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"Neurologenstreit": Tod einer 19-Jährigen – Klinik Bayreuth in der Kritik

Zwei hoch qualifizierte Neurologen werfen ihrem Arbeitgeber, dem Klinikum Bayreuth vor, Patienten zu gefährden. Sie werden gefeuert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Klinik bestreitet alle Vorwürfe.

Das Klinikum Bayreuth und ein Foto der Epilepsie-Patientin Victoria H. in einer Combo

Das Klinikum Bayreuth, Standort Hohe Warte. Hier kämpften Ärzte am 3. September 2017 vergebens um das Überleben der Epilepsie-Patientin Victoria H. (oben links in der Combo).

In Bayreuth werfen zwei hochqualifizierte Neurologen ihrem Krankenhaus vor, Patienten zu gefährden. Sie werden gefeuert, das Klinikum bestreitet alle Vorwürfe. Seit einem halben Jahr beschäftigt der "Neurologenstreit" die beschauliche Wagnerstadt.

In monatelanger Recherchearbeit gelang es dem stern, die Hintergründe der Affäre auszuleuchten. Eine Schlüsselrolle in der Argumentation der geschassten Ärzte Silvia Vieker und Jörg Schmitt spielt der plötzliche Tod der 19-jährigen Victoria H., die seit vielen Jahren am Klinikum wegen Epilepsie in Behandlung war. Sie rekonstruierten den Fall anhand der Krankenakte und warfen der Klinik ein Mitverschulden vor. Ihr Problem: Die engsten Angehörigen wollten mit der Sache abschließen und verweigerten den beiden Ärzten das Gespräch, so konnten diese letzte offene Fragen nicht abschließend klären.

Silvia Vieker. Sie und ihr Kollege Jörg Schmitt (unten) klagten vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Kündigungen.

Silvia Vieker. Sie und ihr Kollege Jörg Schmitt (unten) klagten vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Kündigungen.

Jetzt aber bricht die Mutter von Victoria H. erstmals ihr Schweigen. "Wir fühlten uns oft vom Klinikum alleingelassen", sagt sie. Im Jahr vor ihrem Tod habe Victoria H. immer wieder anfallsartige Zustände mit Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit gehabt. "Ich saß auf dem Boden, habe ihr den Kopf gehalten und in der Klinik angerufen, der Arzt sagte immer nur, eine stationäre Aufnahme sei nicht nötig." Sie sei bei der Polizei gewesen, habe das Klinikum anzeigen wollen, ein Polizist aber habe gesagt: "Überlegen Sie sich das gut. Ihre Tochter müsste für die nötigen Untersuchungen exhumiert werden." 

Klinikum Bayreuth beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht

Jörg Schmitt

Jörg Schmitt

Das Klinikum nimmt zu den Vorwürfen der Mutter mit Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht keine Stellung, beruft sich aber auf ein Gutachten. Der Fall sei geprüft worden, das Klinikum treffe keine Schuld. Es wird streng unter Verschluss gehalten. Weder der Ärztliche Direktor noch der Betriebsrat kennen es. Aufsichtsrats- und Zweckverbandsmitglieder durften es in einem Konferenzraum einsehen, Handyfotos waren verboten. "Das ist kein Gutachten", sagt ein Insider, der namentlich nicht genannt werden möchte, weil alle zum Stillschweigen verpflichtet sind. "Die Vorwürfe wurden nur stichprobenartig geprüft, es wurden keine Patientenakten eingesehen oder Einzelgespräche mit Mitarbeitern geführt. Einige Mängel wurden in vorsichtigen Worten bestätigt. Am Ende gab es Verbesserungsvorschläge." 

Gutachten stammt von der Partner-Uniklinik Erlangen

Auch die Mutter von Victoria H. weiß nichts von einem Gutachten. "Ich und Victorias Verlobter jedenfalls wurden nie befragt." Wegen der fehlenden Angehörigenanhörung im Rahmen eines so wichtigen Gutachtens könnte das Klinikum Bayreuth jetzt unter Druck geraten. Kritiker bekommen Aufwind, die es als eine "Gefälligkeits-Stellungnahme" bezeichnen. Das Klinikum widerspricht energisch, Fakt jedoch ist: Es stammt von der Partner-Uniklinik Erlangen, die schon bald in Kooperation mit dem Klinikum Bayreuth einen "Medizincampus" in der Wagnerstadt gründen will. Jährliche Fördergelder in Höhe von 36 Millionen Euro stehen auf dem Spiel, weitere 44 Millionen sollen in neue Lehr- und Forschungsgebäude fließen. 

Die Epilepsie-Patientin Victoria H. starb Anfang September 2017

Die Epilepsie-Patientin Victoria H. starb Anfang September 2017

Lesen Sie mehr über den Fall im aktuellen stern, der an diesem Donnerstag erscheint.