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Augenzeugen des "Costa Concordia"-Unglücks: "Ich glaube, unser Schiff sinkt"

Als die "Costa Concordia" schräg steht, schickt Elke Weierke ihrer Tochter eine SMS: "Das Schiff sinkt. Vielleicht sehen wir uns nie wieder." Wie sie und ihr herzkranker Mann das Unglück erlebten.

Von Luisa Brandl, Orbetello

Das Ehepaar Harald und Elke Weierke stammt aus der Nähe von Köln. Eigentlich wollen beide in Ruhe gelassen werden, auch sich Fotografieren zu lassen, lehnen beide ab.

Die Weierkes sitzen in der Empfangshalle des Krankenhauses von Orbetello. Es ist Sonntagmittag gegen 14 Uhr und Harald Weierke ist gerade entlassen worden. "Mein Mann hatte ein Herzvorhofflimmern", sagt Elke Weierke. "Ich dachte, das überlebt er nicht." Sie sehen beide verloren aus, noch unter Schock, ihre Blicke sind glasig. Wie es für sie weitergeht, wissen sie nicht. "Ich kann meine Winterjacke nicht ausziehen. Ich habe ja nur einen Pyjama unter", sagt Weierke. Sie lagen in ihren Betten, als die Sirenen an Bord aufheulten und "Stromausfall" gemeldet wurde. "Aber das Schiff stand schräg. Ich sagte zu meinem Mann: Nix wie raus. Und bloß nicht den Aufzug nehmen, sonst bleiben wir da stecken. Ich habe ja schon oft den Film Titanic gesehen, daher weiß ich das."

Aber eigentlich möchten sie nicht darüber reden. Sie möchten abschließen, in Ruhe gelassen werden, nicht mehr eingeholt von den immer wiederkehrenden Bildern. Die Szene etwa, als sie an Deck 4 ankamen und "einige sich vor Angst übergeben mussten und andere auf dem schiefen Deck auf dem Erbrochenen ausrutschten", so Elke Weierke. Es war alles zuviel. "Mein Mann sagte, ich solle unsere Tochter zuhause benachrichtigen. Ich wusste nicht, ob das richtig war. Aber ich habe ihr eine SMS geschickt: Ich glaube, unser Schiff sinkt. Vielleicht sehen wir uns nie wieder." Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Mit Hammer und Brecheisen das Rettungsboot befreit

Angst ist da. Und Ärger über die Pannen bei der Evakuierung. "Wir stiegen in die Rettungsboote ein, aber die Boote konnten nicht runtergelassen werden. Also mussten wir wieder aussteigen", sagt Elke Weierke. "Die Elektrik hatte versagt und mechanisch konnte man die Boote auch nicht bewegen, weil der Flaschenzug verrostet war", sagt Harald Weierke. "Da mussten sie mit Hammer und Brecheisen draufhauen, um die Kette zu lösen."

"Als wir endlich auf dem Wasser waren, sprang der Bootsmotor erst nicht an. Außerdem war die Schraube defekt und das Boot drehte sich dann wie wild im Kreis. Alle schrien, das Boot drohte zu kippen. Ich hatte einfach nur Angst", sagt Elke Weierke.

Sie möchten nicht fotografiert werden. Nicht, dass jemand daheim in Deutschland denkt, sie wollten sich zur Schau stellen. "Das geht nicht wegen der Kollegen, ich arbeite auch in einem Krankenhaus", sagt Elke Weierke.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Crewmitglied Benedetto Minuto erzählt, wie er das Unglück erlebt hat und wie er sich bei der Rettung die Schulter zerrte.

Benedetto Minuto ist 48 Jahre alt und Besatzungsmitglied der "Costa Concordia". Er stammt aus Reggio Calabria an der Stiefelspitze Italiens, ist verheiratet und hat zwei Töchter, im Alter von 19 und 23. Nach dem Unglück wurde er in einem Hotel in Orbetello untergebracht. Wegen einer Zerrung in der Schulter, die er sich bei der Rettung von Passagieren zugezogen hat, trägt er eine schmale Armbinde um den rechten Arm.

"Ich war gerade in der Küche und besprach mit dem Koch, welche Lieferungen wir für den nächsten Tag in Savona erwarteten, als sich plötzlich das Schiff neigte und die Teller aus den Regalen rutschten. Den Knall des Aufpralls habe ich im Schiffsinneren nicht gehört. Ich ging zum Restaurant hoch, ein Chaos, das ganze Geschirr umgeworfen, am Boden, Gläser zerbrochen, die Leute standen verängstigt da.

Wenn ich jetzt die Bilder im Fernsehen sehe, bekomme ich Gänsehaut.

Die Sonnenliegen schlugen neben mir im Wasser ein

Ich habe so vielen Leuten ins Boot geholfen, ich hätte gern mehr getan, aber als sich das Schiff drehte, war es sehr schwierig. Jetzt muss ich dauernd an die Spanierin mit ihrem zweijährigen Kind denken, sie weinte verzweifelt und bettelte, dass ich sie auf einem der Rettungsboote unterbringe. Aber ich musste ihr sagen, dass sie noch warten sollte. Ich fühlte mich so machtlos.

Am Schluss bin ich ins Wasser gesprungen. In dem Moment dachte ich, jetzt sterbe ich. Von Deck 11 flogen die Sonnenliegen herunter und schlugen neben mir im Wasser ein. Ich schwamm schnell zu den Felsen an der Küste hinüber. Unterwegs habe ich noch zwei älteren deutschen Damen geholfen. Die eine zog ich aus dem Wasser, sie wog bestimmt mehr als 100 Kilo, dabei habe ich mich an der Schulter verletzt.

Ich bin seelisch und körperlich erschöpft

Ich fühle mich traumatisiert. Ich fühle, dass der Boden unter mir schwankt. Ich bin zu aufgeregt, um schlafen zu können. Ich bin körperlich und seelisch völlig erschöpft. Gerade habe ich hier im Foyer mit einem Psychologen darüber gesprochen, was so ein Trauma eigentlich bedeutet.

Im Hotel sind noch andere Besatzungsmitglieder untergebracht. Wir erzählen uns unsere Erlebnisse, um sie irgendwie loszuwerden. Ich möchte nach Hause, aber ich verstehe, dass das nicht so schnell zu organisieren geht bei über 4000 Leuten, die nach Hause wollen.

Wenn ich nach Hause komme, möchte ich zuerst meinen kranken Vater in die Arme schließen."

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