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Himalaya: Das vergessene Drama am Nanga Parbat

Seit sieben Tagen ist ein iranischer Bergsteiger am Nanga Parbat verschollen. Während die Welt die Rettung von Simon Kehrer und Walter Nones feiert, schwinden die Chancen für sein Überleben.

Von Steffen Gassel

"Liebe Leser, bitte betet so inbrünstig ihr könnt für unseren Kameraden." So lautet die vorerst letzte Nachricht auf der Webseite der Bergsteiger-Expedition "Iranian Challengers". Zur gleichen Zeit aber auf einer anderen Route als das Team um den verunglückten Karl Unterkircher hatte das iranische Team versucht, den Nanga Parbat zu bezwingen. Anders als die Italiener erreichte die Gruppe am vergangenen Donnerstag den 8125 Meter hohen Gipfel. Doch ein Iraner fehlte: Der 29-jährige Saman Nemati musste den Aufstieg auf den letzten Metern abbrechen. Stunden später verloren seine Kameraden den Kontakt zu ihm.

"Sie haben es geschafft: Heute um vier Uhr nachmittags stand unser Team auf dem Gipfel des schwierigsten Berges der Welt. Wir gratulieren dem iranischen Volk zu diesem großen und ehrenwerten Sieg." Mit dieser Jubel-Botschaft auf seiner Webseite feierte das iranische Team am vergangenen Donnerstag den spektakulären Erfolg: Zum ersten Mal überhaupt ist es Bergsteigern aus dem Iran gelungen, den Nanga Parbat zu bezwingen. Die Gruppe unter Führung der erfahrenen Leyla Esfendiari will mit der Aktion ein Zeichen setzen gegen die wachsende Umweltverschmutzung im Iran. Die Teheraner Niederlassung der deutschen Rexroth-Bosch-Gruppe hat die Expedition gesponsort. Doch als das Team wieder im Base Camp ankommt wird klar, dass es auf dem Weg zum Gipfel zur Katastrophe gekommen ist: Ein Iraner ist am Nanga Parbat verschollen.

Das Drama begann in aller Frühe

Begonnen hatte das Drama am vergangenen Donnerstag in aller Frühe: Um 0.30 Uhr pakistanischer Zeit bricht das siebenköpfige Team vom Camp 4 auf 7200 Metern Höhe auf. Seit fünf Tagen sind die Kletterer am Berg. Heute soll die letzte Etappe zum Gipfel gelingen. Die Iraner kommen gut voran, bis 10 Uhr legen sie 600 Höhenmeter zurück. Doch dann ist Saman Nemati, der jüngste der Gruppe, den Strapazen in der immer dünner werdenden Luft nicht mehr gewachsen. Auf 7800 Metern wird er höhenkrank und kann nicht weitergehen. Die Bergführerin fordert ihn auf, in das auf 7200 Metern gelegene Camp 4 zurückzukehren und dort auf das Team zu warten. Zwei Kameraden bieten an, den geschwächten Freund zu begleiten. Doch Saman Nemati weigert sich umzukehren - zu nah ist der Gipfel, das Ziel seiner Träume.

Eine Stunde lang verharrt die Gruppe am Berg und versucht, Nemati umzustimmen. Dann muss eine Entscheidung gefällt werden, denn die Witterung wird immer schlechter. "Am Morgen war das Wetter ok, aber nach und nach wurde der Wind stärker und es begann zu schneien," melden die Extrem-Kletterer ans Basislager im Tal. Schließlich erklärt Nemati, er werde ins Camp 4 zurückkehren, aber allein. Er will die anderen nicht um ihren Triumph bringen. Die Kameraden setzen ihren Aufstieg fort, doch Nemati hält sein Wort nicht. Auf dem Weg zum Gipfel beobachten seine Freunde wie er ihnen langsam hinterhersteigt. Zwischen 16 Uhr und 17 Uhr nachmittags erreicht die Sechsergruppe ohne Nemati den Gipfel und hisst die iranische Flagge. Kurz darauf treten die Iraner den Rückweg an, denn das Schneetreiben wird immer dichter.

Er kletterte hinter dem Team her

Wenig später, auf dem Weg ins Camp 4, sehen die Kameraden Saman Nemati zum letzten Mal. "Als er sah, dass alle auf dem Rückweg waren, begann er parallel zum Rest der Gruppe den Abstieg. Er wirkte traurig, weil er zu langsam gewesen war, um den Gipfel rechtzeitig zu erreichen. Er kletterte 20 Minuten hinter dem Team und es schien, als wolle er Abstand halten und sich eine Schneehöhle bauen, um dort zu übernachten und am nächsten Tag weiterzugehen. Wir wussten, dass schlechtes Wetter kam, es war so gefährlich," berichtet das Team im Weblog.

Mit Einbruch der Nacht wird das Schneetreiben zum Schneesturm. Nur mit knapper Not erreichen Nematis Kameraden zwischen 2 Uhr und 5 Uhr am Freitagmorgen die Zelte im Camp 4. Bis zum Nachmittag harren sie dort aus. Doch Nemati kommt nicht. Bevor sie den Abstieg fortsetzen lassen die Iraner ein GPS-Gerät, Lebensmittel und Zelte für ihren Freund im Camp 4 zurück. "Wir sind an schlechte Nachrichten nicht gewöhnt und hoffen tief in unseren Herzen, bald gute Neuigkeiten von Saman zu bekommen," so endet der Expeditionsbericht der "Iranian Challengers" im Internet.

Kurzfristig kommt Hoffnung auf

Doch gute Nachrichten von Saman Nemati gibt es bis heute nicht. Genau wie im Fall der in Not geratenen Südtiroler behindert schlechtes Wetter tagelang das Rettungsteam der Iraner am Nanga Parbat. Am Montag schließlich kommt kurzzeitig Hoffnung auf: Angeblich sind Licht aus der Taschenlampe des Vermissten und seine Spuren im Schnee gesichtet worden. Ein Rettungsteam aus zwei erfahrenen Trägern und dem Schweizer Arzt und Bergsteiger Bruce Normand bricht aus dem Basislager auf, um nach Nemati zu suchen, muss aber nach wenigen Stunden wegen schlechten Wetters wieder umkehren. Auch der Hubschrauber, der Normand auf 6000 Metern absetzen soll, kann wegen Wind und Schnee nicht starten.

In den folgenden Tagen bleibt die Suche nach dem Verschollenen erfolglos. In einem letzten verzweifelten Appell wenden sich die überlebenden Team-Mitglieder Anfang dieser Woche an den Italiener Maurizio Gallo, der vom Basislager aus die Rettung der Italiener koordiniert. Die Iraner hoffen, die beiden selbst in Not geratenen Bergsteiger könnten auf dem Weg nach unten vielleicht nach Nemati suchen. Doch Gallo weigert sich, dem iranischen Team die Nummer des Satelliten-Telefons zu geben, das Nones und Kehrer bei sich tragen.

Inzwischen ist der Iraner seit über sieben Tagen verschollen und mit jedem weitern schwindet die Hoffnung, dass er noch lebend gerettet werden kann. Tage vor dem tragischen Zwischenfall am Nanga Parbat hatte die iranische Gruppe noch vor Zuversicht gestrotzt: "Obwohl alle anderen Teams den Aufstieg abgebrochen haben und wegen der harten Bedingungen umgekehrt sind, macht unser iranisches Team voller Energie weiter." Es wird immer wahrscheinlicher, dass Saman Nemati diesen Übermut mit dem Leben bezahlt hat.

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