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Bergsteiger-Drama: "Im nächsten Moment war er weg. Einfach weg"

Vor zwei Wochen wurden die Bergsteiger Simon Kehrer und Walter Nones am Nanga Parbat gerettet. Im stern erzählen sie vom Tod ihres Freundes Karl Unterkircher und dem Drama im ewigen Eis.

Von Martin Knobbe und Daniela Horvath

Herr Kehrer, Ihre Daumenspitze ist ja ganz schwarz.

Kehrer: Ein wenig erfroren.

Nur der Daumen?

Kehrer: Alle Finger. Ich merke es beim SMS-Schreiben: Sie fühlen sich taub an.

Ist das passiert, als Sie Ihren verunglückten Freund Karl Unterkircher aus dem Eis graben wollten?

Kehrer: Kann sein. Als ich mich in die Gletscherspalte abgeseilt hatte, in die er gestürzt war, habe ich mit den Händen wie ein Verrückter nach ihm gebuddelt.

Ihr Kletterpartner war tot, Sie mussten ihn zurücklassen. Was ging in Ihnen vor?

Nones: Wir wussten, dass wir uns retten mussten, und gleichzeitig haben wir halb halluziniert. Wir hörten manchmal Hubschraubergeräusche, obwohl da gar keine waren. Wir hofften, mithilfe des Hubschraubers könnten wir Karl bergen.

Zu dritt sind Sie zu einer Expedition auf den Nanga Parbat aufgebrochen. Die Engländer nennen ihn "killer mountain", die Deutschen ihren "Schicksalsberg". 64 Menschen sind vor Unterkircher hier gestorben. Warum musste es ausgerechnet dieser Berg sein?


Nones: Eigentlich wollten wir auf den Genyen zwischen China und Tibet. Wir wollten eine neue Route ausprobieren. Aber diesmal gab uns China wegen der Lage in Tibet keine Erlaubnis. Also wurde es der Nanga Parbat. Den Aufstieg über die Rakhiot-Wand hatte noch keiner gewagt.

Warum ist es so wichtig, der Erste zu sein?

Kehrer: Gucken Sie sich an, wie viele Leute heute auf Achttausender gehen. Das reizt mich nicht. Ich habe keine Lust, eine Wand hochzuklettern, wenn nebendran Horden von Menschen aufsteigen und sich dabei bequem am Geländer festhalten.
Nones: Ausgetretene Pfade sind langweilig. Aber ein Ort, an den noch nie jemand seinen Fuß gesetzt hat, das ist wie ein Sieg.

Geht es Ihnen also um Macht und Eroberung?

Kehrer: Eher um das Gegenteil. Um Demut. Wenn ich im Berg bin, dann gehe ich eine Beziehung mit ihm ein. Ich mache mich klein und respektiere ihn. Ich sage ihm: So, jetzt gehöre ich dir.
Nones: Als ich 2006 mit Karl auf dem K2 war und wir den Gipfel erreichten, war ich voller Dankbarkeit. Der kleine Bub aus dem Trentino hat es geschafft. Die kleine Ameise ist auf dem Rücken des Elefanten gelandet.

Wollten Sie schon als Buben nach oben?

Kehrer: Erst ist da der Baum, dann der Heuschober. Später schicken dich die Eltern Eltern zum Pilzesammeln in die Hochwälder. Schließlich ist es der Berg. Ich bin früher noch vor dem Unterricht hinaufgeklettert. So ist das hier.

Reizte Sie der Mythos, die "unwiderstehliche Anziehungskraft", von der 1895 schon der erste Bergsteiger am Nanga Parbat sprach?

Kehrer: Natürlich beeinflusst dich die Geschichte eines Berges. Wenn Sie aus dem Fenster sehen, liegt da drüben der Heiligkreuzkofel, das ist die schwierigste Kletterroute von Reinhold Messner. Am Nanga Parbat hat er seinen Bruder verloren.
Nones: Ich lese grundsätzlich nichts über Gipfel, die ich in Angriff nehme. Ich will mir selbst einen Eindruck verschaffen.

Als Sie Ihr Basislager auf der Märchenwiese bezogen und den Nanga Parbat vor sich hatten, was haben Sie da gedacht?

