HOME

Duisburg nach der Loveparade-Tragödie: "Auf einen Schlag ist alles kaputt"

Nun ist das 21. Opfer des Loveparade-Desasters gestorben. Die Menschen vor Ort schämen sich für die Tragödie, sind wütend. Denn eigentlich war Duisburg, die ehemals graue Maus, auf einem guten Weg.

Von Frank Gerstenberg, Duisburg

Niemand hat es eilig in der kleinen Tankstelle an der Koloniestraße, die nur wenige hundert Meter entfernt vom alten Duisburger Güterbahnhof liegt. "Normalerweise sind die Kunden immer sehr ungeduldig, keiner hat Zeit", sagt die Angestellte Claudia Felderhoff. Seit dem frühen Samstagabend ist das anders. "Die Menschen wollen miteinander reden", stellt die 47-Jährige fest. Viele von ihnen wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrem Unverständnis über die Katastrophe von Duisburg. Auch Bierlieferant Detlef Pyther (39) mischt sich ein. Er kennt die Gegend in- und auswendig: "Warum hat man die Leute nicht über die gesperrte A59 oder die B8 auf das Gelände geführt? Das hätte problemlos funktioniert." Ein Stammkunde erkundigt sich bei Claudia Felderhoff, wie es ihr am Samstagabend ergangen sei. "Ich habe mir große Sorgen gemacht", sagt sie.

Duisburger schämen sich für die Stadt

Die alleinerziehende Mutter hatte Spätdienst. Die ersten Loveparade-Besucher kamen um kurz nach 17 Uhr in die Tankstelle. "Die jungen Leute waren völlig verstört. Sie bestellten Wasser und erzählten mit stockender Stimme, was sie erlebt hatten. Weinend und zitternd kauerten sie vor der Tankstelle, nette, junge Leute. So etwas habe ich noch nie gesehen." Claudia Felderhoff schaltete das Radio ein und bekam Angst: Ihre Tochter Saskia, 24, war auch auf der Loveparade. Die Handy-Verbindung war zusammengebrochen. Erst nach drei Stunden meldete sich die Tochter. "Ein Alptraum!"

Eine junge Frau, Ende 20, schwarze kurze Haare, pinkfarbenes T-Shirt, erkundigt sich am Dienstag in der Tankstelle leise, wo es denn bitte zum Gelände der Loveparade gehe. Sie wolle Blumen für eine Freundin niederlegen, die gestorben sei. "Obwohl man selbst ja nichts dafür kann, schämt man sich, Duisburgerin zu sein", sagt Claudia Felderhoff und drückt damit die Stimmung vieler Duisburger aus.

Image der grauen Maus abgelegt

Dabei waren die Menschen an der Ruhr zuletzt so stolz auf ihre Stadt: Der neue Innenhafen, das Einkaufszentrum an der Königsstraße, der Landschaftspark Duisburg-Nord mit den Kletterwänden für Kinder und dem Open-Air-Kino. "Das Leben in Duisburg ist Jahr für Jahr schöner geworden", findet Claudia Felderhoff. Ihre Freundin aus der Schweiz hatte sich die 500.000-Einwohner-Stadt mit dem größten Binnenhafen Europas so vorgestellt wie in den Schimanski-Filmen: dreckig, stinkig, kriminell. "Sie war total überrascht, als sie sah, wie grün es hier ist." Zwar hat Duisburg mit 13,4 Prozent immer noch die höchste Arbeitslosenquote im Ruhrpott, aber auch hier besserte sich die Situation zuletzt.

Duisburg begann, das Image der grauen Maus abzulegen und zog immer mehr Besucher aus dem Umland an. "Der Innenhafen gefällt mir besser als in Düsseldorf", sagt Jürgen Mühlenbeck (66) aus Monheim im Rhein. "Ich fahre immer gerne hierhin." Und wenn es nur auf ein Bier im "Diebels im Hafen" ist.

Sogar international fand Duisburg Beachtung. 2005 stemmte die Stadt die World Games, die Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten. World Games-Präsident Ron Froehlich lobte die Duisburger für eine perfekte Organisation. Damals war Adolf Sauerland (CDU) seit knapp einem Jahr im Amt. "Seit er hier ist, ging es aufwärts. Wir waren alle von Sauerland überzeugt", sagt Wigbart Trost (66), der 40 Jahre Beamter bei der Stadt Duisburg war.

