibeamten wählten ihn im Mai 2001 ab. Wüppesahl erkannte seine Abwahl nicht an, schmückt sich noch heute damit, Sprecher des Berufsverbandes zu sein, der 1988 mit dem Gustav-Heinemann-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde.

Nach seiner Zeit im Bundestag wurde Wüppesahl zurück in den Polizeidienst beordert. Doch der Kripobeamte erschien in den vergangenen Jahren nur noch sporadisch zum Dienst. Er fühlte sich gemobbt, meldete sich laufend krank. Gegenüber stern.de prahlte er damit, wie "topfit" er sei. Wüppesahl klaute Socken, wurde wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Sommer vergangenen Jahres stand er wieder vor dem Richter, der ihn zunächst wegen Körperverletzung und Nötigung im Straßenverkehr zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilte. Das Urteil ist inzwischen vom Oberlandesgericht aufgehoben worden.

Damals wurde Wüppesahl vom Dienst suspendiert, seine Bezüge gekürzt. Trotzdem lebte der Polizist, der aus der Mittelschicht stammte, auf großem Fuß. Macht, Geld und Prestige waren dem Gutmenschen, der früher mit Verve für eine gerechtere Welt stritt, offenbar enorm wichtig geworden. Er wohnte in einem idyllisch gelegenen Haus am Wasser. Die schlabberigen Wollpullis seiner ökobewegten Tage hatte er längst getauscht gegen teure Anzüge, die er zu besonderen Anlässen mit breitkrempigem Hut und Gehstock kombinierte. Von seiner klapprigen Ente war er umgestiegen auf einen komfortablen Van. Er flog mit Lufthansa - in der gehobenen Business-Class.

Seine Abende verbrachte Wüppesahl

oft am Roulette-Tisch. Über 100 Mal wurde er als Gast in Spielcasinos registriert. An solchen Abenden verzockte Wüppesahl binnen weniger Stunden schon mal 15.000 Euro, wie sich ein Zeuge erinnert. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft häufte Wüppesahl Schulden von über 100.000 Euro an. Im September - etwa zu der Zeit als Wüppesahl Andreas S. in seinen mutmaßlichen Plan eingeweiht haben soll - mahnte die Lufthansa rund 18.000 Euro für unbezahlte Flüge an. Die Staatsanwaltschaft glaubt deshalb, dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete den Überfall plante, weil er Geld brauchte. Thomas Wüppesahl bestreitet, in finanzieller Not gesteckt zu haben. Er sieht sich als Opfer einer "modernen Hexenjagd des 21. Jahrhunderts" und wirft der Staatsanwaltschaft "Faktenarmut in der Sache" vor. Tatsächlich birgt das Verfahren für die Ankläger ein Risiko. Es ist rechtlich strittig, ob die Abhörprotokolle der Gespräche zwischen Wüppesahl und Andreas S. im Strafverfahren gegen den Angeklagten verwandt werden dürfen. Wenn der Bundesgerichtshof diese Frage klären muss, weil Wüppesahl sich gegen die Verwendung im Prozess zur Wehr setzt, kann es lange dauern, bis die Richter ein Urteil darüber fällen können, ob der Polizist ein potentieller Raubmörder ist oder nicht.

Abgesehen von diesem spektakulären Prozess - dessen Ausgang noch völlig offen ist - es ist keineswegs selten, dass Polizisten kriminell werden. Beinahe jeden Monat sorgt ein neuer Fall für Aufsehen:

In Münster

verurteilte das Landgericht einen Kommissar wegen Vergewaltigung zu drei Jahren Haft.

In Hamburg

stand ein Drogenfahnder vor Gericht, der Kokain aus der Asservatenkammer geklaut und verkauft hatte. Das Urteil: Drei Jahre und drei Monate Gefängnis.

In Berlin

muss sich derzeit ein Beamter des Landeskriminalamtes vor Gericht verantworten, weil er Supermarkteinbrüche organisiert haben soll.

In München

verprügelte ein Polizist nach einer privaten Zechtour den Kinderbuchautor Ali Mitgutsch und verletzte ihn schwer. Schockiert über die "ungeheure Gewaltbereitschaft aus nichtigem Anlaß" verurteilte der Richter den Beamten zu zehn Monaten auf Bewährung.

In Hannover

ist ein Polizist wegen sexuellem Mißbrauchs und Vergewaltigung in 174 Fällen angeklagt. Der Beamte hat gestanden. Er soll seine minderjährigen Töchter über Jahre mit vorgehaltener Dienstwaffe zum Sex gezwungen zu haben.