Kehrer: Dass es hart wird. Dass man alles geben muss. Wenn du vor dieser 3000-Meter-Wand stehst, dann fühlst du dich klein wie eine Stecknadel. Nones: Die größte Wand in den Ostalpen ist gerade mal halb so hoch.

Sie waren fast fünf Wochen im Basislager auf 3950 Meter Höhe. Warum so lange?

Kehrer: Ich versuche mich immer in den Berg hineinzuleben. Je länger du ihm Zeit gibst, umso mehr öffnet er sich für dich.
Nones: Wir haben uns sehr intensiv vorbereitet, Fotos von der Wand gemacht. Wir haben jeden Felsvorsprung studiert, jeden der Séracs, der riesigen Eistürme.

Mussten Sie sich nicht auch akklimatisieren in der extremen Höhe?

Nones: Die Anpassung des Körpers an dieses Klima war diesmal besonders wichtig. Normalerweise steigt man bei einem Achttausender ein Stück hoch, schlägt das erste Zeltlager auf, steigt wieder ab und ruht ein, zwei Tage aus. Dann geht es wieder hoch, über Camp 1 hinaus, man baut weiter oben Camp 2 auf, dann wieder zurück zu Camp 1, Ruhepause und so weiter. Wir aber wollten vom Basislager aus in einem Durchgang die Rakhiot-Wand hinauf und von dort zum Gipfel und praktisch in direkter Linie wieder hinunter.

Konnte man von unten erkennen, wie gefährlich der Berg ist?

Nones: Ziemlich genau sogar. Wo der nackte Fels herausschaut, muss es extrem steil sein, weil der Schnee nicht liegen bleibt. Auch an Neuschnee-Abschnitten kann man gefährliche Stellen erkennen.
Kehrer: Mich hat überrascht, wie extrem schnell sich der Gletscher bewegt.

Woran sieht man das?

Kehrer: Man hört es. Ein imposantes Donnern. Nones: Wir beobachteten, wo Steinschlag, Schneebretter oder Lawinen abgingen. Die entsprechenden Routen haben wir von vornherein ausgeschlossen.

Einen Tag vor dem Einstieg schrieb Karl Unterkircher in sein Online-Tagebuch: "Wie besessen haftet der Gedanke an dieser Wand . . . Diese verwunschene zerklüftete Eiswand mit den vielen Gletscherspalten . . . Diese trotzige Teufelswand . . . Sie macht mich unschlüssig und skeptisch . . . Das Beste, um sicherzugehen und Unvorhergesehenes zu verhindern, wäre natürlich, von diesem Projekt auszusteigen."

Nones: Ich habe seine Notizen erst nach der Rückkehr gelesen. Uns gegenüber hat er nicht das geringste Anzeichen von Unsicherheit erkennen lassen. Im Gegenteil. Er war es, der uns regelrecht zum Aufbruch in die Wand drängte.
Kehrer: Der Karl war wie immer die treibende Kraft.

War er nicht angespannter als sonst? Jedenfalls schien das seiner Partnerin Silke bei seinem letzten Anruf so.

Nones: Nein! Nichts!
Kehrer: Ich glaube, seit der Ankunft im Basislager hatte jeder von uns Angst. Das ist normal. Wir wussten, dass wir im ersten Teil der Wand einen großen Sérac über uns hatten. Das macht einem Sorge, obwohl man weiß, dass eigentlich nichts passieren kann, weil die Lawinen seitlich an der Eissäule heruntergehen.

Ist man nicht verloren, wenn man mit Angst in die Wand steigt?

Kehrer: Angst ist der beste Schutzmechanismus. Ich bin vor jedem Berg nervös, selbst wenn ich als Bergführer Touristen begleite. Aber wenn du erst mal im Berg drin bist, schwindet die Angst schnell.

Am 14. Juli, einem Sonntag, brachen Sie auf. Was sprach für diesen Tag?

Kehrer: Wir hatten mit dem Wetterdienst in Innsbruck telefoniert. Das Wetter sollte bis Freitag schön bleiben. Wir rechneten mit fünf Tagen für den Aufstieg. Deswegen sind wir zügig los. Wir sind in eineinhalb Stunden auf 4450 Meter geklettert, wo wir zuvor unser Versorgungszelt eingerichtet hatten. Wir luden das Material auf und sind gleich in die Wand.

