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Bundeswehr-Prozess: "Viel Alkohol im Spiel"

Missbrauch, Erniedrigung, Rechtsextremismus – hat die Truppe nur ein Führungsproblem? In Ahlen fällt nun ein Urteil

Die Westfalen-Kaserne

Der Angeklagte, der Hauptfeldwebel Christopher O., war in der Westfalen-Kaserne in der Grundausbildung eingesetzt.

Um Mitternacht warf Hermann V. die Truppe kurzerhand raus. Ein Partygast war abgefüllt bis zum Augenstillstand, die Kameraden johlten an der Bar. Da hatte der Vereinswirt des Sportklubs DJK Vorwärts 19 Ahlen die "Schnauze voll". Später fand er die beiden Buchsbäume, die den Eingang geziert hatten, entwurzelt vor.
Am Montag kommender Woche wird der Wirt die Geschichte jener Nacht vom 23. November 2016 erneut schildern – diesmal vor dem Amtsgericht in Ahlen. V. ist als Zeuge geladen in einem Prozess, dessen Bedeutung plötzlich über die Kleinstadt hinausreicht. Denn die Vorkommnisse reihen sich ein in eine Skandalserie um Mobbing, Nötigung und Misshandlung bei der Bundeswehr. Wegen rechtsradikaler Umtriebe eines Offiziers sowie wegen Entgleisungen an Standorten wie Pfullendorf und Ahlen attestierte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der Truppe Führungsschwäche und ein Haltungsproblem. Das brachte ihr intern die Kritik ein, sie bausche die Vorfälle auf. Die Ermittlungen in Pfullendorf, wo es zu sexistischen und sadistischen Praktiken gekommen sein soll, wurden teilweise eingestellt. In Ahlen wird nun erstmals ein Urteil gesprochen. Und hier zeigt sich die Schwierigkeit der Aufarbeitung: Was ist Ausdruck systematischer Fehlentwicklungen? Und was ist schlicht Alkoholmissbrauch der Generation Komasaufen?

Bundeswehr: Abschlussabend ist aus dem Ruder gelaufen

Angeklagt ist der inzwischen suspendierte Hauptfeldwebel Christopher O., der in der Westfalen-Kaserne in der Grundausbildung eingesetzt war. Der 30-Jährige soll einem Untergebenen in die Genitalien geschlagen, einem anderen Prügel angedroht haben. Zudem wird dem Unteroffizier vorgeworfen, einen 19-Jährigen zum Trinken bis zur Besinnungslosigkeit gezwungen sowie einer Rekrutin gegen ihren Willen über die Wange geleckt zu haben. Dabei habe er gesagt: "Was ich angeleckt habe, ist meins!"
Bereits bei Prozessauftakt vor zwei Wochen wurde deutlich, dass der Abend, der als lockerer Abschluss der dreimonatigen Ausbildung und Abschied von der Kaserne geplant war, völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Nach dem Rauswurf aus der Bar kam es später sogar noch zu einer Schlägerei, bei der die Polizei gerufen werden musste.
Der Angeklagte, ein schlanker Mann in löchrigen Jeans und Turnschuhen, verweigerte die Aussage. Also musste sich die Staatsanwaltschaft auf die Erzählungen der Zeugen stützen, was sich als schwierig erwies. Denn die meisten Beteiligten mochten oder konnten sich mittlerweile an kaum ein Detail erinnern, auch wenn sie Bundeswehr-intern noch genauer ausgesagt hatten.


Wie der Abend verlaufen sei, wollte die Richterin wissen. "Es wurde viel getrunken", sagte der erste Zeuge. "Wodka und Bier" , erklärte der nächste: Er habe einen Filmriss. Wie er den Schlag in die Genitalien wahrgenommen habe? "War kein doller Schlag", so die Antwort. Schmerzen? Wisse er nicht, er sei ja betrunken gewesen: "Da spürt man nicht viel." Es wirkt wie die quälende Parodie einer Verhandlung von TV-Richterin Barbara Salesch.

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Die Zunge des Ausbilders nicht als Übergriff empfunden

Auch der Soldat, der zum Komasaufen animiert worden sein soll, konnte wenig zur Aufklärung beitragen. Allerdings entlastete er den Angeklagten von dem Vorwurf, er sei zum Trinken gezwungen worden. "Ich hatte Lust, mich zu betrinken", gab er an. Und auch die 18-jährige Rekrutin empfand die Zunge des Ausbilders in ihrem Gesicht anscheinend nicht als Übergriff. Sie habe "das in dem Moment nicht als schlimm" wahrgenommen, sagte sie aus. "Es war eine lustige Atmosphäre. Es war viel Alkohol im Spiel."
Ist also von der Leyen auf der falschen Spur? Hat die Truppe weniger ein Führungsals ein Alkoholproblem? Schon früher galt die Bundeswehr als "Saufschule der Nation" . Nichts deutet darauf hin, dass seit dem Ende der Wehrpflicht weniger getrunken wird. Was die Ministerin nun zur Grundsatzfrage macht, wäre vor Jahren noch als Rausch und Randale junger Männer durchgegangen – und das nicht nur bei der Bundeswehr.
Dem angeklagten Soldaten droht dennoch eine Verurteilung. Denn an Vorgesetzte stellt das Wehrstrafgesetz, das hier vorrangig greift, höhere Ansprüche als an Teilnehmer eines Junggesellenabschieds oder an feiernde Fußballfans.