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Flug OG 269: Sie überlebt einen Flugzeugabsturz - erst danach beginnt ihr wahres Drama

Claudia Rothmann-Kehler überstand einen Flugzeugabsturz in Thailand - mit einem blauen Auge und einem Schnitt auf der Stirn. Der Absturz selbst, sagt sie, sei nicht das Schlimme gewesen. Das waren die Jahre danach.

Von Marc Bädorf

Claudia Rothmann-Kehler Teaser

16. September 2007: One-Two-Go-Airlines-Flug OG 269 zerschellt im thailändischen Phuket, 89 Menschen sterben. Rothmann-Kehler sitzt in einer der hinteren Reihen

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Es war kein Flugzeug mehr, sondern eine Welt, eine Welt aus Feuer und Wind und Regen, und der Wind trieb das Feuer so unnachgiebig an, dass der Regen, der im Monsun niederprasselte, es nicht zu löschen vermochte.

Sie löste den Gurt, der seltsamerweise immer noch ihre Taille umschloss, drückte sich mit den Händen von den Sitzlehnen ab und stand auf. Der Rauch, der dick und schwarz war und süß nach Gift roch, nahm ihr fast vollkommen die Sicht.

Sie schaute nach rechts und nach links, zu ihrem Bruder und ihrem Freund. Sie lebten. Das Kind, das vor ihr gesessen hatte, nicht.

Überall waren Schreie, Schreie derer, denen das Feuer die Haut versengte, derer, denen der Absturz einen Arm oder ein Bein abgerissen hatte, derer, die überlebt hatten und feststellten, dass ihre Ehemänner, Ehefrauen, Kinder, Geschwister und Freunde tot waren.

Sie wollte nur raus, raus zum Licht

Sie hörte die Schreie nicht, sie wollte nur raus, dorthin, wo das Licht war. Doch ihr Bruder zog sie zurück, sie hatten in einer der letzten Reihen gesessen, und im Heck, dachte er, musste es noch eine Tür geben.

Sie fanden die Tür, und ihr Bruder und ihr Freund versuchten, sie zu öffnen. Doch sie bekamen sie bloß einen kleinen Spalt auf, gerade groß genug, um etwas Luft hereinzulassen. Sie atmete kurz durch die Tür, dann schaute sie zu, wie ihr Bruder und ihr Freund versuchten, die Verkleidung der Tür abzureißen. Bald waren ihre Fingerkuppen blutig, aber sie versuchten es weiter, und hinter sich spürten sie die Wärme, die das sich nähernde Feuer ankündigte.

Flugzeugabsturz verhindern: Kann ein Passagier ein Flugzeug landen?

Seitdem das Flugzeug auf den Boden geprallt war, waren vielleicht 30 Sekunden vergangen, und sie wussten nicht, wie lange es noch dauern würde, bis es explodieren oder der Rauch ihnen das Bewusstsein nehmen würde.

Schließlich gaben sie auf. Sie kämpften sich nach vorn durch, dorthin, wo eben noch der Stau gewesen war. Um sich sahen sie tote Menschen und Körperteile und herausgerissene Sitze, und das war bloß das, was der immer dicker werdende Rauch nicht verbarg. Der Stau vor dem Licht hatte sich aufgelöst, sie stieg aus der Tür und rutschte über den Flügel hinunter. Als sie unten stand, ohne Schuhe, und das feuchte Gras unter ihren Füßen spürte, fragte sie sich, als gäbe es nichts Wichtigeres, ob es hier Schlangen gab.

Sie hatte die Orientierung verloren, wusste nicht mehr, ob Tag oder Nacht war, geschweige denn, wo sie war, und für einige Minuten dachte sie, dass ein Krieg ausgebrochen sei, dass sie bombardiert worden seien.

Er folgte mit seinen Augen dem Qualm

Die Rettungswagen waren noch nicht da, bloß die Busse, die die Passagiere üblicherweise übers Flugfeld zu ihren Maschinen bringen. Sie ging mit ihrem Freund und ihrem Bruder zu einem Bus. Auf dem Weg sah sie einen Feuerwehrmann. Er bewegte sich nicht, schaute bloß von rechts nach links das brennende Flugzeug entlang, folgte mit seinen Augen dem Qualm, der in dichten Wolken aus dem Flugzeug stieg und sich erst in Dutzenden Meter Höhe auflöste.