Was trugen Sie im Rucksack mit sich?

Kehrer: Jeder 1,5 Kilo Essen, Thermosflasche, Pflaster, Verbände, Alufolie, Medizin gegen Höhenkrankheit, Sonnencreme Faktor 50, Steigeisen, Klettergurt, Helm, Karabiner, Kletternagel, Eisschrauben.
Nones: Ein Seil, Liegematte, Decke, Schlafsack, Zelt, Satellitentelefon, Schneemasken, Ski mit Seehundfellen, Pfanne, Kocher, sechs, sieben Gaskartuschen. An die 15 bis 18 Kilo.
Kehrer: Obwohl an Gewicht gespart wird, wo man nur kann. Wir hatten das Überzelt nicht dabei. Jeder hatte nur einen Kletternagel und eine Eisschraube.

Warum sind Sie nachts losgeklettert?

Kehrer: Bei Tag sollte man nie einsteigen, weil der Berg viel zu viel entlädt. Der Schnee schmilzt, da drohen Lawinen.
Nones: Kurz vor Sonnenaufgang ist die Temperatur am niedrigsten, und das Risiko, etwas zu erfrieren, am höchsten. Da ist es am besten, man ist in Bewegung.

Wo bleibt da die Freude am Gebirgspanorama, am Sonnenaufgang über den Gipfeln?

Nones: Niemand von uns genießt die Geburt eines neuen Tages wirklich. Du denkst nur an die nächsten Schritte, die du tun musst. Klar, wir machen Fotos. An den Bildern erfreue ich mich dann zu Hause. Kehrer: Du konzentrierst dich voll auf die Wand. Hält der Pickel? Hält das Steigeisen? Sitzt der Rucksack richtig? Da bleibt kein Platz für andere Gedanken.

Wie lange sind Sie auf der ersten Etappe geklettert?

Kehrer: Wir brauchten an der Wand gut 16 Stunden für knapp 2000 Höhenmeter.

Haben Sie keine Pause gemacht und geschlafen?

Nones: Nur einen Bissen gegessen, etwas getrunken. Kehrer: Ich hatte auf dem Weg eine Quelle entdeckt, die an einem Eiszapfen herunterrann. Dort habe ich zwei Liter in meine Thermoskanne gefüllt. Die haben wir dann in der Wand getrunken.

Zwei Liter für drei Leute in 16 Stunden bei höchster Anstrengung ist nicht gerade viel.

Kehrer: Unsere Körper sind an wenig Wasser gewöhnt. Wenn ich in den Dolomiten zehn Stunden klettern gehe, nehme ich vielleicht einen halben Liter mit.

Was haben Sie gegessen?

Kehrer: Ein, zwei Müsliriegel und vor allem Traubenzucker. Man verbraucht ja wahnsinnig viel Energie.

Braucht der Körper nicht mehr Kalorien?

Kehrer: Dort oben verschwinden Durst und Hungergefühl. In Höhen ab 6500 Metern Metern ernährt man sich vorwiegend von Trockenfrüchten, Schoko-Riegeln, Traubenzucker, Nüssen und Tee. Speck und Brot - das geht dort nicht mehr.

Warum nicht?

Nones: Du spürst deine Leber. Und wenn das Blut im Bauch ist und nicht im Gehirn, bekommst du Kopfweh. Du hast in der Höhe ohnehin ständig Schmerzen im Kopf. Die Zunge ist trocken und rau, weil du wenig Speichel produzierst.

Dann muss man wohl auch nicht sehr oft auf die Toilette?

Kehrer: Du musst dich regelrecht zum Pinkeln zwingen, meist vor dem Schlafengehen und am Morgen.
Nones: Dein Verdauungsapparat stellt auf Zeitlupe um. Große Geschäfte erledigst du vielleicht alle drei Tage mal.

Hatten Sie schon das Ende der Wand erreicht, als der Unfall passierte?

