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Live-Test in Amsterdam Konzert unter Corona-Bedingungen? "Schön tanzen und nicht an die anderthalb Meter denken"

Konzert-Zuschauer feiern ausgelassen im Ziggo-Dome von Amsterdam
Feier-Stimmung während eines Konzerts im Ziggo Dome von Amsterdam: Bei einem Test-Konzert waren die Corona-Regeln schnell vergessen.
© Koen van Weel / ANP / AFP
Mit dem Virus leben, muss auch bedeuten: Trotz des Virus' feiern. Bei Test-Events unter Corona-Bedingungen in Amsterdam wurde erprobt, ob und wie das geht. Die Stimmung war bestens, die Besucher:innen vergaßen den Alltag. Ups!

"Zij gelooft in mij"! Lauthals sangen rund 1300 Konzertbesucher im Ziggo Dome von Amsterdam am Sonntagabend den Hit von André Hazes jr. mit. Der 27-jährige Sänger ist ein Star in den Niederlanden und war der Haupt-Act des Abends. Das Publikum hatte darauf offensichtlich lange gewartet. Endlich wieder tanzen, feiern, Bier trinken, den Alltag vergessen! Nur allzu verständlich nach langem Lockdown und sogar nächtlichen Ausgangssperren. Doch wie kommt es in diesen Zeiten zu einem solchen Event? Die Antwort: Im Ziggo Dome sollte getestet werden, ob auch unter Corona-Bedingungen Live-Veranstaltungen vor Publikum sicher durchgeführt werden können.

Eine Reporterin der Zeitung "de Volkskrant" war mittendrin. Ihr ging es wie vielen Menschen dieser Tage. "Eigentlich ist André Hazes nicht so meine Musik", berichtet Irene de Zwaan im Interview, "aber über einen Freund konnte ich ein Ticket bekommen und wollte einfach wieder ein Konzert erleben." Die ansteckende Dynamik, die durch die Begegnung entsteht, die Begeisterung, sich gegenseitig zuzuprosten – "es war sehr schön, dieses Gruppengefühl wieder zu erleben."

Fieldlab: Wie Party machen in Corona-Zeiten?

Aber war es auch Sinn der Sache? Zum Teil schon. Das Konzert am Sonntagabend war zusammen mit einem Dance-Event an gleicher Stelle am Tag zuvor die Fortsetzung einer Reihe von Tests der Initiative Fieldlab-Events, die in den Niederlanden derzeit nach Wegen sucht, Veranstaltungen mit Publikum unter Corona-Bedingungen sicher zu veranstalten. An der Initiative beteiligt sind natürlich die Veranstaltungsbranche, aber auch wissenschaftliche Einrichtungen und das niederländische Gesundheitsministerium. Die Besucher (ein Bruchteil des Fassungsvermögens des Ziggo Domes) mussten unter anderem alle einen negativen Corona-Test vorweisen und wurden mit einem Sensor ausgestattet, um ihre Bewegungen und Kontakte zu verfolgen und festzuhalten.

Und: "Das Publikum wurde in verschiedene "Bubbles" aufgeteilt", berichtet "Volkskrant"-Reporterin de Zwaan. "Ich selbst war in Blase drei, in der man nur eine Maske tragen musste, wenn man "in Bewegung" war." Unklar sei dabei gewesen, ob die Maske nur beim Bierholen oder sogar beim Tanzen getragen werden musste. In anderen Bubbles seien die Maskenregeln strenger gewesen, wogegen beim Dance Event am Tag zuvor Gruppen sogar aufgefordert waren, nach Kräften zu schreien und zu kreischen. Dabei wurde auch untersucht, wie viel Speichel feiernde Menschen beim Singen mit farbigen Flüssigkeiten loswerden.

er Popsänger Tim Bendzko tritt während eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale in der Arena Leipzig auf.

Die Coronakrise einfach vergessen

Doch egal welche Regeln galten und welcher Bubble man angehörte. "Nach ein paar Bieren verblassen die Grenzen sehr schnell", hat "Volkskrant"-Journalistin de Zwaan während des Konzerts beobachtet. "In der Warteschlange vor dem Ziggo Dome hatten alle noch eine Mundmaske an, aber einmal drinnen angekommen kaum noch jemand." Auch sie selbst habe ihre Maske daher meist in der Tasche gelassen. Die Atmosphäre sei entspannt gewesen, sodass kaum noch jemand an Corona gedacht habe. "Die Leute waren begeistert und fingen sogar eine Polonaise an." Spätestens dann sei es nicht mehr möglich gewesen, im Bereich der eigenen Bubble zu bleiben.

Die Musik, die Lichteffekte, natürlich der Alkohol – das gesamte Ereignis führe dazu, dass man die Coronakrise für eine kurze Zeit vergesse. "Es wurde getanzt, laut gesungen, auf und ab gesprungen, umarmt - alle waren in die Musik vertieft, es herrschte eine euphorische Atmosphäre. So gesehen war es ein erfolgreiches Konzert", erinnert sich de Zwaan gern. Die Reporterin resümiert aber auch: "Diese Probekonzert zeigt, dass es schwierig ist, sich an die Regeln zu halten, es liegt nicht wirklich in der Natur der Menschen."

Hoffen, "dass einige Dinge doch möglich sind"

Die Gefahr, dass die Probe- zu Superspreader-Events werden, ist also durchaus da. In einigen Tagen werden die Fieldlab-Forscher wissen, ob das Virus im Ziggo Dome fleißig weiterverbreitet wurde oder nicht. Irene de Zwaan will trotz aller Regel-Verstöße optimistisch sein. Sie hoffe, dass die Ergebnisse gut seien, sagt sie, und dass "einige Dinge doch möglich sind", sollten Ereignisse wie am Wochenende nicht zu einem größeren Ausbruch führen. Vor allem im Sommer, unter freiem Himmel, mit negativen Testzertifikaten als Zugangsvoraussetzung, sollte doch einiges gehen, meint sie. "Das wäre auf jeden Fall sehr schön", sagt die Journalistin, "denn man hat gemerkt, wie sehr die Leute das vermisst haben – schön zu tanzen und eine Weile nicht auf die anderthalb Meter Abstand zu achten."

Auch hierzulande gab es ähnliche Versuche bereits. So trat im vergangenen Sommer Tim Bendzko in Leipzig mehrfach zu Testzwecken vor Publikum auf – allerdings bei deutlich strengeren Regeln als sie nun Fieldlab Events in Amsterdam austestete. Damals ermittelten Wissenschaftler der Uni Halle-Wittenberg, dass in der Publikumszahl beschränkte Live-Events unter Abstands- und Hygiene-Regeln selbst bei einem Inzidenzwert von 50 das Infektionsgeschehen kaum vorantreiben würden. Dabei sei eine leistungsfähige Zu- und Ableitung von Luft im Veranstaltungsraum entscheidend, hieß es. Das Kulturleben konnten die Erkenntnisse vom Oktober vergangenen Jahres allerdings nicht in Gang bringen.

Quellen: "de Volkskrant"; Dutchnews; Fieldlab Evenementen; idw online

dho

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