Schande für Duisburg

Und jetzt? "Die Arbeit von Jahrzehnten wurde mit einem Schlag zerstört", sagt Wigbart Trost. Viel schlimmer aber: "Wenn ich an die Familien und Freunde der getöteten Menschen denke, dann ist es nur noch grausam." 21 Menschen sind gestorben, in der Nacht zu Mittwoch noch erlag eine junge Frau ihren Verletzungen. Trost steht zusammen mit seiner Frau Elisabeth (65) und dem befreundeten Ehepaar Johanna (63) und Hans-Jürgen Pape (66) im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße, der zur Loveparade-Bühne führte. Es ist dunkel, Neonlicht leuchtet an den Seitenwänden. Einige Meter entfernt, am Eingang, ein Meer aus Tee- und Grablichtern, Blumen, Stofftieren, Abschiedsbriefen und einem Kranz des Heimatvereins Wannheimer Ort. "Es war immer dunkel hier", sagt Hans-Jürgen Pape.

Als Kind musste er seinem Vater immer die Brote ins Büro bringen, das am Ende des Tunnels lag, etwa genau in Höhe der Stelle, an der am Samstagnachmittag 13 Frauen und acht Männer zu Tode gequetscht wurden. "Ich bin hier nie gerne rein gegangen, es war immer beklemmend, wie kann man hier nur hunderttausende Menschen durchschleusen?" Die vier Duisburger können sich kaum einkriegen vor Wut und Verzweiflung. Auch Johanna Pape hatte am Samstagabend Angst um Angehörige. Ihre beiden Enkel Daniel (15) und Lars (18) waren zur Loveparade gegangen. Um kurz vor 18 Uhr rief sie ihre Tochter Birgit an und fragte, ob die beiden Jungs schon zu Hause seien. Die Tochter erfuhr erst in diesem Moment, dass es bei der Technoparty mindestens zehn Tote gab und schrie vor Angst am Telefon. Um 19.15 Uhr meldete sich Daniel, Lars rief eine Stunde später bei seinen Eltern an. "Als ich erfuhr, dass die beiden zu Hause waren, liefen mir die Tränen runter. Da geht man durch die Hölle", sagt Johanna Pape.

Und wofür? Aus "Größenwahn und Profilierungssucht". Es sei ein "totaler Wahnsinn" gewesen, eine Million Menschen durch diesen Tunnel zu schicken. "Alle Duisburger, die sich ein bisschen auskennen, wussten, dass das nicht gut gehen konnte", sagt Wigbart Trost. Hans-Jürgen Pape: "Im Gegenteil hätte der Tunnel geschlossen werden müssen." Das Gelände sei über die abgesperrten Straßen bequem zu erreichen gewesen. Auch Hilke Wolf aus dem Stadtteil Baerl hatte wie viele andere Duisburger ein "flaues Gefühl. Man hatte die Katastrophe kommen sehen."

"Es ist ein Schande für Duisburg", sagt Elisabeth Trost. Sie glaubt, dass künftig Besucher einen "großen Bogen" um die Stadt machen werden, die vor drei Jahren bereits durch die Mafiamorde im "Da Bruno" in die Schlagzeilen geriet.

Man möchte sich nur verstecken

Jasmin Langholz von der Tankstelle an der Koloniestraße war auch bei der Loveparade, stand allerdings schon um 12 Uhr vor der Bühne und feierte unbeschwert bis 23 Uhr. Von der Katastrophe bekam sie so gut wie nichts mit. Erst als der Hauptakt David Guetta abgesagt und die Veranstaltung abrupt beendet wurde, schwante ihr Schlimmes. Im Nachhinein habe sie ein "beklemmendes Gefühl", dass sie weiter gefeiert habe, während hinter ihr Menschen starben. Der Nachhauseweg führte sie an Lazaretten und Hubschraubern vorbei, die auf der A59 standen. "Wie im Krieg", schluckt Jasmin auch drei Tage später noch.

"Jahrelang" werde Duisburg brauchen, um sich von diesem Schlag zu erholen, glaubt Johanna Pape. "Wenn ich jetzt im Urlaub erzähle, ich komme aus Duisburg, werden die Leute doch die Hände vors Gesicht schlagen", befürchtet die Rentnerin. Dabei habe sich das "hässliche Entlein" gerade zu einem "kleinen Schwan" entwickelt. "Wir waren so glücklich und fröhlich, hier zu leben. Jetzt möchte man wegziehen oder sich nur noch verstecken. Uns tun die Menschen und ihre Angehörigen unendlich leid", sagt die ehemalige Verwaltungsangestellte.

Der Horror nimmt kein Ende

Und der Horror nimmt kein Ende. Am Dienstagmittag kommt eine Stammkundin in die Tankstelle an der Koloniestraße. Die junge Frau, Friseurin, Anfang 20, hat Tränen in den Augen. Soeben hat sie erfahren, dass ihre Freundin und Kollegin in der Nacht gestorben ist. Duisburg-Besucher Jürgen Mühlenbeck bringt die Tragödie auf einen makabren Punkt: "Adolf Sauerland wollte sich ein Denkmal setzen, jetzt hat er eins."