Kehrer: Ja, es gab noch zwei schwierige Stellen, die wir mit Seil gegangen sind. Jeweils einer von uns ist ohne Rucksack vorangeklettert und hat gesichert. Dann mussten wir einen großen Sérac umgehen, noch etwa zweihundert Höhenmeter schaffen. Es war gegen 16 Uhr und ziemlich warm. Der Schnee wurde matschig.

Ist Karl Unterkircher als Expeditionsleiter immer vorausgegangen?

Nones: Das wäre viel zu anstrengend. Wir haben uns abgewechselt. Mal ging Simon für zwei Minuten voran, mal Karl, mal ich. Wichtig war, in Sichtweite zu bleiben, nicht mehr als 20 bis 50 Meter voraus. Damit du den Gesichtsausdruck des anderen erkennen kannst. Daran merkst du mehr als an Worten, wenn einer Probleme hat.
Kehrer: "Ich geh voraus", habe ich zu den beiden gesagt, "ihr holt mich ja sowieso schnell ein bei dem Schnee." Wir sind dort bis zu den Knien eingesunken. Dann kam eine Kante, ich bin drüber und habe die anderen nicht mehr richtig gesehen. Der Karl rief von unten hoch: "Wie geht’s da oben?" Und ich: "Ganz gut." Er wollte dann rechts von mir aufsteigen, um zu erkunden, ob dort ein geeigneter Lagerplatz war. Doch der Schnee war an dieser Stelle so stahlhart gefroren, dass die Steigeisen kaum griffen. "Ich komme jetzt hoch", höre ich ihn noch rufen. Und ich: "Karl, pass auf!" Ich ahnte, dass an der Querpassage eine Gletscherspalte sein könnte.

Woran erkennt man das?

Kehrer: An den Schneeverwehungen. Wenn man dann mit dem Fuß ein bisschen dagegentritt oder darauf herumstapft, öffnet sie sich. Karl fing auch gleich an zu stapfen, fünf Meter unter mir. Hin und her. Ich habe kurz vorher noch ein Foto von ihm gemacht. Das letzte. Plötzlich war er weg. Einfach weg.

Haben Sie gesehen, wie er gefallen ist?

Kehrer: Nein, da war ich schon über der Kante.

Oder gehört?

Kehrer: Nein, gar nichts. Er stand wohl auf einem riesigen Eisblock, der einfach abgebrochen ist. Dass so ein Monstrum wegbricht, passiert so gut wie nie. Da ist ein Sechser im Lotto wahrscheinlicher.

Wie haben Sie gemerkt, dass Karl nicht mehr da war?

Kehrer: Ich hab gerufen. Keine Antwort. Ich habe geschrien. Nichts. Ich dachte, er macht mal wieder Scherze. Wir waren immer ziemlich albern. Doch dann habe ich die Spalte entdeckt: drei Meter breit, 15 Meter tief. Ich habe seinen Namen hinuntergebrüllt, bis mir die Luft wegblieb.
Nones: Ich war 50 Meter entfernt. Ich habe erst überhaupt nichts begriffen. Dann war klar, dass einer schnell da hinunter muss. Unser langes Seil hing an Karls Rucksack. Ich hatte die Idee, unsere Seilschlaufen, von denen jeder vier dabeihatte, aufzuschneiden und aneinanderzuknoten.
Kehrer: Dann haben wir einen Standplatz gebaut, eine Stufe ins Eis geschlagen und unsere Ski quer hineingelegt wie eine Dachrinne. "Toter Mann" heißt das System, an dem man das Seil befestigen kann. Dann hat mich der Walter abgeseilt. Das ging nur quälend langsam, weil ich jeden einzelnen dieser verdammten Knoten durch den Karabiner quetschen musste.
Nones: Als ich nur noch einen halben Meter Seil zum Halten hatte, rief ich hinunter: "Jetzt ist Schluss!"

Kehrer: ... und genau in dem Moment habe ich am Grund der Spalte Fuß gefasst.

Haben Sie Karl sofort entdeckt?