"Gib doch wenigstens deine Jacke her!", schrie ein Passagier den Feuerwehrmann an. Erst dann rührte er sich.

Es roch nach Kerosin, es regnete, und es war still und ruhig, aber vielleicht empfand sie das auch nur so. Sie stieg in den Bus, in den die Helfer bald alle brachten, die sie finden konnten: Leichtverletzte, Schwerverletzte und Leichen, bei denen sie sich nicht sicher gewesen waren, ob sie nicht vielleicht doch nur schwer verletzt waren. Mit diesem Bus fuhr sie zum Terminal, wo sie sich ein Taxi zum Krankenhaus nehmen musste. Als sie dort einige Stunden später auf ihrem Zimmer lag, sich über den Schlafanzug ihres Bruders lustig machte und im Fernsehen die Nachrichten sah, wunderte sie sich, dass gleich in ihrer Nähe ein Flugzeug abgestürzt war. Sie hatte noch nicht verstanden, dass dieses Flugzeug ihres gewesen war.

Elf Jahre nachdem Claudia Rothmann-Kehler am 16. September 2007 den Absturz des One-Two-Go-Airlines Flugs OG 269 von Bangkok nach Phuket mit 89 Toten überlebte, elf Jahre, nachdem sich ihr Leben in zwei Hälften teilte, in ein Leben davor und eins danach, sitzt sie am Wohnzimmertisch ihres Hauses etwas außerhalb von Würzburg.

Erst vor kurzem ist sie mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Söhnen hier eingezogen, vorher haben sie einige Jahre in Schweden gelebt. Der Flugzeugabsturz ist nun länger als ein Jahrzehnt her, aber er prägt und beschäftigt die 36-Jährige bis heute, so sehr, dass sie als Thema ihrer Doktorarbeit in Psychologie den Umgang der Gesellschaft mit verunfallten Menschen gewählt hat. Sie hat dafür mit Überlebenden des "Costa Concordia"-Unglücks Interviews geführt, aber am Ende, das weiß sie, geht es bei diesem Projekt auch um sie und wie es ihr in den Jahren nach dem Absturz ergangen ist.

Damals, sagt sie, als sie im Krankenhaus lag, habe sie gedacht, dass sie das Schlimmste überstanden habe. Doch, wie sie heute wisse: Nie habe sie sich mehr getäuscht.

Die Bilder des Absturzes laufen in Dauerschleife

Überall im Krankenhaus hängen Fernseher, und auf allen laufen, in Dauerschleife, die Bilder des Absturzes. Rothmann-Kehler kann ihren Blick nicht abwenden, und als sie zum Röntgen gefahren wird, parkt sie ein Pfleger direkt vor einem der großen Bildschirme, die die wartenden Patienten unterhalten sollen. Während vor dem Bildschirm eine Frau liegt, die den Absturz überlebt hat, wird auf dem Bildschirm immer wieder aus unterschiedlichsten Blickwinkeln das brennende Flugzeug gezeigt.

"Das war absurd", sagt Rothmann-Kehler. "Ich habe mich gefragt, wo das Mitgefühl des Pflegers war. Ob der sich gar keine Gedanken gemacht hat, was das für mich bedeutet."

Sie ist kaum verletzt, hat bloß einen Schnitt auf der Stirn und ein blau zugeschwollenes Auge, aber sie wünscht sich, dass da mehr wäre, dass man auch von außen sehen könnte, was mit ihr passiert ist. So verbringt sie die Stunden im Krankenhausbett, ihren Bruder und ihren Freund neben sich, auf dem Fernseher laufen die Bilder des Absturzes. Sie versucht, ihn abzuschalten, aber es gelingt ihr nicht. Bald kann sie nicht mehr vor die Tür, denn dort warten die Kameras, und sie möchte zwar mit jemandem reden, mit irgendjemandem, weiß aber nicht, ob das eine gute Idee ist.

