Hurrikanopfer Aufgebläht, verstümmelt und verwest


Die Bergung der oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Hurrikanopfer wird Monate dauern. In der Hoffnung, ihre Identität später feststellen zu können, sammeln die Einsatzkräfte jede Spur, die sie an den Leichen finden.

Während die Wassermassen langsam zurückgehen, steht New Orleans vor einer grauenhaften Aufgabe nie da gewesenen Ausmaßes: Vermutlich Tausende Leichen müssen eingesammelt, identifiziert und begraben werden. Viele davon sind aufgebläht, verwest und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Nachdem der Hurrikan "Katrina" die Südstaatenmetropole verwüstet hat, gibt es nach wie vor nur Schätzungen, wie hoch die Opferzahl wirklich sein wird. Während im Nachbarstaat Mississippi die Totenliste bei 200 steht, rechnet der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, mit mindestens 10.000 Toten allein in seiner Stadt. In Louisiana haben die Behörden 25.000 Leichensäcke bereitgestellt, ein Lagerhaus ist bereits in eine provisorische Leichenhalle umfunktioniert worden. 5.000 Leichen können dort gelagert werden.

Durcheinander von Helfern

Allerdings geht es nicht allein um ausreichenden Platz und angemessene Ausrüstung. Fraglich bleibt, wie die Opfer identifiziert werden sollen, vor allem wenn viele so arm waren, dass es von ihnen noch nicht einmal zahnmedizinische Unterlagen gibt. Und wie sollen Tote zu ihren Verwandten gebracht werden, wenn niemand weiß, wo die Angehörigen sind? In dem Durcheinander von Helfern des Bundes, des Staates Louisiana und einheimischen Kräften hat sich zumindest ein vorläufiger Plan herauskristallisiert, wie mit den Leichen umzugehen ist: "Der Bürgermeister hat sehr deutlich gemacht, dass die sterblichen Überreste mit Würde und Respekt zu behandeln sind", sagte Sally Forman, Sprecherin von Bürgermeister Nagin. An zwei großen Sammelstellen tragen Teams von Leichenbeschauern jede Information zusammen, die bei der Identifizierung helfen könnte. Dazu gehören auch die Koordinaten der Fundstelle einer Leiche.

Die Einsatzkräfte sammeln jede Spur, die sie an den Körpern finden - in der Hoffnung, dass später ein weiterer Gegenstand zur Feststellung der Identität dienen kann. In einer provisorischen Leichenhalle werden die Leichen fotografiert, und Gerichtsmediziner hoffen, sie später anhand von Röntgenaufnahmen des Gebisses, Fingerabdrücken oder DNA-Analysen zu identifizieren. Wenn das gelingt, werden die Leichname an ein von den Familien bestimmtes Beerdigungsinstitut überstellt. Wohin nicht identifizierbare Leichen kommen sollen, ist noch nicht entschieden. Allerdings wird die Identifizierung angesichts der enormen Hitze in New Orleans erschwert. Auch das Wasser kann Fingerabdrücke schnell unkenntlich machen, wie die forensische Anthropologin Amy Mundorff erklärt. Sie war bereits an der Identifizierung der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 beteiligt.

Zwar können Röntgenaufnahmen des Gebisses hilfreich sein. Jedoch brauchen die Ermittler zur Identifizierung eine Übereinstimmung mit zahnmedizinischen Daten einer Person. Und es wird wohl schwierig sein, solche Informationen aufzuspüren. Entweder fehlen sie aus Armutsgründen gänzlich oder die Fluten haben sie samt der Zahnarztpraxis weggespült.

DNA-Probe als letzte Möglichkeit zur Identifizierung

Langfristig ist auch eine DNA-Analyse der Knochen möglich. Allerdings werden wohl nur wenige Opfer mit persönlichen Habseligkeiten gefunden, die eine DNA-Probe enthalten, die als Vergleich benutzt werden kann, wie beispielsweise Zahnbürsten. Als letzte Möglichkeit bliebe dann noch die DNA-Probe eines Angehörigen. Allerdings sind die Opfer von "Katrina" inzwischen über das gesamte Land verteilt, und keiner weiß, wann sie je wieder zurückkommen können. Es werde Monate und Jahre dauern, bis alle Leichen identifiziert seien, schätzt Mundorff.

Das Ingenieurkorps der US-Streitkräfte, das die ungeheure Aufgabe hat, die Wassermassen aus New Orleans abzupumpen, fürchtet, dass Leichen die Pumpen verstopfen oder sich auf andere Weise in den Anlage verfangen. Zwar sei den Ingenieuren so ein Fall bislang noch nicht bekannt. "Wir achten aber sehr darauf. Schließlich sind die sterblichen Überreste die Angehörigen von Menschen", betonte John Rickey vom Ingenieurkorps.

Erin McClam/AP AP

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