Kehrer: Nein, alles war von Schnee und Eissplittern bedeckt. Ich habe nach ihm gegraben. Zwischendurch habe ich an der Spaltenwand nach Absturzspuren gesucht, um abzuschätzen, wo er aufgeschlagen sein könnte. Dann habe ich einen weiteren Abgrund unterhalb der Spalte entdeckt, da ging es noch mal 30 Meter tief runter. Ob Karl noch tiefer abgestürzt war? Ich wollte schon aufgeben, doch dann habe ich mit dem Eispickel systematisch weiter im Schnee gestochert. Zwei, drei Meter vor mir spürte ich auf einmal etwas Weiches und habe mit bloßen Händen weitergeschaufelt. Erst kam sein Rucksack zum Vorschein - und darunter lag Karl. Da habe ich wie verzweifelt zuerst sein Gesicht ausgegraben und danach den Oberkörper.

Wie viel Zeit war mittlerweile vergangen?

Kehrer: Vielleicht 30 Minuten? Ich hatte dort unten völlig das Zeitgefühl verloren.
Nones: Ich wusste nicht, was los ist. Ob er ihn gefunden hat, ob er noch lebt. Simon war zu weit weg, um meine Rufe zu hören. Kehrer: Als ich Karls Gesicht gesehen habe, wusste ich, dass da nichts mehr zu machen ist. Er sah irgendwie glücklich aus. So wie ich ihn kannte. Glücklich, ja.

War er tot?

Kehrer: Eigentlich gab es keinen Zweifel. Bei Überlebenden in Lawinen findet man immer eine Lufthöhle vom Atmen im Schnee. Und die fehlte bei Karl. Ich habe auch keinen Puls mehr gespürt. Aber natürlich ist die Hoffnung noch da. Du schreist. Du brüllst ihn an. "Lass uns nicht im Stich! Komm mit hoch!"

In welcher Sprache haben Sie geschrien?

Kehrer: Ladinisch. Zu dritt haben wir Italienisch geredet, aber Karl und ich sprachen Ladinisch, unsere Heimatsprache.

Wann haben Sie aufgegeben?

Kehrer: Ganz plötzlich war ich wieder klar. Mein erster Gedanke: Du musst die lebenswichtigen Dinge bergen, das Seil, das Satellitentelefon. Also habe ich Karl mit einem Messer den Rucksack von den Schultern geschnitten. Dann versuchte ich, seinen Körper zu befreien. Aber der war so im Schnee verkeilt, das war unmöglich.

Haben Sie sich in dem Moment schuldig gefühlt?

Kehrer: Ich habe gedacht: Hätten wir doch zwei Seile mitgenommen. Dann wäre ich schneller bei ihm gewesen, dann hätte ich vielleicht noch was tun können. Wir hatten das vorher diskutiert, aber waren uns dann einig: zu viel Gewicht.

Herr Nones, plagen Sie Schuldgefühle?

Nones: Dass meine zwei kleinen Söhne ihren Vater umarmen konnten und Karls Kinder nicht, das ist sehr bitter. Aber es ist Teil des Schicksals, auf das wir Menschen keinen Einfluss haben. Das hat Karl ja in seinem Tagebuch geschrieben: "Wir sind geboren, und eines Tages werden wir sterben. Dazwischen liegt das Leben. Wir sind in Gottes Hand, wenn er ruft, dann müssen wir gehen." Wir waren gut trainiert, hatten alles sorgfältig geplant. Deshalb will ich mir keine Schuldgefühle einreden lassen. Der Tote hätte auch ich sein können.

Herr Kehrer, Sie haben mit sechs Jahren Ihren Vater verloren, als er in eine Lawine geriet. Vor sieben Jahren kam einer Ihrer besten Freunde bei einem Skiunglück um. Am Wochenende starben am K2 elf Bergsteiger. Sagt man nicht irgendwann, es reicht, ich höre auf?

Kehrer: Natürlich kommen einem solche Gedanken. Aber dann denkt man weiter: Soll ich dann auch das Auto stehen lassen? Nicht mehr aus dem Haus gehen?

Ihr Bergsteigerkollege Hans Kammerlander schätzt, dass jeder zweite Extrembergsteiger seine aktive Zeit nicht überlebt.