Im bergischen Hückeswagen

musste sich ein Polizist wegen Erpressung vor dem Richter verantworten. Der Beamte war Opfer einer privaten Prügelei geworden und erpresste vom Arbeitgeber des Schlägers Schmerzensgeld ("Ich komme mit 20 Leuten und lasse den Laden hier hochgehen"). Für den Richter ein klarer Fall von Machtmissbrauch. "Sie haben ihren Status ausgenutzt und der Polizei großen Schaden zugefügt", sagte er und verurteilte den Beamten zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro.

"Kriminelle Polizisten rechnen nicht damit, erwischt zu werden", sagt Professor Dr. Gerd Wiendieck, Leiter des Institutes für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fernuniversität Hagen. Der Psychologe hat sich in einer Studie mit dem Seelenleben von Ordnungshütern befasst. "Polizisten halten sich für cleverer, weil sie die besten Kniffe und den Gang von Ermittlungen kennen", sagt er. Das zeigt der Fall eines Kripobeamten aus Detmold, der seine Dienstzeit für einen Überfall nutzte, besonders deutlich.

Ordnungsgemäß meldete sich Kriminaloberkommissar Uwe S. bei seinen Kollegen ab - "zum Tatortdienst", wie er sagte. Mit seinem Dienstwagen fuhr der Polizist in die Detmolder Innenstadt, parkte in der Nähe des Antiquitätengeschäfts Pilling. Das hatte er sich ausgeguckt - als Tatort für seinen Überfall. Sein Konto war um 8.000 Euro überzogen, seine Ehefrau durfte von den Schulden nichts wissen. Der Kripomann hatte beruflich in dem Geschäft zu tun gehabt. Deshalb wusste er genau, wo die Kamera hängt und dass Seniorchef Klaus-Jürgen Pilling behindert ist. Maskiert mit schwarzer Skimütze betrat S. den Laden, bedrohte den Senior mit seiner Dienstwaffe. "Alles Geld her", forderte er in gebrochenem Deutsch. "Ich habe kein Geld", erwiderte Pilling kühl. Als Uwe S. merkte, dass sein "Coup" gescheitert war, versuchte der Polizist zu fliehen und lief prompt dem Juniorchef in die Arme.

Senior Pilling ist noch immer fassungslos. "Ein Kripobeamter, der ein Geschäft überfällt. Da verliert man doch den Glauben an die Polizei." Dazu gibt es keinen Grund. Von 266.000 Polizisten in Deutschland machen die meisten ihren Job hervorragend. Sie halten ihre Knochen hin, ruinieren in täglich wechselnden Schichtdiensten ihre Gesundheit, schieben Berge von Überstunden vor sich her und sorgen selbst unter schwierigsten Bedingungen für Ordnung. Deshalb genießen Polizisten neben Medizinern das höchste Ansehen in der Bevölkerung.

Um so schockierender ist es,

wenn Polizisten als Totschläger, Kinderschänder, Räuber, Vergewaltiger, Dealer, Zuhälter oder Betrüger Schlagzeilen machen. Schwarze Schafe gibt es überall, winken Polizeipräsidenten und Innenminister in solchen Fällen gerne ab, betonen, dass die Polizei eben auch nur ein "Spiegelbild der Gesellschaft" sei.

Beschwichtigungsversuche, die darüber hinweg täuschen sollen, dass es ein besonderes Problem ist, wenn Polizisten, deren Job es ist, Gesetze zu hüten, kriminell werden. Zwar gibt es auch Lehrer, Bäcker oder Fleischer, die Verbrechen begehen. Doch anders als diese Berufsgruppen kennen Polizisten das Strafgesetzbuch nicht nur viel genauer und haben täglich vor Augen, was Recht und Unrecht ist. Polizisten sind eine der wichtigsten Säulen des Rechtsstaates. Gesetzeshüter, die zu Verbrechern werden, gefährden das Rechtssystem. Deshalb ist ein Polizist, der Dealer festnimmt, aber selbst Drogen verkauft, eine viel schlimmere Bedrohung für das Gemeinwohl als ein kiffender Journalist oder eine klauende Verkäuferin. "Polizisten sind nicht per se die besseren Menschen", sagt Polizeiforscher Rafael Behr ("Cop Culture – Alltag des Gewaltmonopols") von der Universität Frankfurt.

Der promovierte Soziologe weiß, wovon er spricht. Bevor sich Behr der Wissenschaft verschrieb, war er 15 Jahre Polizist in Hessen. "Wir müssen die Alltagsbedingungen, denen Polizisten ausgesetzt sind, dringend genauer untersuchen. Nur so wird man erfahren, warum einigen Polizisten das Rechtsverständnis entgleist", fordert der Polizeiforscher.

