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Tabak-Industrie: Wie sich Verbote in Luft auflösen

Der Tabak-Konzern BAT will mehrere tausend Gastronomen mit Lüftungsanlagen beschenken. Doch dem Unternehmen geht es nicht um den Schutz der Nichtraucher, sondern die Aushebelung der ab August geltenden Rauchverbote.

Von Roman Heflik

Wenn Gastronom Tim Albermann angeben will, dann zählt er das schicke Interieur auf, das seine Bar "Bond" ziert: Die weißen Ledersofas, die Wandverkleidungen aus dunkelbraunem Wurzelholz – und die Lüftungsanlage. Denn seit kurzem verfügt das Hamburger Lokal über eine der derzeit wohl modernsten Lüftungen Deutschlands: CO2-Sensoren registrieren, wie verbraucht die Raumluft ist und schalten dann die Lüftung herauf oder herunter.

Bis zu 16 Liter auf Raumtemperatur angewärmte Frischluft können pro Person und Sekunde in den fensterlosen Raum hineingepumpt und an der gegenüberliegenden Wand wieder abgesaugt werden. Eine Technik, die ihren Preis hat: "Das muss zwischen 10.000 und 20.000 Euro gekostet haben", vermutet Albermann. Genauer kann er die Summe nicht beziffern, denn die Rechnung hat British American Tobacco (BAT) übernommen – Deutschlands zweitgrößter Zigarettenproduzent.

Die Tabak-Branche ist im Zugzwang

Ausgerechnet der Hersteller von Marken wie Lucky Strike und Gauloises Blondes hat dem Tabakqualm in deutschen Restaurants, Kneipen und Bars den Kampf angesagt: Neben dem "Bond" hat BAT auch in ein Hamburger Restaurant, ein Münchener Café und eine Berliner Gaststätte Hochleistungslüfter installieren lassen, weitere Betriebe sollen noch in diesem Jahr folgen.

"Wir wollen damit zeigen, dass es dank des kontinuierlichen Luftaustausches ein Miteinander von Rauchern und Nichtrauchern geben kann", begründet BAT-Unternehmenssprecher Ulf Bauer die Initiative. Seine Branche ist in Zugzwang: In den kommenden Monaten werden zahlreiche Bundesländer Rauchverbote in der Gastronomie erlassen; den Anfang wird im August Niedersachsen machen. Weil Rauchen dann nur noch in abgetrennten Räumen erlaubt sein soll, werden viele kleinere Bars und Kneipen komplett rauchfrei bleiben müssen. Die Tabakindustrie weiß: Wenn sie nicht bald die rettende Idee präsentiert, werden ihr Raucher verloren gehen und der Vertrieb über Gastwirte wegbrechen.

"Wir wollen beim Thema Lüftung jetzt Gas geben"

Doch Informationen des stern zufolge will Tabakriese BAT in die Gegenoffensive gehen und Fakten schaffen. Dafür sollen dem Plan zufolge nicht - wie offiziell verkündet - nur wenige Muster-Kneipen mit neuen Lüftungssystemen ausgerüstet werden, sondern wenn möglich die meisten Gastronomiebetriebe, mit denen das Unternehmen zusammenarbeitet. Die Anzahl dieser so genannten Outlets ist beachtlich: Allein für die BAT-Marken Lucky Strike, Pall Mall und Dunhill gibt es davon fast 3000. Da sich viele Gastwirte die teuren Lüftungsanlagen nicht selbst leisten können, wird bei BAT überlegt, Anschaffung und Einbau großzügig zu sponsern. So hoffen die Unternehmensstrategen, die Politiker für technische Ausnahmeregelungen gewogener zu stimmen und Gastwirte im Kampf gegen das Rauchverbot fester an sich zu binden.

Gastronom Albermann erinnert sich: "Unser Ansprechpartner von BAT hat uns gesagt: "Wir haben wegen des neuen Tabak-Werbeverbots ziemlich viel Geld übrig, und wollen beim Thema Lüftung jetzt Gas geben. Auch um diese Antirauchergesetze aufzuhalten." Auf Nachfrage bestätigt der Tabakkonzern, dass man "allen unseren Partnerbetrieben das Gespräch" über die Lüftungsidee anbiete. Dabei handele es sich um insgesamt 2700 Betriebe. Es werde daran gedacht, interessierte Gastwirte "finanziell anteilig" zu unterstützen, sofern sich deren Bars oder Restaurants dazu eigneten. Sämtliche Kosten könne man aber nicht übernehmen, heißt es. "Das dürfte reine Verhandlungssache sein", glaubt dagegen Gastwirt Albermann.

Krebs durch Passivrauchen sei nicht bewiesen

Viel zu lange hat die Branche auf eine Hinhaltetaktik gesetzt und eine freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie forciert, verstärkt Nichtraucherzonen einzurichten. Währenddessen sollte der einflussreiche Verband der Cigarettenindustrie (VdC) gegen das Rauchverbot Stimmung machen. Doch die Selbstverpflichtung scheiterte kläglich mangels Teilnehmern, und die VdC-Lobbyisten waren zu sehr mit internen Querelen beschäftigt - Ende des Jahres wird sich ihr Verband auflösen.

Immer noch spielt die Industrie die Risiken sowohl des Rauchens als auch des Passivrauchens herunter. Noch heute heißt es auf der Homepage von BAT, man halte es für unbewiesen, "dass Tabakrauch in der Umgebung Krankheiten wie Lungenkrebs, Herz-Kreislauferkrankungen bei erwachsenen Nichtrauchern verursacht." Ähnliches steht auf den Internetseiten des Konkurrenten Reemtsma. Freilich, so räumen beide Unternehmen ein, könnten sich Menschen durch den Rauch gestört fühlen.

3300 tote Passivraucher jährlich

Dummerweise stört der Rauch nicht bloß – er tötet auch: 3300 Menschen sterben laut einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) Jahr für Jahr in Deutschland an den Folgen des Passivrauchens. Den einzigen Schutz für Nichtraucher bieten nach Ansicht von Martina Pötschke-Langer vom DKFZ klare Rauchverbote in der Gastronomie: "Lüftungssysteme oder Filteranlagen stellen keine gesunde Alternative zu 100 Prozent rauchfreien Innenräumen dar." Bereits kleinste Restmengen dieser Stoffe könnten Krebs erzeugen oder das Erbgut verändern. Dass nun ein Tabakkonzern diese Anlagen als "technischen Nichtraucherschutz" anpreist, bezeichnet Pötschke-Langer erbost als "eine Irreführung der Politik und Öffentlichkeit".

Egal, ob die Idee der Innenbelüftung noch rechtzeitig fruchtet, will BAT noch ein weiteres Geschütz auffahren: Mit Sonnenschirmen, Wärmepilzen und Standaschenbechern soll den Rauchern die Lust am Tabakkonsum bewahrt werden - dann allerdings vor der Tür.

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