Kehrer: Von den legendären Alpinisten, die viel riskiert haben, sind aber auch einige über 90 geworden. Luis Trenker etwa, auch aus dem Grödnertal. Erich Abram. Oder Ricardo Cassin, der wird bald 100. Und Reinhold Messner und Hans Kammerlander leben ja auch noch. Wichtig ist, dass du deine ersten fünf Jahre am Berg überlebst, deine Sturm-und-Drang-Jahre.

Ist die Todesnähe für Extrembergsteiger ein sinnschaffendes Moment ersten Ranges", wie Ihr Kollege Ulrich Aufmuth sagte?


Nones: Ich denke schon. Deshalb musst du den Tod eines Freundes auch annehmen. Wenn es eine Lektion des Nanga Parbat für mich gab, dann die, durchzuhalten, jedem Hindernis auf angemessene Weise zu begegnen, anstatt aufzugeben.

War Ihnen nach dem Unfall sofort klar, wie Sie die Expedition zu Ende bringen wollten?

Nones: Zunächst hatten wir nur einen Gedanken: Wie schaffen wir es, Karls Leichnam zu seiner Familie nach Hause zu bringen? Wir sind deshalb noch einen Tag bei der Unfallstelle geblieben und haben seinen Rucksack direkt neben der Gletscherspalte aufgestellt - in der Hoffnung, ein Hubschrauber würde ihn entdecken.

Wie war die erste Nacht ohne Karl?

Nones: Wir haben sehr ernste Gespräche geführt und darauf geachtet, dass der andere nicht in seiner Trauer versinkt. Dann, mitten in der Nacht, schien es uns beiden, als pfiffe draußen jemand. Als schleiche da jemand ums Zelt. Wir sind gleich hinausgestürzt, aber da war nichts. Das waren unsere überreizten Nerven.
Kehrer: Am nächsten Tag sind wir noch mal in die Spalte, um Karl Auf Wiedersehen zu sagen. Wir wollten wiederkommen, um seinen Körper zu bergen. Wir haben auch versucht, Hilfe zu rufen. Das ist uns aber erst am nächsten Morgen gelungen.

Wie schafften Sie es weiterzugehen?

Kehrer: Wir Bergsteiger erleben sehr oft, dass man an eine Stelle kommt, wo es nicht mehr weitergeht. Dann sagen wir uns: Reiß dich zusammen, verdammt noch mal! Das hast du einfach drin. Es ist eine Art Schutzprogramm, das sich zuschaltet. Nones: Wir mussten weiter. Unser Lagerplatz drohte, unter eine Lawine aus Matschschnee zu geraten. Durch die Wand zurückzuklettern ging nicht - das wäre viel zu gefährlich gewesen.
Kehrer: Wir haben am Tag vorher ein Foto vom Hang gemacht und eine Linie ausgesucht, die von der ursprünglichen Route abwich. Wir sind auf 6800 Höhenmeter aufgestiegen. Dann mussten wir das Zelt aufstellen, weil ein Unwetter kam.

Konnten Sie schlafen?

Nones: Das ging schon. Nachts ist der Puls ruhiger, vielleicht noch 100 Schläge in der Minute. Wie immer haben wir im Zelt die nächste Etappe durchgespielt. Nur war Karl nicht mehr dabei mit seinen Witzen. Er hat abends immer nach einem Gutenachtkuss verlangt ...
Kehrer: ... und einer von uns beiden hat ihm immer einen Schmatzer verpasst. Nones: Jeder hatte seine Rolle im Team. Karl war der Mann für die Witze. Simon war der Mann am Gaskocher, unser Trinkwasserexperte. Ich kümmerte mich um den Zeltaufbau und brachte den Schnee, den Simon dann im Topf schmolz.

Das Wetter hat Ihnen dann übel mitgespielt.

Kehrer: Wir hatten starke Graupelschauer. Nachts hatte die dicke Schicht von Eiskörnern fast das Zelt erdrückt.

An manchem Tag schafften Sie dann nur noch 150 Höhenmeter, warum?

Nones: In fast 7000 Meter Höhe wirst du langsamer, deine Sprache, deine Bewegung. Manchmal steckten wir hüfthoch im Schnee. Wir versuchten, mit Skiern aufzusteigen. Am Nachmittag, es war der 18. Juli, hörten wir dann einen Hubschrauber.
Kehrer: Ich habe gleich zu Walter gesagt, die haben den Hubschrauber der "Aiut Alpin Dolomites", unserer Bergrettung, geschickt. Da war der Karl doch Präsident. Ich habe mir sofort den Gurt umgeschnallt.

