Südamerika Brasilien will zunehmende Sklaverei bekämpfen


«Mord als Routine»: José Pereira hatte Glück im Unglück. Dem damals 17-Jährigen wurde 1989 auf der Flucht von einem Landgut im Norden Brasiliens nur ein Auge ausgeschossen.

José Pereira hatte Glück im Unglück. Dem damals 17-Jährigen wurde 1989 auf der Flucht von einem Landgut im Norden Brasiliens ein Auge ausgeschossen. «Die Wachmänner, die Capangas, schossen aus Spaß, weil sie mich bereits eingeholt hatten», sagt José. Er habe überlebt, weil er sich tot gestellt habe. Andere, die wie er der zunehmenden Sklaverei entkommen wollten, können dagegen ihre Geschichten nicht erzählen. «In 13 Prozent aller Landgüter mit Zwangsarbeit gab es Morde an Sklaven, die fliehen wollten», weiß José de Souza Martins, Soziologieprofessor und Kurator des Freiwilligen-Fonds der UN gegen moderne Formen der Sklaverei.

Sklaverei nimmt zu

Die katholische Pastorale Land-Kommission (CPT) spricht von einer erschreckenden Zunahme der Sklaverei. Mehr als 25.000 Menschen würden zur Zeit Zwangsarbeit unter schlimmsten Bedingungen unterworfen. Das Magazin «Veja» schrieb von «nationaler Schande». Die sozialistische Regierung kündigte jetzt an, dass die Sklaverei in vier Jahren ausgemerzt sein soll. «Wir haben viele soziale Wunden, aber die Sklaverei ist unerträglich», meint Arbeitsminister Jacques Wagner.

Besonders schlimm in Parà

Martins kennt viele Schauergeschichten: Aufmüpfige «Sklaven» seien lebend verbrannt, den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, an galoppierende Pferde oder an Bäumen gefesselt und als Zielscheibe benutzt worden. Am schlimmsten ist die Lage im nördlichen Urwald-Bundesstaat Parà. «Auf den dortigen Landgütern gehören Sklaverei, Mord und Todesdrohungen schon fast zur Routine», schrieb die Nationale Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) in einem Bericht.

Schulden als Ketten

Die «modernen» Sklaven werden in der zehntgrößten Volkswirtschaft der Erde nicht mehr angekettet. Schulden, Pistoleiros, Todesdrohungen sind es, die die sehr armen Menschen «fesseln». Sie werden zunächst in Gemeinden mit hohen Arbeitslosenraten von Anwerbern, den so genannten «Gatos» (Kater), mit falschen Versprechungen rekrutiert. Die Landbesitzer rechtfertigen die Sklavenhaltung später mit der Verschuldung der Arbeiter. Diese können nämlich Lebensmittel nur in den «Fazendas» ihrer Arbeitgeber zu überteuerten Preisen kaufen und geben so mehr aus, als ihnen an Lohn zusteht. Oft müssen sie auch für Arbeitsgeräte und den Transport vom Schlaf- zum Arbeitsplatz zahlen.

Norden ist das "Armenhaus"

Die Sklavenhaltung konzentriert sich neben Parà auf Bundesstaaten im Norden und Nordosten, dem «Armenhaus» Brasiliens. Die «Escravos» werden auf das Schlimmste bei Rodungen, auf Plantagen, aber auch in Köhlereien ausgebeutet. Aber sogar in der Metropole Sao Paulo wurden mehrfach Menschen aus Fabriken befreit. Der Sklavenhaltung beschuldigt wurden in den vergangenen Jahren nicht nur unbekannte Großgrundbesitzer, sondern auch bekannte Politiker, Versicherungen, Banken und sogar ausländische Großkonzerne, die Landgüter betreiben oder betrieben haben - darunter auch zwei deutsche Unternehmen. Sie alle entgegnen, zu Recht, dass sie nie verurteilt wurden.

Sklaverei erst 1888 abgeschafft

Brasilien, das zur Kolonialzeit und auch danach noch mindestens fünf Millionen Afrikaner für Arbeit in Zuckerrohr- und Kaffee- Plantagen sowie in den Goldminen aufnahm, schaffte die Sklaverei als letztes Land des Kontinents erst 1888 ab. Mit der staatlichen Förderung von Wirtschaftsprojekten im Amazonas- Regenwald erlebte die Sklaverei in den 60er Jahren eine illegale Renaissance. Trotz jahrelanger Klagen von Menschenrechtlern wurde das Übel erst 1995 erstmals von einer Regierung in Brasilia eingeräumt.

Strafen viel zu milde

Neben den großen Distanzen, welche die Kontrollen erschweren, sowie dem «Heer» von Millionen arbeits- und landlosen Bauern bleibt die Straffreiheit das große Problem. Nur ganz wenige der Sklavenhalter wurden (milde) bestraft. In Zukunft soll alles anders werden. Die Regierung von Präsident Luiz Lula da Silva will Sklavenhaltung als Schwerverbrechen verfolgen. Außerdem soll per Verfassungsreform die Enteignung von Landgütern ermöglicht werden. Der «Plan zur Ausmerzung der Sklavenarbeit» sieht insgesamt 75 Maßnahmen vor. Seit der Amtsübernahme Lulas im Januar wurden schon 841 Landarbeiter befreit - drei Mal so viele wie in den jeweiligen Vergleichszeiträumen der Vorjahre.


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