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Erdbeben in Peru: 510 Tote, kein Wasser, kein Strom

Die Lage in den peruanischen Erdbebengebieten ist verheerend: Noch immer liegen Leichen auf den Straßen, es fehlt an Wasser, Strom und Zelten, die Stadt Picsco ist zu 70 Prozent zerstört. Piscos Bürgermeister berichtete im Radio unter Tränen von den Verwüstungen.

Beim schlimmsten Erdbeben seit 27 Jahren in Peru sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 510 Menschen ums Leben gekommen. Da ländliche Ortschaften noch immer von der Außenwelt abgeschnitten sind, befürchten die Organisation und die Feuerwehr des südamerikanischen Landes, dass die Zahl der Opfer noch steigen wird. Feuerwehrsprecher Roberto Ognio erklärte, dass die Chancen, in den Trümmern Überlebende zu finden, rund 24 Stunden nach der Tragödie praktisch gleich Null seien.

Die Zahl der Verletzten wird von den Medien auf 1300 beziffert. Allein im schwer betroffenen Departement Ica, etwa 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Lima, habe die Naturkatastrophe mehr als 80.000 Menschen obdachlos gemacht. Das Beben mit einer Stärke von 8,0 ereignete sich am Mittwochabend (Ortszeit). Die Regierung in Lima ordnete unterdessen eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag an.

Eine Luftbrücke wurde eingerichtet

Die Rettungskräfte haben mittlerweile eine Luftbrücke in die am schwersten betroffenen Gebiete eingerichtet. Da eine wichtige Straßenverbindung in der Küstenprovinz Ica unpassierbar ist, sollten die Verletzten mit Hubschraubern und Flugzeugen in Krankenhäuser in die etwa 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Lima geflogen werden. Die Behörden riefen die Bevölkerung zu Blutspenden auf. Das Rote Kreuz kündigte an, von Panama aus Flugzeuge mit Zelten, Decken und anderen Hilfsmitteln zu schicken.

In der Katastrophenregion um die Städte Pisco und Chincha waren die Krankenhäuser und Leichenhallen überfüllt. Während Rettungskräfte unter den Trümmern weiterhin nach Überlebenden suchten, bewachten unter Schock stehende Anwohner auf den Straßen die Leichen. "Ich weiß nicht, wo ich eine Totenwache für sie halten soll", sagte der zwölfjährige Jose Flores, der in Chincha neben der Leiche seiner Mutter ausharrte. "Die Wände unseres Hauses sind eingestürzt und haben sie erschlagen, während ich draußen war."

Die Rettung eines verschütteten Mannes gibt Hoffnung

In Pisco lagen auf dem Platz neben einer eingestürzten Kirche mindestens 50 Leichen. Die Rettung eines Mannes aus den Ruinen des Gotteshauses nährte jedoch die Hoffnung auf weitere Überlebende. Man werde vorerst weitersuchen, sagte der Felipe Aguilar, der in der Stadt die Rettungsmaßnahmen der Armee koordinierte. "Das hat für uns jetzt Priorität."

Die Erdstöße haben viele der meist ärmlichen, aus Lehmziegeln erbauten Häuser zerstört, so dass nun zahlreiche Menschen in der Region obdachlos sind. Das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) rief zu Spenden auf. Viele Familien warteten mit ihren Kindern bei kalten Temperaturen im Freien auf Hilfe, berichtete die Organisation. Es fehle unter anderem an Wasser, Nahrung, Medikamenten, Zelten und Decken.

Bundespräsident Horst Köhler schickte ein Beileidstelegramm an seinen Amtskollegen Alan García, das Auswärtige Amt stellte 200.000 Euro für Soforthilfe zur Verfügung, die EU will mindestens eine Million Euro geben. Auch die UN, das Internationale Rote Kreuz sowie viele Länder wie Spanien, die Schweiz oder Brasilien engagieren sich. Papst Benedikt XVI. rief in Rom zu schnellen Hilfen für die Betroffenen auf.

Patienten auf der Straße behandelt

Am schlimmsten waren die Städte Ica und Pisco betroffen. In der 60.000-Einwohner-Stadt Pisco sei auch ein Krankenhaus eingestürzt, berichtete die Zeitung "El Comercio". Dabei seien 30 Menschen ums Leben gekommen, sagte Klinikleiter Fernando Barros. Vermisste würden unter den Trümmern gesucht. Die Situation sei "schreckenerregend". Man habe weder Trinkwasser noch Strom. Patienten würden auf der Straße behandelt.

Bürgermeister Juan Mendoza sagte, Pisco sei zu 70 Prozent zerstört. Mehrere Stunden nach dem Beben lagen die Leichen vieler Opfer noch immer auf den Straßen. "Wir haben so viel gearbeitet für unsere Stadt, und nun ist alles vernichtet", sagte Mendoza unter Tränen dem Radiosender RPP. Die Regierung bezeichnete die Lage in Ica und Pisco als "dramatisch".

Peru häufiger von Beben betroffen

Auch in der Provinzhauptstadt Ica stürzten zahlreiche Gebäude ein. Die Stromversorgung brach zusammen, Brücken und Straßen waren unpassierbar, die Armee errichtete eine Luftbrücke. In der Acht-Millionen-Metropole Lima löste das Beben Panik in der Bevölkerung aus. Bewohner stürzten auf die Straßen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, Telefonverbindungen brachen zusammen.

Peru wird häufiger von Erdbeben heimgesucht. "Peru ist eigentlich ein ganz klassisches Erdbebenland, die Pazifikküste Südamerikas allgemein ein Starkbebengebiet", so der Krefelder Geophysiker Klaus Lehmann. Der Experte vom Geologischen Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen erklärte, vor Peru schiebe sich die ozeanische Kruste der Nazca- Platte unter die südamerikanische Kontinentalplatte. "Das passiert mit einer mittleren Geschwindigkeit von etwa zehn Zentimetern pro Jahr. Das geschieht aber nicht gleichmäßig, sondern in Schüben, und so kommt es in der Region regelmäßig zu Erdbeben."

DPA/Reuters / DPA / Reuters