Hurrikan "Gustav" Hoffnung in New Orleans


Hurrikan "Gustav" ist an der Golfküste der USA angekommen. Mit Windgeschwindigkeiten von fast 180 Stundenkilometern und heftigen Niederschlägen traf er die Küste von Louisiana rund 110 Kilometer südwestlich der Großstadt New Orleans. Zuvor hatte "Gustav" jedoch bereits an Kraft verloren. In New Orleans macht sich vorsichtiger Optimismus breit.

Gebannt verfolgte ganz Amerika den nahenden Hurrikan "Gustav". Stunde um Stunde wuchs der Optimismus, dass er nicht die schrecklichen Folgen von "Katrina" vor drei Jahren haben werde. Aber die Angst blieb: Denn schon am Mittag hatte der hohe Wellengang erste Dämme westlich von New Orleans überwunden - und der Regen prasselte Stunde um Stunde auf die geplagte Golfküste.

Das Auge des Wirbelsturms traf die Küste von Louisiana etwa 110 Kilometer südwestlich der evakuierten Großstadt New Orleans nahe der Ortschaft Cocodrie. Nach Angaben des örtlichen Fernsehsenders WDSU sei das Wasser an einem Industrie-Kanal im Süden der Stadt in Wellen über den Damm gelaufen. Allerdings habe der Damm zunächst standgehalten. Wind und Regen seien extrem stark, der Sturm drehe sich allerdings von New Orleans weg, berichtete der Sender.

Fast zwei Millionen Menschen auf der Flucht

Mit heftigen Regenschauern und starken Winden hatte "Gustav" sich angekündigt. Fast zwei Millionen Menschen waren zuvor aus den besonders bedrohten Bundesstaaten an der US-Südküste geflohen. Obwohl "Gustav" am Montagmorgen auf Stufe zwei (bei einer Skala bis fünf) herabgestuft worden war, bleibe der Wirbelsturm eine "extrem ernste" Bedrohung, betonte das Nationale Hurrikan-Warnzentrum in Florida. Die Katastrophenschutzbehörde Fema warnte vor gravierenden Schäden, die von dem "Monstersturm" ausgehe. Als größte Gefahr wurden drohende Überschwemmungen angesehen.

"Wir sehen einige Wellen überschwappen, aber wir sind zuversichtlich, dass es keinen katastrophalen Bruch der Dämme geben wird", sagte Oberst Jeff Bedey vom Hurrikan-Expertenteam der US-Armee im Sender CNN. Andere Fachleute sagten voraus, dass es vermutlich kaum Todesopfer geben werde, allerdings viele beschädigte Häuser, viele Straßen, Brücken und Schienen würden wohl überflutet werden.

"Gustav" sehr viel schwächer als "Katrina"

"Gustav" ist nicht nur sehr viel schwächer als "Katrina", die 2005 mit der Maximalstärke von fünf auf der Hurrikan-Skala über das Land im Süden der USA gerast war und rund 1800 Menschen das Leben gekostet hatte. Auch Regierung und Behörden waren anders präpariert: US-Präsident George W. Bush wollte diesmal - knapp fünf Monate vor seinem Amtsende - die Scharte "Katrina" auswetzen, die sein Bild in den Geschichtsbüchern wohl besonders stark schmälern wird. Das Versagen der Regierung damals zählt zu den dunkelsten Kapiteln der pannenreichen Bilanz der Bush-Zeit.

Alle seien nun "sehr viel besser vorbereitet gewesen als noch 2005", betonte die First Lady, Laura Bush, in einem CBS-Interview, indirekt eingestehend, dass damals die Regierung völlig versagt hatte. Denn auch 2005 gab es rechtzeitig genug Warnungen über die möglicherweise verheerenden Folgen des Hurrikans. Nun standen der Katastrophe neue und gestärkte Dämme entgegen. Nun war die Nationalgarde alarmiert, Katastrophenschutz und Sicherheitskräfte wussten um die Herausforderung.

Die Lager im Hinterland waren gefüllt mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Medikamenten, Decken, Zelten. Vor allem aber waren die über zwei Millionen Menschen in der Küstenregion rechtzeitig aufgefordert worden, unverzüglich ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Heimatschutzminister Michael Chertoff meinte denn auch am Montag stolz: "Wir haben hier großartige Arbeit geleistet."

Fast alle Bewohner an der Golfküste waren bis Montag evakuiert - allerdings ließen sich nicht alle von den dramatischen Appellen von New Orleans' Bürgermeister Ray Nagin beeindrucken, der jeden aufgefordert hatte, die Stadt am Mississippi zu verlassen. Rund 10.000 Menschen in der Stadt ignorierten die drohenden Gefahren.

"Ich renne vor keinem Hurrikan weg", meinte die 54-jährige Aline Wegmann in Harvey im Süden New Orleans. "Ich habe sie alle durchgestanden, "Katrina", und als ich sieben Jahre alt war auch Hurrikan "Betsy"", sagte die Kellnerin kühl zur "Washington Post". "Ich habe das Bauchgefühl, dass dies schon kein so schlimmer Hurrikan wird", sagte Andrew Joseph im Stadtteil Lower Ninth Ward.

