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AKW in Japan außer Kontrolle: Die 50 Helden von Fukushima

Mit allen Mitteln versuchen 50 AKW-Techniker in Fukushima eine Kernschmelze zu verhindern. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken, Leben und Gesundheit setzen sie notgedrungen aufs Spiel.

Von Mareike Rehberg

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, dessen Erfolg mehr als ungewiss ist: Nur noch wenige Techniker, die "Fukushima 50", wie sie genannt werden, kämpfen auch am Mittwoch weiter verzweifelt gegen den drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima 1. Nach Medienberichten kriechen sie in Schutzanzügen durch das Labyrinth der zerstörten Anlage und riskieren ihr Leben.

Zwei schwere Brände haben die Reaktoren 3 und 4 am Mittwoch stark beschädigt. Das Dach von Block 4 ist völlig zerstört, auch die Wasserkühlanlage ist vom Feuer betroffen. Zwei Mitarbeiter wurden nach der Explosion vermisst. Die Schutzhülle von Reaktor 3 ist, nach anfänglichen Befürchtungen, offenbar nicht beschädigt worden.

Allerdings war die radioaktive Strahlung im AKW zeitweise so stark, dass die verbliebenen 50 Mitarbeiter das Gelände verlassen mussten. Ohnehin setzen sie aus Sicht von Experten Leben und Gesundheit aufs Spiel. Schutzkleidung und -hauben verhindern zwar, dass radioaktive Stoffe sich auf der Haut festsetzen. Atemschutzgeräte und schwere Sauerstofftanks auf dem Rücken sollen verhindern, dass die Techniker die verunreinigte Luft einatmen. Der direkten Strahlung können die Mitarbeiter aber nicht entkommen.

Dennoch kehrten die Techniker an ihren gefährlichen Arbeitsplatz zurück, angeblich sind sie sogar freiwillig im Einsatz. Indem sie sich an den stark belasteten Anlagenteilen schnell mit der Arbeit abwechseln, wollen sie die Risiken der Bestrahlung verringern. Mit allen möglichen Methoden versuchen sie die heißen Brennstäbe zu kühlen, um eine Kernschmelze zu verhindern.

"Arme Schweine" von Fukushima 1

Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, nennt die Kämpfer gegen die Kernschmelze "arme Schweine" und fordert den sofortigen Abzug der Techniker. Für die Japaner hingegen und zahlreiche Unterstützer in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter sind sie Helden, von denen abhängt, ob und wie schlimm sich die Atomkatastrophe auswirken wird.

Wegen der Flammen in Block 3 und 4 ist es unmöglich, Wasser ins Innere der Reaktoren zu leiten. Ein Spritzenwagen mit Wasserkanone sollte eingesetzt werden, um das Abklingbecken von Reaktor 4 aufzufüllen, zuvor waren Löschversuche aus der Luft mit einem Hubschrauber abgebrochen worden, weil die Strahlung zu hoch war. Experten warnen vor einer massiven Verstrahlung, wenn das Wasser im Becken von Block 4 nicht binnen 48 Stunden aufgefüllt wird. Jeder weitere Einsatz in der Anlage wäre dann unmöglich.

Kernschmelze droht nach 17 Stunden ohne Wasser

Nun erwägt die japanische Atombehörde sogar, bei der Kühlung der beiden Reaktoren die Hilfe der Armee in Anspruch zu nehmen. Zum Reaktor 4 versucht Betreiber Tepco eine Straße zu bauen, damit Feuerwehrfahrzeuge zum brennenden Meiler vordringen können. Was sich in dem AKW überhaupt noch ausrichten lässt, ist nicht sicher. Nach Ansicht von Atomexperten steht fest, dass es in den Reaktoren 1,2, und 3 bereits zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Auch in den stillgelegten Reaktorblöcken 5 und 6 gibt es mittlerweile Probleme mit der Kühlung der dort lagernden alten Brennstäbe.

Bereits mehrfach lagen die Brennstäbe in den Blöcken 2 und 3 frei, die Kühlung mit Meerwasser und Borsäure gelang nur notdürftig. Wenn die Brennstäbe 17 Stunden auf dem Trockenen liegen, so legen US-Studien nahe, tritt die komplette Kernschmelze ein. Dann würde sich die 2000 Grad heiße Schmelzmasse aus Uran und Plutonium durch den Reaktorboden fressen, und ob der Sicherheitsbehälter drum herum dieser Flüssigkeit standhielte, kann niemand sagen.

Kein Wissenschaftler hatte mit einem Szenario dieses Ausmaßes gerechnet, deshalb gibt es auch keinen detaillierten Notfallplan. Alle Maßnahmen, die nun erfolgen, werden von Experten als Akt der Verzweiflung gewertet. Christian Küppers, Experte für Nukleartechnik beim Öko-Institut in Darmstadt, hält es dennoch für unmöglich, das AKW Fukushima 1 sich selbst zu überlassen. Es müsste immer Personal vor Ort sein, das dafür sorgt, dass die Feuerwehrpumpen, die das Meerwasser in die Reaktoren leiten, genügend Kraftstoff haben, sagte er stern.de.

Erdbeben und Tsunami unterbrachen die Stromversorgung

Ausgelöst wurde die Kette der Atomunfälle am Freitag durch das schwere Erdbeben und den darauffolgenden Tsunami. Die externe Stromversorgung der Reaktoren wurde durch die Erschütterung gekappt. Auch die Notkühlsysteme funktionierten nur kurz, weil die Dieselgeneratoren, die im Notfall anspringen, bereits nach einer Stunde den Dienst versagten. Der gewaltige Tsunami hatte sie überflutet. Die für solche Situationen vorgesehenen Batterien waren nach wenigen Stunden leer.

Die Ingenieure hatten außerdem ein weiteres Problem zu bewältigen: Offenbar wurden auch verschiedene Messinstrumente zerstört, so dass Experten die Dramatik der Situation zunächst gar nicht richtig einschätzen konnten. Sie sahen zwar, dass das Kühlwasser sank, die Messungen waren aber ungenau.

mit Agenturen
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