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Frankreich Kein Pass, kein Konto, keine Rente: Frau wird für tot erklärt – und kann nicht beweisen, dass sie lebt

Jeanne Pouchain hat alle Dokumente aufgehoben 
Jeanne Pouchain hat alle Dokumente aufgehoben 
© AFP
Jeanne Pouchain wird vor fünf Jahren von einem Gericht für tot erklärt. Nun kämpft sie um einen Nachweis, dass sie noch am Leben ist – doch das ist gar nicht so einfach.

Was klingt wie aus einem Science-Fiction-Roman ist für Jeanne Pouchain bittere Realität: Ihre Identität wurde vollends gelöscht. Der Albtraum begann für die 58-Jährige, als sie im Jahr 2016 versuchte, einen neuen Pass zu beantragen und abgelehnt wurde. Sie schob es auf einen Fehler im System und dachte sich zunächst nichts dabei.

Dann musste sie in der Apotheke plötzlich für ihre Diabetes-Medikamente selbst zahlen und ihre Krankenversichertenkarte ließ sich beim Arzt nicht mehr einlesen. Erst als ihr Geschäftskonto ein dickes Minus aufzeigte, obwohl sie immer wieder Schecks zur Deckung einreichte, wurde sie stutzig, wie sie dem "Guardian" erzählt.

"Es tut mir leid, sie existieren nicht"

Sie ging zu ihrer Hausbank, bei der sie schon seit 27 Jahren Kundin war, um nachzufragen, warum ihre eingereichten Schecks nicht auf ihr Konto eingegangen seien. "Es tut mir leid, sie existieren nicht", sagte der Bankdirektor damals zu ihr. "Aber ich stehe doch hier, Sie kennen mich doch", war ihre Antwort – doch der Mann hatte keine Erklärung dafür, warum es keine Akten und keine Konten unter dem Namen Jeanne Pouchain gab. Er händigte ihr die Schecks im Wert von 14.000 Euro wieder aus und verabschiedete sie.

Pouchain und ihr Ehemann waren sich sicher, dass sich irgendwann eine Erklärung finden würde. Bis im November 2017 Gerichtsdokumente zu Händen ihres Ehemanns eintrafen, die ihren Tod erklärten. Der Brief informierte ihn darüber, dass ein Anwalt in einem Gerichtsverfahren gegen Jeanne Pouchains damaliges Reinigungsunternehmen mitgeteilt hatte, dass sie im Februar 2016 im Alter von 53 Jahren gestorben sei.

Gerichtsstreit mit einer ehemaligen Mitarbeiterin

Es gab keine offizielle Sterbeurkunde – wie konnte es auch eine geben? Doch das Gericht scheint dem Anwalt geglaubt zu haben, ohne die Wahrhaftigkeit seiner Aussage überprüfen zu lassen. Pouchain wurde klar, dass der Ursprung ihrer Misere in einem alten Gerichtsstreit mit einer ehemaligen Mitarbeiterin liegt.

Jeanne Pouchain betrieb über 20 Jahre lang eine Reinigungsfirma für Luxusimmobilien und Bürogebäude in Lyon. Im Herbst 2000 verlor Pouchain einen Auftrag zur Reinigung eines Bürokomplexes für Start-up-Unternehmen. Nach französischem Arbeitsrecht werden bei der Übernahme eines Auftrags durch ein neues Unternehmen die bestehenden Mitarbeiter als Teil des Deals übertragen.

Pouchain sagt gegenüber dem "Guardian", dass sie in ihren 20 Jahren in der Branche 35 solcher Transfers durchgeführt habe und einen Anwalt sowie einen Buchhalter beschäftigte, die sich um den Prozess kümmerten. In diesem Fall habe es nur eine Mitarbeiterin zu übertragen gegeben, die ihren letzten Arbeitstag am 31. Dezember 2000 bei Pouchain hatte – und ihr Ende Januar 2001 dennoch einen Stundenzettel für die Bezahlung von 200 Stunden einreichte. Da Pouchain sie aber nicht mehr beschäftigte, zahlte sie nicht und die ehemalige Mitarbeiterin zog mehrmals vors Arbeitsgericht.

Der Anwalt log vor Gericht

Im Jahr 2004 erklärte ein Arbeitsgericht, dass Pouchain den Transfer nicht ordnungsgemäß ausgeführt habe und verordnete eine Strafe von 14.000 Euro. Da der gegnerische Anwalt die Klage gegen "Select Services", Pouchains Firma, und nicht gegen sie persönlich eingereicht hatte, wurde das Urteil anschließend wieder für nichtig erklärt. Fünf Jahre später zog die Mitarbeiterin wieder vor Gericht, doch die Klage wurde fallen gelassen und Pouchain wurde informiert, dass das Verfahren gegen sie eingestellt wurde. Sie hatte bereits über 100.000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten zahlen müssen, sei jedoch zunächst froh gewesen, dass die Sache ein Ende hatte, erzählt die 58-Jährige dem Guardian. Sie entschied sich, die Firma aufzugeben.

Doch der Anwalt der ehemaligen Mitarbeiterin holte zum Gegenschlag aus und behauptete einfach vor Gericht, dass Pouchain verstorben sei und nun die Nachfahren gebeten werden sollten, seiner Mandantin das fehlende Gehalt zu zahlen. Der an Pouchains Ehemann adressierte Brief forderte ihn und den gemeinsamen Sohn auf, die Forderung der Angestellten von fast 20.000 Euro an Lohnnachzahlung, Entschädigung und Abfindung sowie weiteren 15.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.

Fünfzehn Tage später wurden die Konten von Mann und Sohn eingefroren, der Porsche des Ehemanns gepfändet. Der Sohn hatte sich deswegen zwischenzeitlich mit der Mutter zerworfen und hat mittlerweile das Land verlassen. "Er hasst unser Land", sagt Pouchain. Das Kuriose: Pouchain und ihr Ehemann haben bei der Eheschließung einer Art Gütertrennung vereinbart. In Frankreich bedeutet das, dass der Ehepartner eigentlich auch keine Schulden erben darf.

Tote brauchen kein Auto

In der Zwischenzeit hat Jeanne Pouchain alles unternommen, um in den Akten wieder als lebend geführt zu werden. Sie ging zu ihrem Hausarzt, um sich die eigene Lebendigkeit bescheinigen zu lassen. Doch die Behörden sagten, man könne nicht rückgängig machen, dass jemand für tot erklärt wurde. Tote brauchen keine Autos und kein Bargeld, also wurde auch ihr Führerschein eingezogen, und weder ihr abgelaufener Reisepass noch ihre Carte d'Identité, das französische Äquivalent zum Personalausweis können erneuert werden, was Reisen unmöglich macht.

Während des Covid-Lockdowns bekam man ein Bußgeld auferlegt, wenn man sich draußen nicht ausweisen konnte. Pouchain war praktisch ans Haus gefesselt. Auch Bewerbungen um einen Arbeitsplatz sind unmöglich, da sie keinen Adressnachweis hat und ihr Name wurde von der Stromrechnung gestrichen, die in Frankreich für alle bürokratischen Vorgänge verlangt wird. Stand heute wird sie keine Rente bekommen.

Frankreich: Kein Pass, kein Konto, keine Rente: Frau wird für tot erklärt – und kann nicht beweisen, dass sie lebt

Jeanne Pouchain hat deswegen schon drei Suizidversuche hinter sich und über 30 Kilo zugenommen, weil sie sich selbst nicht mehr pflegt. Sie habe eine Zeit lang Antidepressiva bekommen, doch die könne sie sich nicht mehr leisten, weil sie ihre Diabetes- und Schilddrüsenmedikamente selbst zahlen müsse, erzählt sie. Ihre Krankenversicherung hat sie als vermeintlich Tote nämlich auch verloren.

Warten auf die Wiederauferstehung

Jeanne Pouchain hat mehrere Absagen erhalten bis sie einen Anwalt gefunden hat, der bereits war, sich ihrer anzunehmen. Mehrere Gerichte, einschließlich der Cour de Cassation, der höchsten Instanz im französischen Justizsystem, haben den Fall untersucht und zugegeben, dass es "Unregelmäßigkeiten" gebe. Aber das Gericht war der Meinung, dass es außerhalb seiner Kompetenz läge, Pouchain von den Toten auferstehen zu lassen.

Pouchains örtliches Abgeordnetenbüro kümmere sich laut eigener Aussage nun auch um den Fall. Die Abgeordnete Valéria Faure-Muntian habe Pouchain mitgeteilt, sie habe mit dem Justizminister Éric Dupond-Moretti gesprochen, der Mitglied der französischen Anwaltskammer ist und den Fall genau im Auge behalten werde. Bis dahin muss Pouchain darauf warten, dass sie offiziell wiederaufersteht.

Quelle: "The Guardian"


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