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Angst in Deutschland: Belgien versorgt Bürger mit Jodtabletten - in Tihange mehren sich Vorboten für Atomunfall

Die Regierung in Brüssel stellt allen Belgiern Jodtabletten zur Verfügung. Grund zur Sorge gebe es aber nicht, heißt es. Dabei häufen sich im Akw Tihange in der Nähe von Aachen die Vorboten einer Katastrophe.

Maroder Reaktor im Akw Tihange - Alle Belgier können nun Jodtabletten anfordern

Blick auf die Atomanlage Tihange in Brüssel. Dort ereignen sich häufig Vorläuferereignisse einer möglichen Katastrophe. Belgien stellt allen Bürgern Jodtabletten zur Verfügung.

DPA

Die belgische Regierung will allen Einwohnern des Landes kostenlose anbieten, damit sie sich im Fall eines Atomunfalls besser vor radioaktiver Strahlung schützen können. Die Regierung bestellte nach Medienberichten 4,5 Millionen Packungen mit jeweils zehn Jodtabletten. Damit könne jeder Haushalt versorgt werden.

Akuten Anlass zur Sorge gebe es aber nicht, sagte Innenminister im belgischen Fernsehen. "Momentan besteht kein spezielles Risiko in Verbindung mit unseren Atomkraftwerken." Aber es sei wichtig, die Bevölkerung richtig zu informieren. Deshalb wurde etwa eine Internetseite zur Aufklärung über atomare Risiken erstellt. Bis dato konnten lediglich Menschen, die in der Umgebung belgischer Atomreaktoren leben, kostenlos Jodtabletten beziehen.


Vorboten einer Katastrophe im AKW Tihange

Die Äußerungen Jambons wirken beschwichtigend, da seit Anfang Februar publik wurde, dass sich im Reaktor Tihange 1 sogenannte Prescursor-Fälle häufen - so werden sogenannte Vorläuferereignisse für einen großen Atomunfall bezeichnet. Wie der WDR berichtete, ereigneten sich laut einem Schreiben der Brüsseler Atomaufsicht zwischen 2013 und 2015 insgesamt 14 Precursor-Fälle in belgischen Akw, davon mehr als die Hälfte im Reaktor Tihange 1. "Diese Zahlen sind erheblich höher als üblich. Da müssen eigentlich die Alarmglocken bei allen Verantwortlichen angehen", zitiert der WDR den ehemaligen Chef der deutschen Atomaufsicht im Bundesumweltministerium, Dieter Majer.

Auf einer weißen Schachtel mit dünnem grünen Rand liegt ein Blister mit sechs Jodtabletten

Doch über Besorgnis geht die Stimmung bisher nicht hinaus. Die Bewohner der Region Aachen, direkt an der Grenze zu Belgien, können sich schon seit Anfang September 2017 kostenlos mit Jobtabletten eindecken. Und die Bundesregierung und die NRW-Landesregierung dringen schon seit geaumer Zeit auf eine Stilllegung des grenznahen AKW  . Vor zwei Wochen erst hatte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei einem Besuch in Brüssel vergeblich die Abschaltung gefordert.

Auch Tschernobyl hatte Prescursor-Ereignis

Die Bundesregierung wiegelte Anfang Februar zudem ab. Atomsicherheit sei Angelegenheit der jeweiligen Regierungen, so das Umweltministerium gegenüber dem . Im Übrigen seien Precursor nicht geeignet, um daraus "direkte Rückschlüsse auf das Sicherheitsniveau einer Anlage zu ziehen". Fast wortgleich äußert sich auf Anfrage die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC. Manfred Mertins, langjähriger Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, dazu gegenüber dem WDR: "Ich erinnere daran, dass Tschernobyl einen Vorläufer hatte, der nur nicht beachtet wurde."

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dho mit / AFP