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"Vendée Globe" Nun ist er allein. Zehn Wochen lang auf den Weltmeeren. Der stern am Start mit Boris Herrmann

Boris Herrmann segelt als erster Deutscher bei der "Vendee Globe" mit
Boris Herrmann segelt als erster Deutscher bei der "Vendee Globe" mit - von der französischen Atlantikküste einmal um die Welt - ganz alleine
© Andreas Lindlahr
Diesen Törn muss man wollen, vor allem aber können. 27 Männer und sechs Frauen sind zur "Vendée Globe" aufgebrochen: die Alleinumsegelung der Welt gilt als das härteste Rennen des Planeten. Erstmals ist ein Deutscher mit dabei. Der stern war beim Start des Hamburgers Boris Herrmann dabei.
Von Andreas Dirks, Les Sables-d'Olonne

Eine Stunde vor Start schiebt sich eine dichte Nebelbank über das Regattagebiet. Wie Geisterschiffe segeln die Yachten langsam durch die graue Suppe. Die Regattaleitung verschiebt den Start viermal. Dann bricht die Sonne plötzlich durch, der Nebel löst sich auf und um 14.20 Uhr fällt der Startschuss. Sechs Kampfflieger der französischen Luftstreitkräfte donnern über die Flotte und ziehen die Trikolore über den Himmel von Les Sables D'Olonne: ein Salut aus Paris zum Auftakt des härtesten Segelrennens der Welt.

Boris Herrmann erwischt einen ausgezeichneten Start, als Fünfter überquert er die Linie. Nach zehn Minuten übernimmt er kurzzeitig sogar die Führung. Der Wind hat aufgefrischt und die Rennyachten brausen mit 20 Knoten hinaus auf den Atlantik. Dort wartet ein großes Tief. Wer sich wohl reintraut? Wie weit? Wer fährt welche Taktik? Es wird den Regattaverlauf maßgeblich prägen.

Die "Vendée Globe" ist das härteste Rennen der Welt: allein und nonstop einmal um den Globus. Gut 70 Tage und Nächte auf einer hochgerüsteten Rennyacht, durch Flaute-Zonen und haushohe Wellen im sturmgepeitschten Südmeer. Der Hamburger Boris Herrmann, 39, ist der erste deutsche, der an der legendären Regatta teilnimmt.

Vier Jahre lang hat Herrmann mit seiner Yacht "Sea Explorer" trainiert, hat zehnmal den Atlantik überquert, einmal mit Greta Thunberg an Bord. Jedes Manöver auf seinem 18 Meter langen Schiff beherrscht er wie im Schlaf, jeden nur denkbaren Zwischenfall hat er durchgespielt, auf See und an Land. Doch weder Herrmann noch irgendjemand sonst hatte damit gerechnet, wie bizarr die letzten Tage vor dem Startschuss verlaufen würden.

Das Essen wurde Boris Herrmann gebracht

Vor einer Woche mussten sich alle Skipper, 27 Männer und sechs Frauen, in Quarantäne begeben, jeder für sich, auf Anweisung der Veranstalter. Hermann zog sich mit seinem Hund Lilly in ein kleines Haus am Meer zurück. In Les Sables-d'Olonne im Département Vendée, wo das Rennen startet. Er analysierte die Wettervorhersagen für den Nordatlantik, das Essen wurde ihm gebracht, mit seinem Team sprach er nur noch per Videocall.

Am Tag vor dem Start des Rennens testeten ihn die Veranstalter zum letzten Mal auf Corona, das Ergebnis war negativ, wie bei allen Teilnehmern.

Am Abend dann eine Videokonferenz zum Abschied, mit 150 Freunden und Unterstützern aus aller Welt, auch Prinz Albert von Monaco und Greta Thunberg aus Schweden waren auf dem Bildschirm zu sehen und wünschten Boris Herrmann viel Glück.

Um eine Infektion im letzten Moment zu verhindern, war die Abfahrt der Segler am Sonntagmorgen minutiös organisiert. Jeder Skipper betrat allein das Hafengelände, ging allein an einem Sperrgitter entlang hin, hinter dem Journalisten und Kamerateams ihm ihre Fragen zuriefen, betrat allein den langen Ponton, an dem die 33 Schiffe liegen.

Die Franzosen lieben die "Vendée Globe"

Um 8.33 Uhr steigt Hermann auf sein Boot, wo vier Crew-Mitglieder bereits auf ihn warten, alle mit Gesichtsmaske ausgestattet. Im Abstand von vier Minuten fahren die Yachten durch einen knapp einen Kilometer langen Kanal hinaus auf See. Gut 200.000 Menschen haben bei den vergangenen Starts den Seglern zugejubelt, die "Vendée Globe" ist eine der populärsten Sportveranstaltungen in Frankreich.

Doch am Freitag hat die regionale Regierung eine Ausgangssperre für den Vormittag verhängt, die Uferstreifen sind leer. Nur auf den Balkonen mehrstöckiger Häuser drängen sich die Zuschauer, pfiffige Anwohner haben die Ausblicke kurzerhand zu Höchstpreisen vermietet.

Die Startlinie liegt knapp zwei Kilometer von der Küste entfernt. Von einem Dutzend Presseschiffen und acht Hubschraubern aus wird gefilmt, wie sich die Yachten positionieren.

Ab nun ist er allein, zehn Wochen lang

Die Crew der "Sea Explorer" setzt die Segel. Hermann selber steht reglos auf dem Schiff und beobachtet die Konkurrenten. 15 Minuten vor dem Start steigen drei Crew-Mitglieder auf ein Schlauchboot seines Teams. Acht Minuten vor dem Start geht auch sein englischer Co-Skipper von Bord, steigt ins Schlauchboot und verabschiedet sich. 

Herrmann nimmt die Segel dicht und rauscht auf den Atlantik hinaus. Ab nun ist er allein auf hoher See, zehn Wochen lang.


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