Am nächsten Tag wird sie wieder zum Flughafen gebracht. Die Polizisten haben alles, was sie im Flugzeug finden konnten, zu einem großen Haufen aufgeschüttet, und Rothmann-Kehler soll rausnehmen, was ihr gehört. Sie wird zu einer Halle gebracht. Die Luft im Flughafen ist warm und feucht, und sie riecht süßlich und übel. Als Rothmann-Kehler die Halle betritt, weiß sie, warum - überall auf dem Boden liegen die Verstorbenen des Absturzes, Dutzende Leichen in weißen Säcken.

Der Berg aus Gegenständen liegt am anderen Ende der Halle auf einem Podest, und so muss Rothmann-Kehler den großen Raum vollständig durchqueren, hinter sich die Leichen und die weinenden Familienmitglieder, vor sich ein Polizist, der ihr eine Kamera ins Gesicht hält und filmt. Die Polizei möchte sicherstellen, dass jeder nur das aus dem Haufen nimmt, was ihm auch gehört.

Am Podest angekommen, dreht Rothmann-Kehler sich um. Unter sich sieht sie all die Menschen, die anstatt ihrer, so denkt sie, gestorben sind. Ihr wird schwindlig.

"Überleben sieht man oft als etwas Punktuelles", sagt sie. "Aber das stimmt nicht. Überleben ist ein langer Prozess." Im Krankenhaus und in der Leichenhalle merkt sie zum ersten Mal, was das bedeutet.

Im Haufen findet sie nichts von ihr

Der Haufen besteht aus Schuhen, Brillen, angebrannten Büchern, Zeitschriften, Kopfhörern, Koffern, T-Shirts, Kissen - gewöhnlichen Dingen, die jetzt Erinnerungsstücke geworden sind, zum Letzten, was übrig geblieben ist von Menschen, die nicht mehr leben. Rothmann-Kehler findet nichts, was ihr gehört, und lässt sich zurück ins Krankenhaus bringen.

Die Bruchlandung des One-Two-Go-Airlines-Flugs OG 269 hat verschiedene Ursachen, zu den wichtigeren zählen, neben dem furchterregenden Wetter, auch Fehler des Piloten. Es waren also menschliche Fehler, die zum Unglück geführt haben.

"Ich hatte eher Mitleid mit den Menschen, vor allem mit der Familie des Piloten", sagt Rothmann-Kehler. "Die hatten nicht nur ihren Ehemann und Vater und Sohn verloren, sondern mussten auch damit klarkommen, dass ihn gefühlt die ganze Welt hasste."

Vor allem eine Frage beschäftigt Rothmann-Kehler nach dem Absturz: Warum hat sie überlebt? Und warum nicht einer der 89 Toten, etwa das Kind in der Reihe vor ihr?

Eine Zeit lang versucht sie, eine Antwort auf diese Frage zu finden. War ihr Sitzplatz in diesem Flugzeugtyp besonders gut? Hat sie sich aus Instinkt genau richtig verhalten? Sie durchsucht das Internet, liest sich durch Foren und Berichte von Abstürzen. Doch sie findet keine rationale Antwort. Und manchmal, wenn der Schmerz zu groß ist, wünscht sie sich, dass sie beim Aufprall gestorben wäre.

Ihre Sehnsucht, wieder daheim zu sein, ist größer als ihre Angst, wieder zu fliegen, und so versucht Rothmann-Kehler schon einen Tag nach dem Absturz, nach Hause zu kommen. Doch ihr Geld ist verbrannt, ihre EC-Karte auch, und den Mitarbeiter, den das deutsche Konsulat geschickt hat, empfindet sie als wenig hilfreich - er rät zu warten, bis der Flughafen in Phuket wieder frei ist. Doch sie möchte so schnell wie möglich nach Deutschland. Ihren Pass hat sie noch, ihr Bruder trug ihn in der Hosentasche.

"Frische Unterwäsche wäre schön"

Doch außer dem Pass hat sie nichts mehr, auch keine Kleidung, und als eine TV-Reporterin fragt, ob sie etwas für sie tun könne, bittet Rothmann-Kehler sie, ihr Unterwäsche zu besorgen. "Sie hat es nicht getan", sagt sie. "Das verstehe ich bis heute nicht. Es ist doch fürchterlich, jemandem, der in einer Situation war wie ich, etwas zu versprechen. Und es dann nicht zu erfüllen."