Doch davon wollen Innenminister und Polizeipräsidenten nichts hören. Während in den USA die kriminelle Energie von Cops intensiv erforscht wird, werden hierzulande in den meisten Bundesländern nicht mal die Strafanzeigen gegen Polizisten gezählt. Auch die Forschung schert sich wenig um das Thema.

Eine Ignoranz, die nach Ansicht des Kriminologen und Polizisten Martin Herrnkind ("Die Polizei als Organisation mit Gewaltlizenz") System hat. "Bei der Polizei ist es wie bei den Medizinern", sagt er. "Fehler dürfen nicht vorkommen - jedenfalls nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Und wenn doch, wird möglichst der Mantel des Schweigens darüber gedeckt." Deshalb seien kriminelle Polizisten in Deutschland auch ein "Tabu-Thema". Herrnkind: "Es kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf."

Dass Polizisten potentielle Verbrecher sind, glaubt Professor Dr. Hans-Werner Alberts ("Methoden polizeilicher Berufsethik") von der Hochschule für Öffentliche Verwaltung in Bremen nicht. "Doch der Beruf verführt zu gefährlichen Machtphantasien. Polizisten nehmen Menschen fest, durchsuchen Wohnungen, dürfen in bestimmten Situationen Gewalt anwenden. Wer da nicht charakterfest ist, läuft Gefahr, irgendwann die Seiten zu wechseln."

Alberts unterrichtet seit 15 Jahren Ethik an Polizeihochschulen. Machtmissbrauch, seelische Verrohung und eine gefährliche Nähe zum Klientel sind seiner Meinung nach oft schuld daran, wenn Polizisten kriminell werden. Der Job stelle "extreme hohe Anforderungen" an Charakter und Seele. Polizisten müssen bewaffnete Räuber dingfest machen, schwerverletzte Unfallopfer bergen, den Anblick halb verwester Leichen ertragen. Belastungen, die zur "seelischen Verrohung" führen können, sagt Alberts. Außerdem seien Gesetzeshüter ständig der Versuchung ausgesetzt, ihre Macht zu missbrauchen. Sie müssen stark bleiben, wenn im Führerschein plötzlich ein 100-Euro-Schein steckt oder ein Zuhälter ihnen die Dienste seiner Damen offeriert. Sie dürfen nicht ausrasten, wenn ein Festgenommener sie anspuckt und beleidigt.

Doch in Deutschland,

kritisiert Alberts, würden Polizisten mit ihren Problemen oft allein gelassen. "In manchen Ländern muss ein Polizeipsychologe 3.000 Beamte betreuen", weiß der Professor und warnt vor den fatalen Folgen: Polizisten begingen häufiger Selbstmord als Menschen mit nervenschonenderen Berufen. Ihre Ehen endeten überdurchschnittlich oft vor dem Scheidungsrichter. Ethik-Seminare, in denen Polizeibeamte lernten, Belastungen besser wegzustecken und der Versuchung des Machtmissbrauchs zu widerstehen, kämen in der Ausbildung zu kurz. "In den meisten Bundesländern reden die Polizeischüler am Freitagnachmittag in der fünften und sechsten Stunde ein bisschen über Ethik und das war's dann. Kein Wunder, wenn irgendwann der eine oder andere nicht mehr reflektieren kann, was Recht und Unrecht ist und austickt", sagt Alberts.

Um Polizisten besser für den harten Berufsalltag und gegen gefährliche Machtphantasien zu wappnen, kam der Professor auf die Idee, speziell für die Polizei ein Zentrum für Berufsethik zu gründen. Eine bundesweit einmalige Einrichtung. Sofort bekam der Professor grünes Licht von Bremens Polizeipräsident Eckhard Mordhorst. Aus gutem Grund: Die Polizei des kleinsten Bundeslandes hat in der letzten Zeit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Gerade steht ein Polizist vor Gericht, der seine Ehefrau ermordet und zerstückelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 24 Polizisten, die über ihre Dienstcomputer Pornos verschickt haben sollen. Außerdem sorgte ein krasser Fall von Machtmissbrauch für Empörung.

Immer wenn Polizeihauptmeister Walter M. alleine Dienst schob, schlich er sich in die Zellen der Frauen, die auf ihre Abschiebung warteten. Der Polizist zwang die Gefangenen zum Oralsex, hielt die Szenen mittels Selbstauslöser im Bild fest. Schon 1998 beschwerte sich eine Gefangene bei einem Kollegen von Walter M. Doch die Sache verlief im Sande. Walter M. wog sich in Sicherheit, missbrauchte mindestens noch eine Frau. 2003 geriet er wieder ins Visier der Innenrevision, weil er einen Einkaufsgutschein angenommen hatte. In der Wohnung des Polizisten fanden die Ermittler die Fotos der Frauen und Kinderpornos. "Wachtmeister Notgeil" (Bild-Zeitung) wurde verurteilt und quittierte den Dienst.

