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Hurrikan "Katrina": "Das ist unser Tsunami"

Der Hurrikan "Katrina" hat bis zu 80 Menschen das Leben gekostet und Schäden von bis zu 26 Milliarden Dollar angerichtet. Schuld an der Katastrophe seien laut Klimaexperten nicht nur massive Eingriffe in die Natur sondern auch US-Präsident George W. Bush.

"Die Verwüstung ist einfach unglaublich", sagt der Gouverneur von Mississippi, Haley Barbour. Es gebe unbestätigte Berichte, wonach allein im Bezirk Harrison 80 Tote zu beklagen seien, so Barbour. In der Kleinstadt Biloxi kamen 30 Menschen in einem Wohnblock um, der weitgehend zerstört wurde, wie Jim Pollard vom Katastrophenschutzzentrum in Harrison mitteilte. In seinem Bezirk gebe es zwanzig weitere Tote. Drei Menschen wurden in anderen Bezirken Mississippis von umstürzenden Bäumen erschlagen. Zwei Personen kamen im Nachbarstaat Alabama bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Schon am Donnerstag, als "Katrina" über Florida hinwegfegte, verloren elf Menschen ihr Leben. Hunderte Ortschaften standen unter Wasser, zigtausende Häuser wurden beschädigt und mehr als eine Million Menschen waren ohne Strom. Es könne zwei Monate dauern, bis die Elektrizitätsversorgung wieder vollständig hergestellt sei, erklärten die Behörden. In New Orleans brach ein Hauptwasserrohr, die Einwohner mussten das Trinkwasser abkochen. Rettungskräfte versuchten, sich Zugang zu den besonders schwer betroffenen Gebieten zu verschaffen. Hubschrauber holten ganze Familien aus ihren umfluteten Häusern, viele Menschen wurden in letzter Minute mit Booten in Sicherheit gebracht.

Ersten Schätzungen des Risiko-Management-Unternehmens AIR Worldwide zufolge entstand ein Schaden bis 26 Milliarden Dollar. Damit wäre "Katrina" der teuerste Sturm, der die USA je heimgesucht hat. "Das ist unser Tsunami" sagte der Bürgermeister von Biloxi, A.J. Holloway.

Zwei Dammbrüche verschärften am Dienstag die Lage, weil sich neues Wasser in die Straßen ergoss. Das Auge des Sturms zog jedoch östlich an New Orleans vorbei. Umso heftiger wurden die Staaten Mississippi und Alabama getroffen, an deren Küsten der Sturm fast sieben Meter hohe Wellen aufpeitschte. Im Football-Stadion von New Orleans verbrachten rund 10.000 Menschen die zweite Nacht im Dunkeln. Ohne Klimaanlage war die Luft feucht und stickig.

Die Behörden warnten jedoch vor einer übereilten Rückkehr in die überfluteten Gebiete. Nachdem der Sturm den Osten von Mississippi durchquert hatte, wurden am Dienstagmorgen noch immer Windböen von knapp 100 Kilometern pro Stunde gemessen. Und die Meteorologen gaben keine Entwarnung. In den kommenden Tagen könnten sich über dem Südosten der USA gefährliche Tornados bilden.

Die schweren Schäden sind Experten zufolge auch durch die massiven menschlichen Eingriffe am Flussbett des Mississippi entstanden. Durch Begradigung und den Bau von Siedlungen in einstigen Sumpfgebieten ist der natürliche Schutz gegen extreme Wetterkatastrophen schwer beschädigt. Die prekäre Situation wird nach Überzeugung von Naturschützern durch die Klimaerwärmung verschärft.

Nach dem Trockenlegen der Sumpfgebiete und dem Bau hoher Dämme wurde die Gegend vor rund 100 Jahren bewohnbar gemacht – die Bevölkerung explodierte auf heute 485.000 Einwohner. Doch die Stadt sinkt, etwa zweieinhalb Zentimeter im Jahr, weil ständig das Grundwasser abgepumpt wird.

Die Dämme halten zudem Ablagerungen auf, die der Mississippi sonst in sein Delta spülen würde. Das Meer frisst die Küste unaufhörlich auf, weil neues "Land" nicht nachkommt. Louisiana verliert im Jahr 64 Quadratkilometer. "Die natürliche Barriere der Sumpfgebiete ist im 20. Jahrhundert um 40 bis 50 Prozent zurückgegangen", sagte Geologe Shea Penland von der Universität von New Orleans der "Chicago Tribune". "Jeder, der dort lebt, bestätigt, dass das, was einst als kleiner Sturm betrachtet wurde, inzwischen als großer Sturm gilt."

Wie Hurrikane entstehen

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Klimaexperten haben keinen Zweifel, dass die allgemeine Erwärmung die Lage zuspitzt. "Es gibt klare Anzeichen, dass die Klimaerwärmung eine Rolle spielt. Auch wenn das nicht der Hauptfaktor ist: Manchmal wird so etwas zum Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagte der Klimaexperte Kevin Trenberth der "Washington Post".

Viele Klimaschützer stellen US-Präsident Bush an den Pranger. Die Amerikaner pusten durchschnittlich doppelt so viel klimaschädliches Kohlendioxid pro Einwohner in die Atmosphäre wie Europäer, doch lehnt Bush Klimaschutzmaßnahmen wie das Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase ab. "Das behindert das Wirtschaftswachstum", sagt er.

Einige amerikanische Bundesstaaten ziehen inzwischen an ihrem als widerspenstig empfundenen Präsidenten vorbei. Neun Staaten im Nordosten der USA haben sich im August weitgehend darauf geeinigt, die Treibhausgase aus ihren Kraftwerken eigenständig bis 2020 zu senken. An der US-Westküste formiert sich eine ähnliche Koalition.

AP/DPA / AP / DPA