Weil Sie hofften, endlich gerettet zu werden?

Kehrer: Nein, weil ich dachte, dass wir den Karl endlich aus der Spalte holen können.

Warum war Ihnen das so wichtig? Lag er nicht da, wo er am liebsten war - in unberührter Bergwelt?

Nones: Ich dachte vor allem an Karls Eltern. Die hatten schon einen Sohn verloren, bei einem Autounfall. Für sie wäre es wichtig, dass sie ihrem Kind wenigstens auf dem Friedhof nahe sein können. Ein Grab ohne Sarg - das tut weh.

Ein Rettungshubschrauber warf am nächsten Morgen Proviant und ein neues Telefon ab.

Kehrer: Beim ersten Anlauf landete die Tasche 2000 Meter unter uns, in einer Schlucht. Zehn Minuten später kam der nächste Heli und schmiss eine neue Tasche ab - 100 Meter unter uns.
Nones: Genau diese 100 verdammten Meter, für die wir den ganzen Tag gebraucht hatten. Kehrer: Als ich die Tasche holte, war ich drauf und dran, vor Verzweiflung loszuheulen.

Trotzdem sind Sie am selben Tag noch auf 7000 Meter gestiegen.

Kehrer: Die Wolkendecke war knapp unter uns: Wir sahen den Gipfel und den Hochgrat des Nanga Parbat. Gigantisch!
Nones: Danach wieder dichter Nebel, Sturm, Schneeverwehungen. Ohne unsere Schutzmasken wären wir keinen Schritt vorangekommen. Kehrer: Abends fanden wir nur einen schmalen Spalt für das Zelt. Zwei Stunden lang versuchten wir, mehr Platz aus dem Eis zu schlagen. Irgendwann habe ich die Skier als "Terrassenerweiterung" benutzt.

Sie übernachteten praktisch auf Skiern über dem Abgrund?

Kehrer: Unter meinem Po ging es 2000 Meter runter. Gott sei Dank habe ich mich in jener Nacht nicht so viel bewegt wie sonst.

Schließlich sind Sie auf der Route des Nanga-Parbat-Erstbesteigers Hermann Buhl auf Skiern abgefahren.

Nones: Erst hat sich unsere Abfahrt durch Nebel und Schnee immer wieder verzögert. Am Ende war unser Zelt klatschnass und total zerfleddert. In der letzten Nacht haben wir erbärmlich gefroren. Am nächsten Tag ging es dann schnell auf 5200 Meter hinunter. Dort holte uns der Hubschrauber ab.

Herr Nones, Karl Unterkircher hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Auch Sie haben eine Frau und zwei kleine Söhne. Denken Sie nach Karls Tod anders über das Extrembergsteigen?

Nones: Ich bin Bergführer, ich bilde Polizisten für den Einsatz im Gebirge aus und bin passionierter Alpinist. Als Manuela, meine Frau, sich mit mir einließ, wusste sie, dass das Bergsteigen gefährlicher ist als ein Bürojob. Sie weiß, dass ich diese Aufstiege brauche, sonst wäre ich nicht ich.

Ist es wie eine Sucht?

Nones: Nein, es ist mehr: mein Leben. Ich weiß aber schon, dass ich mich nicht dauernd den Bergen widmen kann, sondern auch für meine Familie da sein muss.

Herr Kehrer, wenn Sie mit Ihrer Freundin Marta mal Kinder haben sollten, werden Sie weiter auf Tour gehen?

Kehrer: Ich bin eigentlich ziemlich vorsichtig, war schon immer ein Schisser. Klar werde ich in Zukunft noch vorsichtiger sein. Aber abgewöhnen wird mir das Bergsteigen niemand.

Und wenn Ihre Freundin mal Nein sagt?

Kehrer: Das wird sie nicht. Sie ist selber begeisterte Alpinistin. Eher wird sie sagen: "Diesmal komme ich mit."

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