Dass Walter M. nicht schon 1998 dingfest gemacht wurde, liegt Polizeipräsident Mordhorst, der damals noch nicht im Amt war, "schwer auf der Seele". "Ethik-Seminare hätten ihn vielleicht nicht von seinem Tun abgehalten. Aber wir wollen Polizeibeamten in solchen Kursen den Rücken stärken, damit sie keine falsche Scheu mehr haben, gegen Kollegen vorzugehen. So können wir schwarze Schafe wenigstens früher erwischen." Denn Walter M. war jahrelang als Problem-Polizist bekannt. Immer wieder gab es Beschwerden. Walter M. trank, spielte gern mit seiner Waffe. Sie verlieh ihm Autorität, Respekt und Stärke. Auch privat mochte er nicht auf die Insignien der Macht verzichten. Nach Feierabend schlüpfte er in die Tracht seines Schützenvereins, tauschte Pistole gegen Gewehr.

Als Polizist, der versessen darauf war,

Uniform und Waffe zu tragen, passt Walter M. zu dem Typus, der sich nach Erkenntnissen von Professor Wiendieck häufig zum Polizeiberuf hingezogen fühlt. Bei einer Befragung von Polizisten in Köln fand Wiendieck heraus, dass 40 Prozent schon im Kindesalter den Wunsch hätten, zur Polizei oder zum Militär zu gehen. Ihr schlichter Grund: "Viele wollen Uniform und Waffe tragen, Gewalt anwenden, aber auf der guten Seite stehen", sagt Wiendieck und warnt: "Eine gefährliche Motivation, die kippen kann, wenn ein Polizist nicht lernt, mit seiner Macht umzugehen." Das deckt sich mit den Erkenntnissen amerikanischer Polizeiforscher, die unter Cops einen hohen Anteil autoritärer Persönlichkeiten ausgemacht haben. Menschen mit diesem Persönlichkeitsmerkmal genießen es, Macht zu haben und schrecken nicht davor zurück, sich an Schwächeren auszulassen.

So wie Oberkommissar Manfred S. Auch er hatte eine Affinität zur Uniform, wollte zur Marine. Als das nicht klappte, wurde S. Polizist. Er rief Klara M. an, die mit 1,4 Promille hinterm Steuer erwischt worden. Er könne "etwas für sie tun", versprach Manfred S. Wenn sie "ihm entgegenkomme", würde er "ihre Akte verschwinden lassen". Zum Schein ging Klara M. auf das Angebot ein und zeigte den Polizisten an. Die Ermittlungen förderten zutage: Der Kommissar hatte Jahre zuvor eine Frau vergewaltigt, die ihn nach einem Ehestreit zu Hilfe gerufen hatte. "Ich sorge dafür, dass man dir die Kinder wegnimmt", hatte S. seinem Opfer gedroht.

Auch Manfred S. fühlte sich sicher, meinte, dass man eher ihm denn seinen Opfern glauben würde. "Polizisten gehen davon aus, dass ihre Position und ihre Uniform sie schützt, weil man ihnen als Gesetzeshüter solche Taten nicht zutraut", bestätigt Professor Wiendiek. Hinzu kommt, dass Polizisten, die im Job unangenehm auffallen, so gut wie nichts zu befürchten haben. Berufspiloten zwingt das Gesetz einmal pro Jahr in den Simulator. Ihr Flugschein gilt nur für zwei Jahre, muss dann verlängert werden. Ein Flieger, der eine dieser Hürden nicht nimmt, darf nicht mehr ins Cockpit. Bei der Polizei werden nur Beamte des höheren und gehobenen Dienstes von ihren Vorgesetzten beurteilt - schlechte Noten verhindern allenfalls eine Beförderung. Und wenn es nach den Polizeigewerkschaften ginge, würde diese niedrig schwellige Kontrollinstanz auch noch abgeschafft. Auch Einstellungstests seien nicht geeignet, potentielle Vergewaltiger oder andere Gewalttäter zu entlarven, sagt der Berliner Polizeipsychologe Karl Mollenhauer.