Schließlich findet sich ein Reiseveranstalter, der sich bereit erklärt, Rothmann-Kehler, ihrem Bruder und ihrem Freund Plätze in einem Flugzeug zurück nach Deutschland zu besorgen. Als Gegenleistung sollen sie beim Flug einen Pullover mit der Aufschrift des Unternehmens tragen.

Ähnlich macht es eine Restaurantkette: Sie lassen den Überlebenden Burger bringen und machen dafür, ohne zu fragen, Fotos für Werbung mit ihren Gesichtern.

Rothmann-Kehler möchte nur nach Hause, und so stimmt sie dem Vorschlag des Reiseveranstalters zu. Am nächsten Tag schleusen sie Krankenhausmitarbeiter an den Kameras vorbei durch die Küche und den Hinterausgang zu einem Minibus, der sie von Phuket nach Bangkok bringen soll.

Die Mönche wollen den Bus sehen

Die Fahrt dauert zwölf Stunden, an einer Tankstelle wird der Bus von Mönchen angehalten. Mönche dürfen in Thailand fast alles, und jetzt wollen sie sich den Bus angucken. Während sich die Mönche den Bus angucken und drinnen ein kleines Nickerchen halten, stehen die drei Überlebenden eines Flugzeugsabsturzes von vor nicht mal 48 Stunden draußen im Regen. Sie tragen immer noch ihre Schlafanzüge.

"Natürlich kann man das auch lustig finden", sagt Rothmann-Kehler. "Aber ich hatte eher das Gefühl, dass sich die ganze Welt gegen mich verschworen hat."

Nach einer Dreiviertelstunde haben die Mönche genug vom Bus. Sie können weiterreisen, und am nächsten Tag kommen Rothmann-Kehler, ihr Bruder und ihr Freund am Flughafen von Bangkok an. Als Mitarbeiter des Reiseveranstalters, der ihren Flug sponsert, ihre Verfassung (weiße Gesichter, blaue Augen, Wunden, dreckige Schlafanzüge) sehen, entscheiden sie sich, dass es doch besser sei, wenn sie keinen Pullover mit der Aufschrift des Unternehmens tragen. So steigen sie ohne Pullover in ein Flugzeug nach Deutschland. Vorher hat Rothmann-Kehler befürchtet, dass sie im Flugzeug die Angst packen wird. Doch nichts passiert. Bald ist sie wieder zu Hause.

Das Schlimmste für sie, sagt Claudia Rothmann-Kehler, sei gewesen, dass sich ihre Welt vollkommen verändert habe. Doch die der anderen Menschen nicht.

Als Rothmann-Kehler, ihr Bruder und ihr Freund nach ihrer Landung in Düsseldorf mit dem Zug zurück nach München fahren, fragt sie ein Schaffner, wann sie den Zug denn endlich verlassen würden. Er könne den Geruch des verkohlten Gepäcks, das ihr Bruder und ihr Freund aus Thailand mitgebracht haben, nicht mehr ertragen.

"Was sollst du dazu sagen?", sagt Rothmann-Kehler. "Du hast gerade einen Flugzeugabsturz überlebt, kommst zurück in die Heimat, und dann kann ein Schaffner den Geruch deines Gepäcks nicht ertragen."

Zu Hause angekommen, legt sie sich ins Bett und schläft, wochenlang fast 24 Stunden am Tag. Sie ist so unendlich müde. Irgendwann geht es ihr besser, sie versucht, ihr altes Leben wieder aufzugreifen, weiterzustudieren, weiterzuarbeiten. Es fällt ihr schwer.

An einem Tag bleibt sie liegen, sagt sich, sie könnte sowieso tot sein, da habe sie sich das Liegenbleiben doch verdient. Am nächsten Tag zwingt sie sich aufzustehen, sagt sich, dass sie nicht umsonst noch am Leben sei und irgendetwas daraus machen müsse.

Ihr Bruder fliegt nach zwei Wochen zurück

Nach einigen Wochen beginnen die Probleme mit Freunden, mit Bekannten. Was sollen denn die anderen sagen?, sagen sie zu Rothmann-Kehler, du hast doch Glück gehabt, dir geht es gut. Und: Wer vom Pferd fällt, der solle am besten direkt wieder aufsteigen.

