HOME

Küstenabbruch auf Rügen: Retter setzen Suche nach Mädchen fort

Die Bergungsmannschaften auf Rügen haben die Suche nach der verschütteten Zehnjährigen wieder aufgenommen. Hoffnung, sie lebend zu finden, besteht allerdings nicht mehr. Unterdessen geht die Diskussion über die Konsequenzen aus dem Unglück weiter.

Nach dem auf Rügen verschütteten zehnjährigen Mädchen aus Brandenburg wird weiter verstärkt gesucht. Einsatzleiter Daniel Hartlieb beorderte am Mittag auch Kräfte des Technischen Hilfswerkes und von zwei weiteren Feuerwehren zum Einsatzort. "Die Kameraden, die seit dem Morgen im Einsatz sind, müssen ersetzt werden", erklärte Hartlieb. Die Männer würden bis zu den Knien im Schlamm stehen und versuchen, per Hand mit Schaufeln den Berg an der Stelle abzutragen, an dem die Spürhunde angeschlagen hatten. "Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Unser Ziel ist es, Katharina zu finden", betonte Hartlieb. Am Morgen hatten etwa 45 Feuerwehrleute aus den Orten an der Nordspitze Rügens wieder mit der Suche begonnen.

"Der Wind hat gedreht, und damit ist auch das Hochwasser zurückgegangen. Wir kommen wieder besser an die Stelle heran, an der die Suchhunde angeschlagen hatten. Wir hoffen, das Kind endlich zu finden", sagte Hartlieb. Laut Hartlieb sollen am Nachmittag erneut Spürhunde eingesetzt werden. Die Suche konzentriere sich auf eine 20 bis 30 Quadratmeter große Fläche am Rande der Abbruchstelle. Der Steilhang, an dem sich weitere Risse gebildet haben und an dem neue Erdrutsche drohen, werde kontinuierlich beobachtet. Die Gefahr für die Suchmannschaften sei kalkulierbar, da die Einsatzstelle nicht unmittelbar unterhalb der Risse liege.

Instabiler Steilhang hatte Suche verhindert

Zunächst hatte es geheißen, die Suche könne aller Voraussicht nach erst im neuen Jahr wieder aufgenommen werden. Das stürmische Wetter und ein weiterhin instabiler Steilhang an der Unglücksstelle hatten am Mittwoch die Rückkehr der abgezogenen Suchmannschaften verhindert.

Die Einsatzkräfte hätten aber nun von Seeseite aus die Unglücksstelle inspiziert. "Wir sind danach zu dem Entschluss gekommen, die Arbeit wieder aufzunehmen", sagte Einsatzleiter Daniel Hartlieb. "Wir werden sehr vorsichtig zu Werke gehen und den Steilhang ständig im Auge behalten. Es soll dort weiter gegraben werden, wo die Spürhunde zuletzt angeschlagen hatten."

Die Stelle befinde sich nicht unmittelbar unterhalb der Risse in der Steilwand, sondern ein Stückchen weiter entfernt davon. Auch bei dem neuen Einsatz habe die Sicherheit der Rettungskräfte oberste Priorität, sagte Hartlieb.

Frau und zwei Kinder erfasst

An der Nordspitze Rügens waren am Montag nach tagelangem Regen aus dem fast 40 Meter hohen Steilufer mehrere tausend Kubikmeter Kreide und Mergel in die Tiefe gestürzt und hatten eine Frau aus Nordbrandenburg mit ihren beiden zehn und 14 Jahre alten Töchtern erfasst. Die Familie war dort zu einem Weihnachtsspaziergang unterwegs. Das ältere Mädchen und die Mutter, die dem Vernehmen nach Beinbrüche erlitt, wurden gerettet. Die Zehnjährige wird seither vermisst. Am Dienstag war die Suche aus Sicherheitsgründen abgebrochen worden.

Der stellvertretende Landrat von Vorpommern-Rügen, Lothar Großklaus (CDU), kündigte für Freitag eine weitere Beratung mit Rettungskräften und Kommunalpolitikern am Kap Arkona an. Das Areal rund um die Unglücksstelle bleibe bis auf weiteres gesperrt, das traditionelle Silvester-Höhenfeuerwerk am Kap Arkona sei abgesagt worden.

Nach dem Unglück wird der Schutz der Feriengäste vor gefährlichen Küstenabbrüchen auf Rügen zunehmend zum Thema. "Wir haben 1000 Kilometer Küste. Da wäre es für den Tourismus durchaus zu verschmerzen, zwei oder drei besonders gefährdete Strandkilometer an Steilufern für Spaziergänger zu sperren", sagte Vize-Landrat Großklaus. Der Landestourismusverband und auch Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatten sich dagegen ausgesprochen, Steilküsten grundsätzlich zu sperren.

Die bis zu 100 Meter hohen Kreidefelsen bei Sassnitz und auch die Steilküste am Kap zählen zu den besonderen Anziehungspunkten der Insel Rügen. "Man kann sie sich auch sehr gut auf Schiffen vom Boot aus ansehen. Das ist auf jeden Fall sicherer", sagte Großklaus.

"Manche können oder wollen nicht lesen"

Hartlieb hält eine eindringlichere Warnung der Feriengäste vor den Gefahren der Steilküsten für dringend geboten. Sowohl Tourismusverbände als auch Hoteliers und Privatvermieter sollten mehr aufklären. Warnschilder und Aufklärungsblätter haben nach Einschätzung von Vize-Landrat Großklaus in der Vergangenheit ihre Wirkung aber weitgehend verfehlt. "Es wurden Tonnen von Papier bedruckt. Manche können oder wollen nicht lesen und begeben sich so fahrlässig in Gefahr", sagte er.

Geologen hatten jedoch darauf hingewiesen, dass Hangabbrüche Teil der natürlichen Küstendynamik und kaum vorhersehbar seien. So hatte es den Angaben zufolge an der jüngsten Unglücksstelle am Kap Arkona seit gut 100 Jahren keinen solch großen Erdrutsch gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Stralsund hat unterdessen allgemeine Vorermittlungen zu dem Unglück begonnen. Dabei werde zunächst nur geprüft, ob gegen jemanden ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden müsse, erläuterte Behördensprecher Rolf Kuhlmann. Das könnten etwa Verantwortliche sein, die möglicherweise für eine Sperrung des Küstenabschnitts hätten sorgen müssen. Ermittlungen gegen die Mutter des verschütteten Mädchens schloss er aus.

tkr/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel