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Japan zwei Monate nach der Katastrophe Das Volk der Helfer


Vor zwei Monaten wurde Japan von Naturgewalten heimgesucht. Die Lage in den Katastrophengebieten ist weiterhin verheerend. Dabei tun die Japaner alles, damit sich das ändert - und die Welt hilft.
Von Katia Gicquel

Es war der erste Reflex, nachdem die große Katastrophe überwunden war: Helfen! Zwei Monate ist es nun her, dass in Japan die Erde bebte, der Tsunami wütete. Und noch immer stehen auf Tokios Straßen Menschen und in Geschäften Büchsen, die um Geld bitten. Konzerne spenden, Privatleute sammeln. Umgerechnet sind bislang mehr als 500 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. Doch der Bedarf ist riesig: Zwei Monate nach dem Unglück leben noch 115.000 Menschen in Notunterkünften.

Die in Tokio lebende Deutsche Mareike Dornhege ist ein gutes Beispiel für die Solidaritätswelle, die Japan erfasst hat. In ihrem Umfeld habe sie "von jedem gehört, dass er helfen möchte". Über eine Freundin erfuhr sie von einer Initiative der Firma Nokero, die Solarglühbirnen herstellt. Glühbirnen werden in den Katastrophengebieten nach wie vor dringend benötigt. "Also habe ich bei Freunden und Verwandten in Deutschland Geld für die Glühbirnen gesammelt", berichtet Dornhege. Die Spendenbereitschaft war groß, es kam mehr Geld zusammen als erwartet und für die Birnen benötigt. So brachten Dornhege und drei Freunde auch noch Reis und Getränke nach Soma in den Nordosten des Landes.

Spenden für den Nordosten

Die Bedingungen in den Evakuierungszentren sind höchst unterschiedlich. Während die Flüchtlinge in der Nähe von Tokio einen Service mit Massagen, Unterhaltungsprogramm, prominentem Besuch und vollen Vorratslagern genießen, ist die Lage in den schwer getroffenen Präfekturen Fukushima, Iwate oder Miyagi kritisch. Die Notunterkünfte sind brechend voll. Dichtgedrängt leben die Evakuierten, Privatsphäre gibt es nicht. Abwechselung kaum. Hungern muss niemand, aber die Ernährung ist einseitig. Sachspenden sollen den Menschen das Warten ein wenig versüßen. "Die Menschen waren unglaublich dankbar und überrascht, auf einmal Leute, gar Ausländer, aus Tokio vor sich zu sehen, die ihnen säckeweise Reis und Kleidung überreichen", berichtet Dornhege. Die Versorungslage ist vor allem in kleineren Städten kritisch, die von den großen Hilfsorganisationen nicht versorgt werden und von der Regierung zu wenig Hilfe erhalten.

Gut gemeinte Spenden können aufgrund des ständig wechselnden Bedarfs auch zum Problem werden. Ein Beispiel: In Onagawacho, einer Stadt in Miyagi, sammelten sich tonnenweise Altkleider an. Kistenweise stapelt sich die Kleidung und findet keine Abnehmer. Jetzt soll alles vernichtet werden, um Platz zu machen. Im Sinne des Spenders ist es sicher nicht.

Die Spenden kommen nicht nur über den üblichen Weg der großen Hilfsorganisationen. Die Initiative war auch im Westen rege und oft ungewöhnlich. In Deutschland gaben beispielsweise drei Münchner Orchester ein Benefizkonzert, bei dem 130.000 Euro zusammen kamen. Siemens rief seine Mitarbeiter zum Spenden auf und legte noch was aus der Konzernkasse drauf, so dass letztendlich 6 Millionen Euro nach Japan flossen. Auktionen oder Sportveranstaltungen wurden zu Spendenevents. Mit der "Beer for Books"-Initiative kann selbst Biertrinken dem guten Zweck dienen. 21.000 US-Dollar und mehr als 100 Kisten mit Kinderklamotten kamen so bislang zusammen. Spielzeughersteller beteiligten sich an einer Initiative des Spielzeug Museums in Shinjuku. Das Museum hatte um Spielzeuge gebeten, die keine Batterien benötigen. Ziel ist es, in den Notunterkünften Spielbereiche einzurichten.

Selber mit anpacken statt Familienurlaub

Die gerade abgelaufene Golden Week ist mit ihren vier Feiertagen eigentlich die Zeit, in der die Japaner in ihre Heimatstädte fahren, ihre Familien besuchen oder sich Urlaub gönnen. Doch in diesem Jahr sah es anders aus. Tausende Japaner packten im Katastrophengebiet selber mit an. Non-Profit-Organisationen wie "Peace Boot" organisierten Touren über fünf Tage, die schnell ausverkauft waren. Die Helfer-Touristen zahlten dabei für die Anreise, Unterkunft und Verpflegung, aber vor allem, um ihren Beitrag leisten zu können.

Die an sich willkommene Unterstützung bereitete den örtlichen Behörden aber auch Kopfzerbrechen. Denn viele der neuen Teilzeithelfer agierten unbedarft, sie mussten untergebracht und versorgt werden. Zudem waren ihre Aufgaben nicht einfach: Trümmer mussten beseitigt, Gebäude gereinigt, Menschen versorgt werden. So passierte es immer wieder, dass sich die Freiwilligen verletzen. Das Gebiet, in dem sie eingesetzt wurden, gleicht schließlich in Teilen noch immer einer Trümmerwüste. Dornhege: "Man sieht riesige Boote auf dem Bürgersteig und Autos auf Hausdächern, die noch niemand beseitigt hat, da anderes Vorrang hatte."

Fraglich ist, wie lange die Japaner noch bereit sind, ihre knapp bemessene Freizeit den Folgen des Erdbebens zu widmen. Momentan gibt es noch Helfer im Überfluss, aber die Aufräumarbeiten werden sich noch über Monate, wenn nicht Jahre, hinziehen. Das stellt selbst die Japaner auf eine harte Solidaritäts-Probe.


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