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Häuserkollaps in Köln: "Was hätte alles passieren können"

Noch immer werden Menschen vermisst, Historiker machen sich große Sorgen um die wertvollen Dokumente, doch am Abend eines Schreckenstages in der Kölner Südstadt wird deutlich: Die ganz große Katastrophe ist beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs ausgeblieben. Immer mehr deutet darauf hin, dass der nahe U-Bahn-Bau das Unglück ausgelöst hat.

Von David Meiländer, Köln

Florian Schmidt spricht heute nur noch im Konjunktiv. Ihm gehe es gut, sagt er. Richtig fassen kann er das aber noch nicht. "Unglaublich, was alles hätte passieren können", sagt er. Es war 14 Uhr am Dienstagnachmittag, als die Wände seiner Wohnung in der Kölner Severinsstraße zu wackeln begannen. "Zunächst habe ich gedacht, es sei ein Erdbeben. Ich bin sofort aufgesprungen und ins Treppenhaus gelaufen", erinnert er sich. Als er unten ankam, erwartete ihn eine dichte Staubwolke: Das Historische Archiv der Stadt Köln, nur zwei Häuser rechts von seiner Wohnung, lag in diesem Moment schon in Schutt und Asche. Zusammengebrochen, weil in der nahen Baugrube der U-Bahn Erde abgerutscht ist. Darauf weist zumindest am Abend alles hin.

Die Kölner Feuerwehr löste sofort Großalarm aus und sperrte das Gebiet rund um den Unfallort, den Waidmarkt, ab. Mehr als 200 Feuerwehr-Leute waren im Einsatz.

Vier Stunden später sitzt Florian Schmidt in der U-Bahn-Linie vier in Richtung Neumarkt. Seine Haare und sein Gesicht sind mit einer gräulichen Staubschicht überzogen. "Ich habe großes Glück gehabt", sagt er und fährt sich mit der rechten Hand über die Stirn. "Die Nachbarhäuser sind sehr langsam eingestürzt. Dadurch konnten wir uns noch schnell genug in Sicherheit bringen." Laut Feuerwehr seien die mehrgeschossigen Häuser neben dem Archivgebäude dem kurz nach dem Zusammenbruch ebenfalls kollabiert. Die Trümmer seien auch auf die Straße und eine nahe gelegene U-Bahn-Baustelle gestürzt.

Öffnung in der U-Bahn-Baugraube

Bis zum Abend verdichtete sich der Verdacht, dass der U-Bahn-Bau unter der Severinsstraße die Ursache für den Einsturz gewesen ist, immer mehr. Kölns Feuerwehr-Direktor Stefan Neuhoff sagte am Dienstagabend, in der unmittelbar benachbarten 28 Meter tiefen Baugrube für die U-Bahn-Erweiterung sei wohl eine Öffnung entstanden. In diese Öffnung sei Erde nachgerutscht, und dadurch sei dem Historischen Archiv möglicherweise der Boden entzogen worden. Auch der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe für die U-Bahn-Erweiterung, Rolf Papst, sagte, es könne sein, dass die Absackung mit Aushubarbeiten in der Grube zu tun habe. Dort entsteht zurzeit eine Weichenkonstruktion. Diese Äußerungen würde zu den Beobachtungen passen, dass in der Vergangenheit immer wieder Risse in den entdeckt worden waren. Ein Mitarbeiter des Archivs berichtete, er selbst habe Risse schon vor Monaten gemeldet, geschehen sei jedoch nichts.

Trotz allem: Die große Katastrophe ist ausgeblieben. Daniel Leopold, dem Pressesprecher der Feuerwehr, ist die Erleichterung am späten Dienstagnachmittag anzusehen. Er steht wenige Meter entfernt von der Unfallstelle vor dem ehemaligen Polizeipräsidium. Die Glasscheiben sind zersprungen. Bisher kann Leopold fast nur gute Nachrichten vermelden: Keine Toten und keine Verletzten. Ob das so bleibt, ist noch ungewiss. Bei mehreren Bewohnern der angrenzenden Häuser hat seine Behörde den Aufenthaltsort noch nicht klären können – ob sie zum Zeitpunkt des Einsturzes in ihren Wohnungen waren, wissen sie nicht. "Es ist auch möglich, dass wir unter den Trümmern verschüttete Passanten finden werden", sagt Leopold. "Dennoch kann man sagen, dass sich unsere schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt haben."

Zunächst sei die Feuerwehr routinemäßig von mehreren Verletzten und Toten ausgegangen und hatte die entsprechenden Einsatzkräfte bereit gestellt. Mittlerweile sind auch Hunde des Roten Kreuzes im Einsatz, um eventuell Verschüttete durch ihren Geruchsinn aufzuspüren. Keine leichte Aufgabe. Die Unfallstelle gleicht einer Trümmerwüste - so als wäre eine Bombe eingeschlagen. Die Häuserwände der Nachbargebäude sind komplett eingerissen. Ein dunkelblauer Teppichboden hängt lose aus dem dritten Stock eines der Gebäude, darunter liegt ein verwüstetes Schlafzimmer komplett offen - nur das Regal mit den in rote und blaue Umschläge eingehüllten Bücher hat die Erschütterungen wie ein Wunder überstanden. Das darüberliegende Dach scheint nur noch von losen, übereinander getürmten Steinen gehalten zu werden.

Auf der anderen Seite kein besseres Bild: Tapetenfetzen hängen an den Seiten, im zweiten Stock ein Badezimmer mit olivgrünen Kacheln und einem weißes Keramik-Waschbecken. In diesem Haus lebt das Ehepaar, nachdem die Polizei den ganzen Tag schon fieberhaft sucht. Ihr Aufenthaltsort konnte bisher nicht ermittelt werden, ob sie sich im Haus befinden oder unter den Trümmern, ist unklar. Doch weil das Gebäude stark einsturzgefährdet ist, gestaltet sich die Suche darin nach Feuerwehrangaben als schwierig. Am Abend fahren Betonmischer auf. Das Gelände muss befestigt werden, sonst bleibt die Suche an manchen Stellen zu gefährlich. An Aufräumarbeiten im großen Stil ist im Moment noch nicht zu denken. Florian Schmidts Wohnung ist intakt, aber betreten darf er sie nicht. Zu gefährlich, sagt die Feuerwehr. Mit der Linie vier fährt er zum Friesenplatz, dort wird er in der Wohnung einer Freundin übernachten. "Das ist kein Problem für mich", sagt er. "Ich bin einfach dankbar, dass ich hier bin und nicht dort in der Severinsstraße unter den Trümmern liege."