Friedrichskoog Die Sturmflut blieb aus


Die Vorhersagen an der schleswig-holsteinischen Küste waren beunruhigend: Mit einem Katastrophenstab, geschlossenen Schleusentoren und der Freiwilligen Feuerwehr sollte der Sturmflut getrotzt werden. Die blieb aber aus - zum Glück.
Von Thomas Krause, Friedrichskoog

Als sich die Fluttore schließen, liegt die Hoffnung nur noch einen halben Meter unterhalb der Kaimauer. Die "Hoffnung" ist knallrot und trägt gelbe Masten und ihren weißen Namenszug am Heck. Der Krabbenkutter hat im Hafen festgemacht, bevor Schleusenwärter Heiko Hassenstein um elf Uhr mit den schweren Stahltoren verhindert, dass noch mehr Wasser ins Hafenbecken von Friedrichskoog strömt und die Hafenanlagen überflutet werden. Bis zum Mittagshochwasser sind es noch beinahe anderthalb Stunden und das Sturmtief "Kyrill" drückt das kalte Wasser kräftig auf die schleswig-holsteinische Küste.

Die Prognose lautet für die gesamte Nordseeküste gleich schlecht: Orkan mit Böen bis zu 200 km/h und schwere Sturmflut mit einem Wasserstand, der 3,5 Meter über dem normalen Hochwasser liegt. Sollten sich diese Vorhersagen bewahrheiten, würde an der gesamten Nordsee Katastrophenalarm herrschen. "So etwas habe ich in den sechs Jahren, die ich hier arbeite, noch nicht erlebt", sagt Hassenstein und blickt aus dem Fenster seines Schleusenwärter-Hauses. Von dort aus kann er auf die Fischrestaurants und Kneipen am Hafen von Friedrichskoog sehen. Sie sind alle geschlossen.

"Wir wissen nicht, was auf uns zukommt"

Im Ort dagegen, etwas weiter weg vom Wasser, haben zwei Gasthäuser geöffnet. Im "Friedrichskooger Hof" bedient Inhaberin Ines Golibzuch die wenigen Gäste: Nur zwei der hellen Holztische sind besetzt. Die Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren ist sich sicher, dass die Deiche in den vergangenen Jahren gut in Stand gehalten wurden: "Ich werde jedenfalls ganz normal ins Bett gehen und Morgen dann schauen, ob etwas zu Schaden gekommen ist." Ganz so sicher scheint sie sich dann aber doch nicht zu sein."Wahrscheinlich wissen wir nicht, was auf uns zukommt", sagt Golibzuch.

Genau diese Unsicherheit, wie schwer die Sturmflut wird, scheint viele Einwohner von Friedrichskoog umztutreiben. Überall, wo man über den Deich oder eine Schleuse schauen kann, herrscht reger Betrieb. Denn das Niedrigwasser bringt keine Entspannung: Die Wasserstände fallen nicht. An normalen Tagen liegen über drei Meter zwischen dem Wasserstand bei Niedrig- und dem bei Hochwasser. Doch dies ist kein normaler Tag.

Die Wellen branden gegen den Deich

Mit der Dunkelheit bricht die Anspannung über den Koog herein. Um 19.30 Uhr herrscht Nordwestwind der Stärke 10, in Böen mehr. Jeder, der sich über die Deichkrone wagt, muss sich nach vorne lehnen, um dem Wind zu widerstehen. Selbst das Atmen fällt schwer. Vor dem Deich ist der Badestrand verschwunden, die Wellen branden schon gegen den Deichfuß. Die Freiwillige Feuerwehr hält sich bereit, denn bis zum Hochwasser sind es noch über vier Stunden.

Doch die Entscheidung über einen Alarm wird woanders getroffen: In Heide sitzen Vertreter der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und des Amts für ländliche Räume und beratschlagen die Situation. Dieser Katastrophenstab steht in ständiger Verbindung mit den Außenstellen direkt an der Küste, wie etwa der am Meldorfer Hafen. In dem roten Backsteingebäude auf dem Deich sitzt Baubetriebsleiter Stefan Möller. "Allein hier liegen 88.000 Sandsäcke für den Notfall bereit", sagt der kräftige Mann in Jeans und blauem Pullover. "Auf Eiderstedt und in Husum liegen nochmal 150.000 Stück." Ruhig sitzt er da und beobachtet auf seinem Computermonitor Pegelstände und Windvorhersagen.

Überraschend fällt der Wasserstand

Es sind nicht nur die Sandsäcke, die ihm diese Ruhe verleihen. Um 20.30 Uhr fängt der Pegel in Büsum überraschend an, zu fallen: Der Wind bläst nur noch mit Stärke 7. Wenig später korrigiert das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie die Vorhersage für die Wasserstände nach unten. Bis zu 2 Meter 50 über dem normalen Hochwasser werden nun erwartet. "Das reicht nicht einmal für einen Voralarm", sagt Möller. Um 22.30 Uhr, zwei Stunden vor Hochwasser, beendet der Katastrophenstab seine Sitzung.

Als das Hochwasser um 0.30 Uhr dann da ist, brennt in kaum einem Haus in Friedrichskoog noch Licht. Die Bewohner sind ins Bett gegangen. Und auch die "Hoffnung" liegt da, als habe es ein Orkantief namens "Kyrill" nie gegeben.


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