Zwar seien die Persönlichkeitstest, denen sich die Bewerber unterziehen müssten, "mächtige Filter". "Aber wir können letztendlich nicht in die Köpfe der Menschen hinein schauen". Kripobeamter Manfred S., der früher Verbrecher hinter Gitter brachte, sitzt nun selbst im Knast. Die "kühle Tatplanung" und der "Missbrauch amtlicher Stellung" stuften die Richter als "besonders verwerflich" ein und verurteilten ihn zu drei Jahren Gefängnis.

Häufig geraten Polizisten auf die schiefe Bahn, weil sie sich zu eng mit "ihrer Kundschaft" einlassen. In München verbrachten vier Polizisten des Zivilen Einsatzkommandos ihre Nachtschicht am liebsten im Bordell. Für das Separee mit Liebesdame und Champagner zahlten sie nur eine kleine Unkostenpauschale von 15 Euro. Dafür hielten die Ordnungshüter ihre Hand über das Etablissement, warnten die Zuhälter vor Razzien, waren bei der Einschleusung von Liebesdamen aus Osteuropa behilflich und guckten bei Bedarf in den Polizeicomputer. Das Landgericht verurteilte den Haupttäter, einen Kripo-Kommissar, zu vier Jahren Haft. Seine Komplizen bekamen zwei Jahre auf Bewährung. Alle vier haben den Dienst quittiert.

Polizei-Ethiker Alberts macht

für solche Fälle eine "unangemessene Nähe zum Klientel verantwortlich". Besonders groß sei das Risiko bei verdeckten Ermittlern. "Die sehen, wie viel Geld im Rotlicht verdient wird, müssen sich zum Schein mit diesen Leuten einlassen. Und laufen Gefahr, die Grenzen zu überschreiten", sagt Alberts. Die Themenliste seiner Ethik-Vorlesungen, mit denen er jungen Polizisten den Rücken stärken will, ist lang. Die angehenden Kommissare sprechen über ihre Erfahrungen im Dienst, lernen, traumatische Erlebnisse besser wegzustecken. Sie entwickeln Strategien gegen Korruption, analysieren, wann Corpsgeist nützt, wann er schadet, wann er gefährlich wird. Alberts ermuntert seine Schüler, Kollegen anzuzeigen, die sich strafbar machen. "Nicht derjenige, der einen Kollegen anzeigt, ist das Schwein, sondern der, der eine Straftat begeht und seine Kameraden, die schweigen sollen, mit in die Sache hineinzieht." Alberts Schüler sind begeistert. "Dieser Job ist verdammt hart", weiß Carsten Witt. Der 31-jährige Kommissar ist seit elf Jahren Polizist. "Ich habe Dinge gesehen, die wünsche ich niemanden. Irgendwann läuft man Gefahr, nur noch zu reagieren, ohne zu hinterfragen." Kommissarin Marina Kempa (28) gibt ihm recht. "Eigentlich müssten alle Polizisten an solchen Seminaren teilnehmen - und zwar mindestens einmal im Jahr."

Wüppesahl, der früher viel und gern über Polizei-Ethik geredet hat, will sich vor Gericht nicht zu den konkreten Vorwürfen äußern. Er beschränkt sich auf allgemein gehaltene Prozesserklärungen. Die Akten seien "manipuliert", behauptet der Kripobeamte. Er werde "von der Staatsanwaltschaft und ihrer Hilfsbeamten kunstvoll und phantasievoll in die Rolle des Angeklagten gestellt". "Alles Unsinn", weist Rüdiger Bagger, Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, die Vorwürfe zurück.

Wüppesahls ehemalige Kollegen rätseln derweil, ob es vielleicht der berufliche Umgang mit betuchten Verbrechern in Nadelstreifen war, der den Kripomann verführt haben könnte, die Seiten zu wechseln. Zuletzt jagte Wüppesahl Wirtschaftskriminelle, bekam etwa 2.300 Euro netto im Monat. Darüber hinaus verdingte er sich nebenberuflich als Berater. Doch seine Einnahmen und Ausgaben - so ein Ermittler - standen in keinem Verhältnis zueinander. Wüppesahl hat nach den Ermittlungen der Polizei mehrfach fünfstellige Eurobeträge in bar auf seine Konten eingezahlt und das Geld - mitunter noch am gleichen Tag - hin- und her gebucht. Woher Wüppesahl das Geld hatte, konnten die Ermittler nicht klären. Insgesamt sei die Herkunft von über 100.000 Euro unklar.

Kronzeuge Andreas S. hat Wüppesahl schwer belastet. "Diesmal brauche ich einen zweiten Mann", soll Wüppesahl zu ihm gesagt haben. Eine brisante Bemerkung. Wenn sie denn so gefallen ist.