"Dummer, falscher Stolz"

Geflohen ist Angelique Robinson, die aber zornig auf ihren Mann ist: Dieser ließ sie alleine mit ihren fünf Kindern auf den Zug raus aus New Orleans. Er blieb in seinem Haus im Arbeiterviertel Upper Ninth Ward. "Dummer, falscher Stolz", schimpft Robinson auf ihren "dickköpfigen" Mann.

"Vor Gottes Willen kann man sich nicht schützen", meinte der 73-jährige Roosevelt Scott. Er habe genug Vorräte und einen Notgenerator, falls der Strom ausfalle, sagte der Rentner der "New York Times". "Es gibt eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben", meinte er fatalistisch.

"Wir haben eine Liste von Menschen, die zurückgeblieben sind. Sie werden die ersten sein, zu denen wir fahren werden und bei denen wir schauen, ob alles in Ordnung ist", kündigte der Katastrophenhelfer Phillip Truxillo dem Fernsehsender WWL-TV an.

Zu den Menschen, die vor dem Eintreffen von "Gustav" nicht aus New Orleans fliehen konnten, gehört Michael Kennedy. Er arbeitet in der Küche eines Cafés in New Orleans, das immer noch geöffnet hat. Dem Fernsehsender CNN sagte er: "Viele Leute haben kein Auto, um wegzufahren. Sie haben kein Geld für Benzin. Und für so eine lange Zeit ein Hotel bezahlen? Jeder muss machen, was er denkt, aber ich bleibe hier und arbeite weiter." Sein Kollege Jeremiah O'Farrell stimmte ihm zu: "Wenn ich abhauen würde, würde ich wahrscheinlich meinen Job verlieren. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich hin sollte."

Katastrophen-Tourismus im "French Quarter"

Im berühmten "French Quarter" im Zentrum von New Orleans ist das heitere Leben ebenfalls nicht völlig zum Erliegen gekommen. Zwar waren die meisten Bars und Restaurants im Vergnügungsviertel verbarrikadiert und verrammelt. Manche Kneipenbesitzer allerdings dachten gar nicht daran, zu schließen. In "Johnny's White's" vergnügten sich noch am Sonntag trotz des heulenden Windes vor der Tür über zwei Dutzend Gäste, tranken Rum und schmauchten zu Blues- Songs ihre Zigaretten - darunter viele Journalisten. Denn seit Katrina ist dieses Lokal als eines bekannt, dass niemals seine Tore schließt. Auch für die Oben-Ohne-Bar "Hustler Club" in der Bourbon Street lief das Geschäft - offenbar nicht einmal schlecht - weiter, berichtete WWL-TV.

Bush sagt Rede auf Nominierungsparteitag ab

US-Präsident George W. Bush hatte wegen "Gustav" seine für Montagabend geplante Rede auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner in St.Paul/Minneapolis abgesagt. Er werde vermutlich lediglich per Video-Schaltung zu den Delegierten auf dem Parteitag sprechen. Die Republikaner diskutieren laut Medienberichten ihren ursprünglich auf vier Tage angesetzten Parteitag wegen "Gustav" umzustrukturieren und drastisch zu straffen.

Bushs Parteifreund John McCain, der auf dem Kongress seiner Republikanischen Partei offiziell zu deren Präsidentschaftskandidaten gekürt werden soll, besuchte am Sonntag die bedrohte Region. Er hatte zeitweilig sogar eine Verschiebung des Parteitages erwogen.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama will Spendengelder und Freiwillige seiner Wahlkampfteams zur Verfügung stellen, um möglichen Opfern des Hurrikans "Gustav" zu helfen. "Ich denke, dass wir tausende Helfer hier runter bekommen könnten, wenn dies notwendig wäre", sagte er laut CNN. Der schwarze Senator aus Illinois wolle zuerst mit den Beamten vor Ort besprechen, wo Hilfe am dringendsten nötig sei und dementsprechend handeln. Obama plane außerdem, in die betroffenen Regionen zu fahren, sobald sich die Lage wieder beruhigt habe.

Auswirkungen auf die Ölförderung

Während sich die wenigen Daheimgebliebenen und die Geflüchteten Sorgen darüber machten, ob in wenigen Stunden ihr Haus noch stehen würde, sorgte "Gustav" bereits für erhebliche Auswirkungen in der Wirtschaft. Erneut trieb der Sturm die Ölpreise in die Höhe. Zuvor hatte er die Produktion der US-Ölförderanlagen am Golf von Mexiko stark eingeschränkt. Nach Angaben des amerikanischen Energie- Informationsdienstes Rigzone wurden bis Sonntag mindestens 223 der 717 fest verankerten Produktionsplattformen geräumt. Auch von den 121 beweglichen Bohrtürmen mussten 45 geschlossen werden.

Unterdessen hat die EU-Kommission angekündigt, den Opfern von "Gustav" in der Karibik zwei Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung zu stellen. Nach Berichten hätten allein in Haiti rund 8000 Menschen ihr Obdach verloren, erklärte EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel in Brüssel. Auch in Jamaika und Kuba seien schwere Schäden zu befürchten. Von dem Geld sollten Zelte, Trinkwasser, Nahrungsmittel und Medikamente gekauft werden.

DPA DPA

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