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Brandkatastrophe bei Stuttgart: Türkischer Präsident pocht auf lückenlose Aufklärung

Die Ermittler waren sich rasch einig: Hinter dem verheerenden Feuer von Backnang steckt kein fremdenfeindlicher Anschlag. Doch manche Türken haben Zweifel - und fordern vollständige Aufklärung.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hat eine vollständige Aufklärung der Brandkatastrophe mit acht Toten im schwäbischen Backnang gefordert. "Leider gab es in der Vergangenheit Feuer, Brandstiftungen, Morde an unseren Bürgern. Deswegen prüfen wir alle Eventualitäten", sagte Gül am Montag nach Angaben türkischer Medien. "Jetzt schon etwas zu sagen, wäre nicht richtig", betonte Gül zugleich. Die Türkei werde der Sache auf den Grund gehen. Die Opposition in Ankara schickte zwei Abgesandte nach Backnang, das etwa 30 Kilometer von Stuttgart entfernt ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte bestürzt auf den tödlichen Brand. Die Kanzlerin sei zutiefst erschüttert über die furchtbare Katastrophe, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin. Mit Blick auf skeptische Äußerungen aus der Türkei zur deutschen Ermittlungsarbeit sagte Streiter: "Die Bundeskanzlerin hat keinen Zweifel, dass die zuständigen Stellen nicht ruhen werden, bis die Brandursache aufgeklärt ist."

Probleme mit den Stromleitungen

Kriminaltechniker suchten nach der Ursache für den Brand. Unter anderem prüften sie, ob marode Stromleitungen das Feuer in der Wohnung ausgelöst haben könnten, sagte ein Polizeisprecher. Zuerst war ein Holzofen als möglicher Brandherd genannt worden. Brandstiftung oder ein fremdenfeindlicher Anschlag wurden zunächst ausgeschlossen. Bei dem Feuer waren eine 40-jährige Mutter türkischer Herkunft und sieben ihrer Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren ums Leben gekommen. Drei Familienmitglieder wurden gerettet.

Ein ehemaliger Mieter hatte von Problemen mit den Stromleitungen berichtet. Auch der Holzofen kommt nach Polizeiangaben vom Montag weiter als Brandherd infrage. Die Polizei will in Backnang auch Augenzeugen des Feuers vernehmen. Am frühen Sonntagmorgen hatten auch Privatleute bei der Bekämpfung des Brandes geholfen. Der Betreiber eines benachbarten Lokals hatte drei Mitglieder der Großfamilie aus dem brennenden Haus gerettet.

Die Überlebenden - Mutter, Bruder und der elfjährige Sohn der verstorbenen 40-Jährigen - würden noch in einer Klinik psychologisch behandelt, hieß es. Auch der getrennt von der Familie lebende Vater wird nach dem Verlust seiner früheren Partnerin und von sieben Kindern betreut. Die Leichen der Mutter und der Kinder werden an diesem Montag obduziert. Es wird davon ausgegangen, dass sie im Schlaf von dem Brand überrascht wurden und erstickt sind.

"Verschwörungstheorien keinen Raum bieten"

Die türkische Opposition will sich in Backnang selbst ein Bild machen. Zwei Mitglieder der Republikanischen Volkspartei (CHP) seien am Sonntag abgereist, berichteten türkische Medien. Seine Partei erwarte eine Aufklärung der Umstände, die alle Zweifel ausräumen müsse, sagte der CHP-Auslandskoordinator Ali Kilic demnach.

Der größte islamische Dachverband in Deutschland, Ditib, forderte Ermittlungen in alle Richtungen. Die deutschen Sicherheitsbehörden dürften keine Option vorschnell außer Acht lassen, erklärte die türkisch-islamische Union in Köln. "Man darf Spekulationen und Verschwörungstheorien keinen Raum bieten", sagte auch der Vorsitzende der Religionsgemeinschaft des Islam, Ali Demir.

"Im Hinterkopf der Menschen ist häufig, dass sie in Deutschland Fremden- und Türkenhass ausgesetzt sind", erläuterte Demir. Er erinnerte zudem an die lange Zeit unaufgeklärten Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft. Die Behörden machen jetzt die rechtsextreme Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) für die Morde verantwortlich.

vale/DPA / DPA