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"Kein Muslim wollte uns abmurksen": Wie ein schwules Paar 24 Flüchtlinge bei sich aufnahm

Seit Juli hat ein homosexuelles Berliner Paar 24 Flüchtlinge bei sich in der Zwei-Zimmer-Wohnung beherbergt. Darunter auch eine irakische Transgender-Person, die in der Notunterkunft misshandelt worden war.

Von Finn Rütten

Der 38-Jährige Dirk Voltz nahm seit Juli 24 Flüchtlinge bei sich auf

Der 38-Jährige Dirk Voltz nahm seit Juli 24 Flüchtlinge bei sich auf

Dirk Voltz und sein Partner haben in ihrer Zwei-Zwimmer-Wohnung in Berlin seit Juli 24 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak beherbergt. Dabei wollte sich das schwule Paar zunächst eigentlich nur für die vielen Asylbewerber in der Hauptstadt engagieren, vor Ort einsetzen, vermitteln helfen. Die Aufnahme in der eigenen Wohnung sei nie ihre Absicht gewesen und zu Beginn hätten sie auch Bedenken wegen ihrer sexuellen Orientierung gehabt. "Aber es hat sich dann so ergeben", sagt Voltz im Gespräch mit dem stern.

Angefangen hat alles im Sommer dieses Jahres. Im Juli besucht Dirk Voltz eine Notunterkunft im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, verteilt Hilfsgüter an die Flüchtlinge. Danach macht er sich am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das durch die Entführung des Flüchtlingsjungen Mohamed traurige Berühmtheit erlangte, ein Bild von der Lage, spricht mit den Helfern. Der 38-Jährige und sein 44-Jähriger Partner beschließen, sich noch stärker zu engagieren. In verschiedenen Facebook-Gruppen, wie "Mohabit hilft", "Place 4 Refugees" und "Mit Herz für Flüchtlinge" tauschen sie sich mit anderen aus und bieten ihre 80-Quadratmeter-Wohnung als Schlafplatz an.

Auch einigen Helfern in den Unterkünften gibt Voltz seine Handynummer, verspricht Hilfe. "Schickt die Leute zu uns, aber sagt ihnen bitte, dass es sich um ein homosexuelles Paar handelt", habe Voltz klargestellt. Schließlich hätten sie auch Bedenken gehabt. Doch das völlig zu Unrecht, wie sich später rausstellt. "Einmal hat jemand gesagt, das möchte ich lieber nicht", so Voltz. Ansonsten hätten sich alle über einen warmen Schlafplatz gefreut.

"Oft hatten wir dann die sogenannten Härtefälle"

Auf seiner Facebook-Seite hatte Voltz über seine Erfahrungen berichtet und mit einigen gängigen Vorurteilen aufgeräumt: "Kein Muslim da gewesen, der uns im Schlaf abmurksen wollte. Keiner, der uns beschimpft, weil wir als Männer zu zweit ein Bett teilen. Niemand weit und breit, der die Scharia dem deutschen Grundgesetz vorziehen würde. Keiner da gewesen bislang, der nicht bereut, seine Heimat verlassen zu haben."

Im Gespräch mit dem stern berichtet er nun vom Zusammenleben mit den Flüchtlingen. Es habe hier und da "zaghafte Nachfragen" gegeben, berichtet Voltz. Einer seiner Gäste sei eine Transgender-Person aus dem Irak gewesen, die in einer Notunterkunft misshandelt wurde. Eine Helferin hatte Voltz angerufen und um Hilfe gebeten. Der Gast blieb rund zwei Wochen. "Einer der syrischen Flüchtlinge hat uns daraufhin gefragt, was denn der Unterschied zwischen Transsexuellen und Transgender sei." Er und sein Partner hätten es ihm dann erklärt. Die Besucher hätten sich auch für ihre sexuelle Neigung interessiert, aber niemand hätte ein Problem damit gehabt.

Viele der anderen Flüchtlinge waren nicht so lange bei Voltz, wie die Person aus dem Irak: "Oft hatten wir dann die sogenannten Härtefälle, die nur ein oder zwei Nächte bei uns blieben." Damit meint er Menschen, die spät abends in Berlin ankommen und zu Hunderten in Schlangen vor dem Lageso auf Bearbeitung warten. In einer Nacht hätten vier Menschen bei Voltz und seinem Partner übernachtet. "Plus unsere vier Katzen", sagt er. "Aber das war die Ausnahme, man muss da auch seine Grenzen kennen."

Komplizierte Bürokratie

Der 38-Jährige half den Flüchtlingen bei den Behördengängen, füllte Anträge fürs Jobcenter aus und unterstützte sie im Alltag. "Alle, die bei uns waren, haben wir gut vermittelt bekommen. Ich musste niemanden auf die Straße schicken", berichtet Voltz. Genau darin sieht er eine große Herausforderung. Die Menschen, deren Status geklärt sei, die in Deutschland arbeiten oder studieren dürften, müssten schnellstmöglich in festen Wohnsitzen untergebracht werden.

Problematisch sieht er auch die behördliche Situation. Bei einigen Formularen, die Flüchtlinge ausfüllen müssten, hätte selbst er Probleme gehabt. "Und ich habe ein akademischen Abschluss", so Voltz. Manche seiner Gäste hätten sich bei der Krankenkasse anmelden wollen, und dort habe man von ihnen eine Bescheinigung vom Jobcenter verlangt. Beim Jobcenter habe man dann darauf verwiesen, dass die Krankenkasse zunächst eine Sozialversicherungsnummer beantragen müsse. "Die größten Herausforderungen sind die bürokratischen Hürden", resümiert Voltz.

Geschichte ging um die Welt

Die Geschichte von Voltz und seinem Partner ging in den vergangenen Tagen um die Welt. Medien aus Polen, Lettland, Dänemark und den USA haben seinen Facebook-Eintrag übersetzt, und so quillt sein Postfach über. Selbst aus Tansania, Südafrika und Mexiko waren Nachrichten dabei. Mehrere hundert hat er insgesamt bekommen. Überrascht war Voltz davon, dass "bis auf ganz wenige Ausnahmen, die allermeisten davon positiv waren".

Das war in der Vergangenheit schon anders. Voltz berichtet davon, dass er und seine ausländischen Begleiter auf offener Straße beschimpft wurden, er beleidigende und bedrohende SMS erhielt. Seine Telefonnummer sei ganz schön rumgekommen und das nicht nur dort, wo Menschen Hilfe suchten, sagt er. "Die kann ich wohl jetzt nicht mehr nutzen."