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Gender-Aktivismus Christie Elan-Cane kämpft für ein "X" im Pass: "Es ist entmenschlichend, männlich oder weiblich ankreuzen zu müssen"

Gender-Aktivismus: Christie Elan-Cane kämpft im Vereinigten Königreich für ein "X" im Pass.
Christie Elan-Cane kämpft in Großbritannien für ein "X" im Pass
© Dominic Lipinski / Picture Alliance
Männlich oder weiblich, diese beiden Optionen gibt es bislang im Pass in Großbritannien. Christie Elan-Cane kann sich diesen Kategorien nicht zuordnen und kämpft für ein "X" im Pass. Seit bald drei Jahrzehnten. 

Christie Elan-Cane aus Großbritannien fordert ein neutrales "X" im Pass und damit "die volle rechtliche Anerkennung von Menschen, die sich nicht den Kategorien männlich oder weiblich zuordnen lassen". Im März 2020 hatte Elan-Cane ein entsprechendes Verfahren gegen die britische Regierung verloren. Der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs hatte Elan-Canes Beschwerde im Dezember 2021 abgewiesen. "X" bleibt keine Option. 

Andere Länder bieten diese Möglichkeit bereits an. Intersexuelle Menschen haben in Deutschland seit Ende 2018 die Möglichkeit, beim Eintrag ins Personenstandsregister "divers" zu wählen. In mindestens zwölf Ländern kann nach Angaben der Organisation Employers Network for Equality and Inclusion "divers" oder "X" im Pass eingetragen werden, darunter Dänemark, Argentinien, Kanada, Indien und Pakistan.

Trotz der Niederlagen gibt per nicht auf – per ist das Pronomen, das Christie Elan-Cane statt sie oder er verwendet. Es leitet sich vom englischen "person" ab. Mitte Juni gab per bei Twitter bekannt, dass der Fall jetzt dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vorliege. Stern hat mit Elan-Cane über den jahrzehntelangen Kampf um Anerkennung gesprochen, der zu Beginn ein einsamer war. 

Welche Bedeutung hat ein "X" im Pass für Sie?  
Es ist eine krasse Missinterpretation, wenn ich männlich oder weiblich in Dokumenten angeben muss. Der Pass bestimmt meine Identität. Es ist entmenschlichend, männlich oder weiblich ankreuzen zu müssen.

Vielfalt – in all ihren Erscheinungen – ist elementar für eine offene Gesellschaft. Dieser Artikel ist Teil einer "Woche der Vielfalt", die erstmals vom 20. bis zum 26. Juni 2022 stattfindet und die den Fokus auf das Thema sexuelle Identität und Orientierung legt. In dieser Woche setzen sich RTL Deutschland sowie die Partnerunternehmen der Bertelsmann Content Alliance ganz besonders für Gemeinschaft, Toleranz und Gleichberechtigung ein.

Sie kamen als Mädchen zur Welt. Wann wussten Sie, dass Sie im falschen Körper stecken?
Als Jugendliche. Bis zu meiner Transition hat es aber gedauert. Das war ein langer Prozess für mich.

Mit Anfang 30 haben Sie sich dann die Brüste und die Gebärmutter entfernen lassen.
Ich war 31 Jahre alt bei meiner ersten Operation, einer Mastektomie, und 33 bei der zweiten, einer Hysterektomie. Einige werden diesen radikalen Schritt heute nicht mehr verstehen. Es schien damals aber keine Alternative zu geben. Es waren andere Zeiten.

Hat es in diesem Prozess auch eine Phase gegeben, in der Sie dachten, Sie würden fortan als Mann leben wollen? 
Nein, nie. Ich wusste, ich stecke im falschen Körper. Aber ich wusste auch, dass ich kein Mann sein wollte. 

Wie hat Ihr Umfeld damals auf Ihren Schritt reagiert?
Verständnisvoll. Wer es nicht getan hat, mit dem wollte ich ohnehin nichts mehr zu tun haben. Das gilt bis heute. Ich merke es auch bereits in der Anrede. Ich verwende per als Pronomen. Manche fragen mich danach, wie ich angesprochen werde möchte, andere weise ich im Gespräch darauf hin. Wer hier verständnislos reagiert, der wird mich auch nie wirklich respektieren.

Sie haben Anfang der 1990er in einem Interview mit der BBC öffentlich über Ihre Transition gesprochen. Wie war diese Erfahrung rückblickend für Sie?
Im Nachhinein war das naiv. Ein Produzent der BBC wollte mit einer Person sprechen, die androgyn lebt. Ich verbrachte damals viel Zeit mit einer Gruppe von Transmenschen, dadurch entstand der Kontakt. Ich dachte, nach dem Interview wissen alle über mich Bescheid und dass es eine gute Form des Coming Out wäre, gerade auch für die Arbeit. Doch das war es nicht. Ich habe meinen Job verloren. Ich habe damals im Marketing-Bereich gearbeitet. Es war nicht gewünscht, dass ich Kontakt mit Kunden habe. Ich habe danach viele, viele Bewerbungen geschrieben, doch nichts klappte. Mir blieb am Ende einzig der Aktivismus.

Sie haben Ihren Kampf vor bald drei Jahrzehnten begonnen – einer anderen Zeit. Wie allein haben Sie sich damals gefühlt? 
Am Anfang sehr. Es gab keine sozialen Medien. Ich wusste irgendwann von gerade mal drei Personen weltweit, die sich wie ich als non-gendered definieren. 

Woraus schöpfen Sie Kraft seit all den Jahren?
Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der mich sehr unterstützt. Inzwischen erfahre ich auch von vielen anderen Unterstützung. Und mich treiben die Ungerechtigkeiten an, die immer noch existieren.

Im Dezember wies der Oberste Gerichtshof Ihre Beschwerde ab. Was löste das in Ihnen aus?
Ich war ehrlich gesagt erschüttert von diesem Urteil. Ich war wütend. Es zeugt von einem Mangel an Verständnis für diesen Fall. Eine ganze Reihe von Ländern zeigt, dass es möglich ist, ein "X" im Pass einzuführen.

Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr: Wäre die Bevölkerung offen dafür?
Ja, ich denke schon. Ich erlebe viel Offenheit und Zuspruch. Leider gibt es auch zunehmend Antitrans-Bewegungen im Vereinigten Königreich und die britische Regierung scheint das zu unterstützen. Ich glaube, wenn die Regierung wechseln würde, würden sich auch meine Chancen erhöhen.

Sie ziehen den Fall jetzt an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg weiter. Wie schätzen Sie Ihre Chancen dort ein?
Mein Team und ich sind zuversichtlich. Aber wir wissen es schlichtweg nicht. Bislang sind solche Fälle auf nationaler Ebene gelöst worden. Es wäre der erste Fall dieser Art in Straßburg.

In welchen Bereichen muss sich in Ihren Augen neben dem Pass noch etwas ändern? 
In einigen. Bei Versicherungen zum Beispiel sollte es auch überall möglich sein, etwas anderes als männlich oder weiblich ankreuzen zu können. Oder bei Banken. Als meine Bank auf Online Banking umgestellt hat, konnte ich das zunächst nicht nutzen, weil ich auch hier männlich oder weiblich hätte ankreuzen müssen. Schließlich hat die Bank eine dritte Option eingeführt. Hier hat mein Einsatz etwas bewirkt. Wir brauchen zudem geschlechtsneutrale Toiletten. Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun.

In einer früheren Version hieß es, in Deutschland gebe es seit 2018 "den Personenstand 'divers'". Wir haben dies nun korrigiert.

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