Rothmann-Kehlers Bruder ist schon zwei Wochen nach dem Absturz zurückgeflogen nach Thailand, wo er arbeitet. Jedes Mal, wenn sie nach ihm gefragt wird, hat sie das Gefühl, dass die Leute ihr sagen: Siehst du, der hat es doch auch geschafft. Stell dich nicht so an. "Ich habe mich da immer in eine schwache Rolle gedrängt gefühlt", sagt Rothmann-Kehler. "Aber ich finde es stärker, wenn man sich dem stellt."

Und das tut Rothmann-Kehler. Sie durchsucht das Internet nach neuen Informationen, schaut Fotos und Videos. Ein Video - das eines Mannes, der seine Flucht aus dem brennenden Flugzeug mit dem Handy aufgenommen hat – schaut sie Hunderte Mal.

Der Absturz ist zum prägenden Ereignis ihres Lebens geworden, aber sie fühlt sich, als würde das niemand merken, und so möchte sie es jedem erzählen. Eine Zeit lang bucht sie, wann immer es geht, eine Mitfahrgelegenheit, das Erste, was sie ihren Mitfahrern, fremden Menschen, sagt, ist, dass sie einen Flugzeugabsturz überlebt hat.

Einige erzählen, sie seien auch schon mal geflogen

"Da habe ich mich selbst therapiert", sagt sie. Und sie beginnt, die Menschen anhand ihrer Reaktion auf ihre Geschichte in gut und schlecht einzuteilen. Gut sind sie, wenn sie nachfragen, keine Angst haben. Schlecht sind sie, wenn sie sagen, dass sie auch schon mal in Thailand waren oder dass sie auch schon mal geflogen sind, wenn sie also eine Verbindung herstellen wollen.

Nein, denkt sich Rothmann-Kehler dann: Mein Ereignis ist nicht eures, es ist nur meins, meins, meins.

Sie sucht sich jetzt aus jeder Situation einen Ausweg, weil ihr der Absturz bewusst gemacht hat, wie unkontrollierbar alles ist. Ist sie in geschlossenen Räumen, schaut sie zunächst nach den Ausgängen. Geht sie über die Straße, überlegt sie, wo sie hinspringen kann, wenn plötzlich ein Auto kommt. Steht sie auf einer Brücke, überlegt sie, an welches Ufer sie schwimmt, wenn die Brücke unter ihr zusammenbricht.

"Dieser Zustand macht dich krank", sagt sie. "Das erledigt dich auch körperlich vollkommen."

Und dann sind da noch die Mitmenschen, die sie, so denkt sie, nicht verstehen. Einige Monate nach dem Absturz geht sie zur Bank. Sie hatte einen Roller, und diesen Roller hatte sie gegen Explosionen und sonstige Unglücke versichert.

Wenn sie fliegt, passiert: nichts

Der Schlüssel des Rollers sei bei einem Flugzeugabsturz verbrannt, sagt Rothmann-Kehler zu einem Bankangestellten, ob die Versicherung trotzdem greife?

Uh, antwortet der Bankangestellte, das werde schwierig, da müsse er nachhören. Dann geht er zum Telefonieren in den hinteren Teil der Bank.

Nein, sagt er schließlich, als er zurückkommt. Es tue ihm sehr leid. Aber die Versicherung gelte nur für den Roller, nicht für den Schlüssel.

Das alles hat dazu beigetragen, dass Rothmann-Kehler, wie sie sagt, lieber den Absturz noch mal erleben würde als die Jahre danach.

Inzwischen ist der Absturz in ihrem Alltag nach hinten gedrängt worden, im vergangenen Jahr hat sie zum ersten Mal den Jahrestag vergessen. Und sie fliegt häufig, zuletzt zum Beispiel von München nach Stockholm. Als der Flieger kurz vor Stockholm war, verkündete der Pilot in einer Durchsage, dass sie wegen schlechten Wetters umdrehen müssten. Jetzt, dachte Claudia Rothmann-Kehler, müsste die Angst wiederkommen, ihr den Magen verdrehen und die Kehle zuschnüren. Doch da kam nichts, und nach zwei Stunden landete der Flieger sicher in München.

Dieser Artikel stammt aus dem stern #38