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Weihnachtschaos: Die vier größten Feinde der Bahn

Der Weg zum Weihnachtsfest wurde in diesem Jahr für viele zum Albtraum auf Schienen. Nun diskutieren Politiker und Experten darüber, wer schuld ist an den Problemen der Bahn.

Von Sophie Albers

Ein Zug pflügt durch den Schnee. Schnell, kraftvoll, unaufhaltsam. "Alle reden vom Wetter" steht in fetten Lettern über dem Bild. Darunter: "Wir nicht. Fahr lieber mit der Bundesbahn". Dieser Werbespruch aus dem Jahr 1966 zählt zu den erfolgreichsten Kampagnen in der Geschichte der Deutschen Bahn - und klingt heute wie ein verdammt schlechter Witz.

Denn auch wenn es laut einem Bahnsprecher am Montag nach Weihnachten "keine bundesweiten Störungen mehr gibt", sitzt die Empörung über ein veritables Weihnachtschaos auf Schienen tief. Stundenlanges Warten, Zugausfälle, Streckensperrungen, unbeheizte Wagons, mangelnde Information. Es sieht wirklich nicht danach aus, als habe die Bahn aus der Vergangenheit gelernt. Im vergangenen Winter lief es kaum besser. Der Plan, diesmal das Schlimmste mit Reservezügen abzuwenden, zündete nicht, schließlich ist ein Teil der ICE-Flotte zwecks Untersuchung der Achsen immer wieder in den Werkstätten. Bis zum 27. Dezember fiel auf der Strecke Berlin-Leipzig-München jeder zweite ICE aus.

"Pünktlich, sicher, sauber"

Entsprechend wetterte Niedersachsens Verkehrsminister Jörg Bode: "Es kann nicht sein, das man im Sommer vor Hitze nicht im Zug sitzen kann, und der Zug im Winter gar nicht erst losfährt". Das System Bahn müsse auch funktionieren, wenn mal Schnee falle, sagte Bode der Hannoverschen "Neuen Presse". "Das ist Thema im Verkehrsausschuss", versicherte FDP-Verkehrsexperte Patrick Döring. "Wir haben zu viel Fahrplan für zu wenig Material." Die CDU-Bundestagsabgeordnete Rita Pawelski sieht im Chaos die "bösen Folgen" des erhofften Börsengangs.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nahm die Deutsche Bahn nun in Schutz. Die Bahn tue bereits viel, um die Zuverlässigkeit der Züge zu erhöhen. "Mit über 330 Millionen Euro wird die Modernisierung der IC- und ICE-2-Flotte vorangebracht", so der Minister. Die Kapazitäten der Werkstätten seien aufgestockt und die Enteisungsanlagen aufgerüstet worden. Die Bahn habe zudem mehr als 10.000 Schneeräumkräfte im Einsatz. Um nicht ganz an der Realität Tausender verärgerter Fahrgäste vorbeizureden, wurde Ramsauer aber auch deutlich: "Ich habe mehrfach gesagt, dass ich erwarte, dass die Züge bei plus 40 Grad genauso wie bei minus 40 Grad funktionieren müssen. Ich bin mir mit Bahnchef Rüdiger Grube einig, dass die Bahn kundenfreundlicher werden muss: pünktlich, sicher, sauber".

500 Millionen Euro an den Bund

"Scheinheilig" findet Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes "Pro Bahn", die Kritik am Schienenchaos aus den politischen Reihen, schließlich habe die Politik die Bahn jahrelang zum Sparen gedrängt. "Der Börsengang war eine Idee der politischen Bühne. Da wurde Infrastruktur kaputt gespart." Und besser wird es trotz der 330 Millionen Euro wohl kaum, schließlich muss die Deutsche Bahn zukünftig einen erheblichen Teil ihrer Gewinne an den Bund als Eigentümer abführen: Von 2011 bis 2014 sind jeweils 500 Millionen Euro Dividenden-Einnahmen eingeplant - als Teil des Sparpakets. "Das klingt nicht nach einer Unterstützung der Bahn", so Naumann im Gespräch mit stern.de. "Das Geld sollte lieber in den Ausbau investiert werden." Die Politik sollte sich weniger für Prestigeobjekte wie Stuttgart 21 interessieren - und mehr für den Bahn-Alltag.

Doch falls Bahnchef Rüdiger Grube sich gerade etwas entspannt haben sollte, ganz ohne Schelte kommt die Bahn auch beim Fahrgastverband nicht davon: "Es ist bei weitem nicht alles perfekt gelaufen", sagt Naumann. "Die Information war teilweise grottenschlecht." Und auf Grund der zunehmend empfindlichen Elektronik gelte mittlerweile ein anderer Slogan: "Die vier größten Feinde der Bahn? Frühling, Sommer, Herbst und Winter", scherzt Naumann. Im Gesamtbild sind es eher Politik, Wetter, Technik und Kommunikation.

Um die Probleme endlich einmal zu erkennen, was ja bekanntlich der erste Schritt zu deren Lösung ist, rät der "Pro Bahn"-Chef den Vorständen der einzelnen Geschäftsbereiche der Deutschen Bahn Folgendes: Sie sollten sich mal ohne von der Sekretärin bestellte Fahrkarte und ohne Handy am 23. Dezember auf die Bahn begeben. "Das wäre sehr lehrreich."